18.06.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
08.04.06 / Großes Experimentierfeld / Kritiker lehnten einst die Stuttgarter Weißenhofsiedlung als "Araberdorf" ab

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. April 2006

Großes Experimentierfeld
Kritiker lehnten einst die Stuttgarter Weißenhofsiedlung als "Araberdorf" ab
von Rüdiger Ruhnau

Die Weißenhofsiedlung auf dem Stuttgarter Killesberg gehört weltweit zu den bedeutendsten Zeugnissen des Neuen Bauens und der Moderne. Sie entstand 1927 nach Vorschlägen des Deutschen Werkbundes mit dem Ziel, Modelle für das künftige Wohnen des Großstadtmenschen zu schaffen. 17 der bekanntesten Architekten aus Europa wurden eingeladen, ihre Vorstellungen vom neuen Wohnen zu verwirklichen. Darunter so anerkannte Baumeister wie Walter Gropius, Paul Bonatz, Peter Behrens, Le Corbusier, Mies van der Rohe, Hans Poelzig, Mart Stam, Hans Scharoun und Johann Pieter Oud. "J'accepte avec plaisir", antwortete Le Corbusier schriftlich auf die Einladung zur Werkbund-Ausstellung "Die Wohnung".

Diese erste umfassende Schau über das "Neue Bauen" machte die schwäbische Metropole zum Architektur-Nabel Europas. Mit der Bauhaus-Idee, daß Form und Funktion bei künstlerischen Objekten gleichberechtigt nebeneinander stehen sollen, hatte sich Deutschland in der Zwischenkriegszeit an die Spitze der internationalen Kunstentwicklung gestellt. Auch heute wird kein an Architektur Interessierter, der nach Deutschland kommt, es versäumen, die Weißenhofsiedlung zu besichtigen. Von Anbeginn gab es um das Bau-Experiment Streit. Zunächst sollten "traditionelle" wie "moderne" Architekten teilnehmen. Paul Bonatz, Lokalmatador und Erbauer des berühmten Stuttgarter Hauptbahnhofs, entwarf einen ersten Plan für eine generelle Bebauung mit traditionellen Giebelhäusern. Dagegen erhob die Gruppe der progressiven Werkbundmitglieder Widerspruch. Bonatz und Schmitthenner traten aus dem Werkbund aus und standen fortan in Opposition zur Weißenhofsiedlung. Die architektonische Oberleitung erhielt nun der Berliner Mies van der Rohe (eigentlicher Name Ludwig Mies). Um der als Bauausstellung konzipierten Siedlung einen einheitlichen Charakter zu verleihen, einigte man sich, entsprechend der geradlinigen Form der Neuen Baukunst, auf die allgemeine Form des Flachdachs. An die Stelle nationaler Baustile trat ein "internationaler Stil", innerhalb dessen die ausgewählten Architekten ihre baulichen Vorstellungen moderner Gestaltungsprinzipien realisieren konnten.

Zu den von Anfang an heftigster Polemik ausgesetzten Häusern gehörten vor allem das Doppelwohnhaus und das Einfamilienhaus von Le Corbusier (1887-1965). In seiner Pariser Zeitschrift "L' Esprit Nouveau" hatte er zwischen 1919 und 1925 zahlreiche Artikel zur "kommenden Baukunst" veröffentlicht, die zu einer Art Kultbuch für junge Architekten wurden, die sich um eine Erneuerung des Bauens bemühten. In der Weißenhofsiedlung konnte Le Corbusier sein Programm der "Neuen Architektur" verwirklichen, die unter anderem folgendes postulierte: Nicht mehr Mauern bilden das Fundament, sondern Pfosten, die durch das gesamte Haus sichtbar durchlaufen, das Haus steht gleichsam auf Stelzen. Dadurch ist keine Etage mehr an die andere gebunden. Es gibt auch keine Trennwände mehr, sondern hölzerne Verschiebewände können die Räume nach Belieben verändern. Ließ man den Vorschlag, das flache Dach als Dachterrasse für Wohnzwecke zu nutzen, und die viel Licht hereinlassenden Fensterbänder noch gelten, so stießen andere Ideen des Schweizer Architekten auf Ablehnung. Das Wohnhaus, bisher als Hort der Gemütlichkeit angesehen, sollte nun zu einem "reinen Behälter, zu einer rechteckigen Wohnkiste ohne Gliederung" werden.

Le Corbusier (eigentlich Charles-Edouard Jeanneret), der nie Architektur im landläufigen Sinne studiert hatte, übernahm 1916 ein Lehramt an der Kunstschule seines Geburtsortes La Chaux-de-Fonds. Obwohl zu den Superstars der Architektur zählend, konnte er mit seinen beiden Musterhäusern den wichtigsten Anspruch nicht erfüllen, nämlich die Rationalität der Bauweise und geringe Herstellungskosten zu berück-sichtigen. Für die eigentlichen gesellschaftlichen Zielgruppen der Ausstellung, die Arbeiterschaft und der breite Mittelstand, waren die Häuser unerschwinglich. In seinen späteren Bauten bevorzugte Le Corbusier mehr die organisch-geschwungene Form, bekanntestes Beispiel ist die Wallfahrtskirche zu Ronchamp in den südlichen Vogesen.

Den geforderten geringen Baukosten der Herstellung kamen indessen die Reihenhäuser des holländischen Architekten Johann Pieter Oud schon näher. Oud gehörte zur holländischen Avantgarde-Gruppe "De Stijl". Als Stadtplanungsarchitekt in Rotterdam schuf er eine Reihe vielbeachteter Siedlungen. Bei begrenzter Fläche zeigen seine Weißenhofhäuser eine höchst wirtschaftliche Raumausnutzung, ausgestattet mit zweckmäßigen Designermöbeln. Am entschiedensten experimentierte Walter Gropius, Gründer des Bauhauses in Weimar, mit neuen rationelleren Materialien. Eines seiner beiden Einfamilienhäuser enthielt einen vorfabrizierten Stahlskelettbau, ausgefacht mit Korkplatten; innen und außen verputzt, wurde es als "Baukasten"-Fertighaus vorgestellt. Gegner des fortschrittlichen Bauens belegten die Stuttgarter Weißenhofsiedling mit dem Spitznamen "Klein-Jerusalem". Der Architekt Paul Schultze-Naumburg äußerte sich 1927 kritisch zur Frage des Flachdachs: "Die flachen Dächer des Orients bei uns einzuführen, würde etwas Ähnliches bedeuten, als wenn man uns weiße Leinenanzüge mit Tropenhelm oder den arabischen Burnus als Tracht empfehlen würde." Im Dritten Reich bezeichnete man die Weißenhofsiedlung als "entartet". Es bestanden wohl Pläne, die Häuser abzureißen, das besorgten dann aber erst die Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Bei einem 1944 erfolgten Bombenangriff auf die Stadt Stuttgart wurde die Weißenhofsiedlung schwer in Mitleidenschaft gezogen und die meisten Häuser zerstört. Der Wiederaufbau nahm auf den ursprünglichen Zustand wenig Rücksicht. Die beschädigten Häuser räumte man ab, andere bekamen die lange "vermißten" Satteldächer aufgesetzt. Erst 1956 erinnerte man sich der baukünstlerischen Bedeutung des Architekturensembles und stellte die in ihrem Originalzustand noch einigermaßen erhaltenen Gebäude unter Denkmalschutz. Zur Bauhaus-Ausstellung 1968 wurde erstmals gründlich restauriert, damit dieses bedeutende Beispiel konstruktivistisch geprägter Baukunst wenigstens in Teilen erhalten bleibt. Aus Anlaß des 75jährigen Bestehens der Weißenhofsiedlung fand sogar der Architektur-Weltkongreß im Jahre 2002 in Deutschland statt.

Als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reichs ist die Bundesrepublik Deutschland Eigentümerin der Weißenhofsiedlung. Die heute noch bestehenden 16 Häuser mit 87 Wohnungen sind seit Jahrzehnten zu günstigen Konditionen vermietet, überwiegend an Bedienstete des Bundes. Der Wert des 1927 entstandenen Ensembles von internationalem Rang wird auf rund 16 Millionen Euro taxiert.

Zur Zeit streiten sich der Bund und die Stadt Stuttgart ums Geld. Der Bund wollte ursprünglich die Weißenhofsiedlung an die Stadt verkaufen, diese hat aber angeblich kein Geld und möchte die Siedlung lieber in eine Stiftung überführen, aber nur dann, wenn der Bund, das heißt die Bundesvermögensverwaltung, dafür kein Geld verlangt. Noch im Laufe dieses Jahres hofft man, daß es zu einer Einigung kommt und die Zukunft des kulturgeschichtlichen Denkmals gesichert bleibt.

Weißenhofsiedlung Stuttgart: Das Doppelhaus des Schweizer Architekten Le Corbusier fand nicht immer die Zustimmung seiner Bewohner. Foto: Archiv

 

Doppelhaus wird Museum

Als 1927 Le Corbusier in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung gemeinsam mit seinem Vetter Pierre Jeanneret ein Doppelhaus errichtete, wollte zunächst niemand einziehen. Zu modern war das Haus mit den bunten Schiebewänden und den Einbauschränken, aus denen man die Betten hervorzaubern konnte. Kein Wunder also, wenn diese schwer vermietbaren Wohneinheiten in der Rathenau Straße 1-3 immer wieder umgebaut wurden, um den Bedürfnissen der Bewohner zu genügen.

Nun aber ist das Doppelhaus nach einer Sanierung wieder in den Originalzustand versetzt worden. Die Wüstenrot Stiftung erbrachte 1,2 Millionen Euro für die aufwendige Wiederherstellung des architektonischen Kleinods. Die rechte Hälfte wird künftig als Musterwohnung dienen und über das neue Wohnen in den 1920er Jahren anschaulich informieren, während die linke Hälfte künftig als Museum zur Geschichte der Weißenhofsiedlung eingerichtet wird. Os


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren