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08.04.06 / Topfkuchen und "Double Dutch" / Erinnerung an alte Kinderspiele, die heute als "neuer Trend" von Amerika nach Europa zurückkehren

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. April 2006

Topfkuchen und "Double Dutch"
Erinnerung an alte Kinderspiele, die heute als "neuer Trend" von Amerika nach Europa zurückkehren
von Christel Bethke

Nachmittagskaffee bei Paula. Es sind nicht mehr viele, die sich reihum zum Kaffeeklatsch treffen. Ihre Generation stirbt aus. Herta aber, eisern wie immer, hat zugesagt. Luise hat in letzter Minute abgesagt, weil sie gestürzt ist. Irmgard und Elfriede sind im Dunkeln nicht mehr gern unterwegs. Also hat Paula den Tisch nur für zwei Personen gedeckt. Seit sie am Vorabend in einem Blättchen einen Artikel gelesen hat, der ihr bemerkenswert schien, bemüht sie sich, um Herta zu imponieren, sich einige Begriffe daraus zu merken. Wie war das noch gleich: "Double Dutch"? "Rope Skipping"? "Double Dutch" ist am besten zu behalten, weil, na "double" eben doppelt bedeutet, oder? "Skipping" wäre mit einer Eselsbrücke auch zu behalten. Ist nicht mehr viel los mit ihrem Kurzzeitgedächtnis. Doch da läutet es schon an der Tür. Schnell das Heft unters Sofakissen, zurechtgerückt, mit Handkantenschlag Knick rein, Tür öffnen.

Ach, wie schön, sich wieder zu sehen! Herta hat Kuchen mitgebracht. Altes Heimatrezept. Paula nötigt zuzugreifen. Herta sieht dem Topfkuchen an, daß Paula den wieder nicht hinbekommen hat. Sieht so trocken aus, und der Kaffee ist auch, wie immer, ein wenig schwach, denkt sie, läßt sich jedoch ein Stück Kuchen auflegen. Paula muß ihre Neuigkeit endlich loswerden: "Weißt du noch, wie gut wir im ,Double Dutch' waren? Am liebsten hatte ich dich immer als Partnerin."

Herta ist ein Krümel in den Hals gekommen und sie bekommt einen Hustenanfall, der erst nach Rückenklopfen und zwei Schluck Kaffee weniger wird. Sie blickt mißtrauisch zu Paula hin, die wieder Platz genommen hat und auf die Frage, ob ihr was schadet, harmlos tut und "wieso?" fragt. Dann muß sie aber doch lachen, gibt das Spiel auf und holt das Blatt unterm Kissen hervor. Sie will der Freundin erklären, was es mit dem "Double Dutch" und "Skippen" auf sich hat. Doch die meutert: "Hör schon auf! Gib mir das Blatt mal rüber."

Gemeint ist also ein neuer Trend aus Amerika, "Rope Skipping" genannt, der stellt sich als das gute alte Seilspringen heraus, das sie als Kinder leidenschaftlich betrieben: allein, zu zweit, "double" eben, oder gar mit einem langen Stück Seil oder Wäscheleine, heute "Longrope", das zwei schlugen und in das man seitwärts von außen, rechts und links, reinsprang.

Manchmal waren es bis zu drei Kinder, und manchmal machte auch noch einer der das Seil Schlagenden eine halbe Drehung und sprang mit. Alle im gleichen Takt und Rhythmus. Die reinsten Akrobaten, wie eine Eins. Toll, noch im Nachhinein! Selten, daß mal ein Kind ein neues Seil geschenkt bekam, so eines mit bunten Holzgriffen, an den Seilenden ein farbiger Knopf, ebenfalls aus Holz.

"Das gibt's doch nicht", wundert sich Herta, die zu lesen angefangen hat, "das kann ich ja sogar noch mit meinen bald 80 Jahren. Hast ein Stück Leine da?" Da steht nämlich, daß die meisten Kinder es heute nicht mehr schaffen, normal über ein Seil zu springen, weil sie Arm- und Beinbewegungen nicht miteinander koordinieren können. Daß sie beide das noch können, bezweifeln sie keinen Augenblick.

"Die würden uns ja gleich abführen", meint Herta, "wenn wir das durcheinander bekämen."

Sie erinnern sich, mit welcher Besessenheit sie früher gespielt haben. Herta kribbelt es in den Handgelenken und sie macht unwillkürlich Vor- und Rückwärtsbewegungen damit, ganz wie es laut Artikel sein muß. Sie wissen auch noch einen der Reime, die dazu skandiert wurden: "Teddybär, Teddybär, dreh dich um ... mach dich krumm ... heb ein Bein ... mach dich klein." Die Springenden hatten das Vorgegebene auszuführen, ohne aus dem Takt zu kommen.

Zum Schluß kam dann: "... wie alt bis du." Dann wurden die Sprünge gezählt, und jeder gab sich Mühe, alt zu werden, wer wollte denn schon jung sterben?

Was ist denn mit der Menschheit los, wundert sich Herta immer noch. Wann änderte sich das Spielverhalten der Kinder? Die eigenen hatten noch ihre Gummitwistzeit. Dauernd mußte neues Gummiband in die Unterwäsche gezogen werden, weil das alte am besten dafür geeignet war.

Seltsam. Sie kommen gar nicht darüber hinweg. Eine Erklärung für das Fehlverhalten der Kinder findet sich auch in dem Bericht: Sie bewegen sich zu wenig, während sie selbst nur rannten, mit und ohne Seil, vorwärts und rückwärts. Vielleicht wären sie sogar geflogen, wenn sie nicht so besessen vom Spiel auf der Erde gewesen wären.

Paula holt die Flasche mit dem Sherry vor, während Herta sich immer noch wundert, wie fortschrittlich sie also damals in ihrem Dorf in Masuren waren, dem Herzen im alten Europa. Haben die alle eine Ahnung. Der neueste Trend aus Amerika! Zum Lachen.

Gott, ist das alles aufregend! Nun aber mit Koordination von Hand und Mund den Sherry genossen, den Paula großzügig eingegossen hat. Herrlich! "Übrigens schmeckt dein Kuchen sehr gut dazu", meint Paula, die das Gastgeschenk probiert, und Herta greift freundschaftlicherweise nach dem dritten Stück Topfkuchen, der nun zum Sherry gar nicht mehr so trocken ist.


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