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08.04.06 / Timmy hat nur geträumt / Es geht schief was schief gehen kann - die Alpträume eines kleinen Jungen scheinen wahr zu werden

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. April 2006

Timmy hat nur geträumt
Es geht schief was schief gehen kann - die Alpträume eines kleinen Jungen scheinen wahr zu werden
von Annemarie in der Au

Als Timmy an diesem Morgen durch seine halb geöffneten Wimpern hindurchblinzelte, vergaß er die Langeweile. Sonst hüpfte sie ungefragt in sein Bett und machte ihm die Zeit schwer, bis er die Morgengeräusche der Eltern von nebenan hörte, und er keine Hemmungen mehr haben mußte, irgend jemanden mit seinem Wachsein zu stören.

An diesem Morgen spielte ein zarter Sonnenkringel mit sich selber auf der blaßgrünen Rauhfaserwand Haschen. Das volle Licht, das der bunte Fenstervorhang filterte, malte merkwürdige Figuren an Schrank und Wände. Sie erinnerten Timmy an Bilder in den Heften, in denen die Erwachsenen beim Arzt blätterten. Wenn man sie danach fragte, sagten sie, daß man endlich still sein solle.

Timmy war vier Jahre alt, und er glaubte, was er dachte. Jetzt dachte er, daß die Figuren irgendwo hinter Vorhang und Fensterscheibe steckten, und er sie vielleicht lange genug anschauen und ergründen konnte. Doch als er sich aus dem Bett getraut und den Stuhl ans Fenster gezogen hatte, eröffnete ihm der vorsichtige Vorhangspalt nur das bekannte eintönige Bild.

Streng in Reih und Glied richtete das nächste Hochhaus seine grauschwarzen Balkone aus. Keiner durfte aus der Reihe tanzen. Nur an manchen Tagen winkten ein paar Wäschestücke aus dem gleichförmigen Grau herüber. Verstohlen. Denn es war verboten, daß sie sich von den Nachbarn sehen ließen. An manchen Abenden saß irgendwo ein Mensch und fächelte sich Luft zu, obwohl die Balkone den ganzen Tag über keinen Sonnenstrahl erhaschten. Mehr war hier nie zu sehen.

Die anderen Hochhäuser zeigten Timmy nur ihre Ecken. Aber sie verstellten ihm frech den Weg zu möglichen Erlebnisblicken. Wie oft hatte er sich schon die Nase an der Fensterscheibe plattgedrückt, um mehr zu entdecken. "Mußt du immer die Scheiben beschniefen", schimpfte die Mutter. Mehr war dabei nicht herausgekommen. Heute polierte sie nicht einmal die Fenster wieder blank. Es war Sonntag. Und der Vater mochte seine Ruhe und keine Putzerei.

Beim Frühstück sagte die Mutter: "Heute ist ein schöner Tag, heute kannst du hinunter auf den Spielplatz; aber sei hübsch vorsichtig und mach dich nicht schmutzig." Sie lächelte und fragte noch: "Freust du dich?" Timmy nickte stumm. Und als sie ihn später samt seinem Sandeimerchen zum Aufzug brachte, weil die Tür so schwer aufzumachen war, nick-te er wieder nur stumm. Tapfer stapfte er auf den Spielplatz, den die Hochhäuser wie trotzige Riesen bewachten. Timmy war neugierig auf den schönen Tag. Mit den Halbwüchsigen, die auf dem Bolzplatz um einen Fußball johlten, hatte der schöne Tag nichts zu tun. Denen ging man lieber aus dem Wege.

Auf dem Kleinkind-Spielplatz sprangen nur zwei Hunde herum. Timmy wartete, bis sie ihre Geschäfte im Sandkasten verscharrt hatten und nach langem Gekläffe in die Hochhäuser zurückgepfiffen wurden. Dann zog sich Timmy in die äußerste Ecke des Sandkastens zurück. Obwohl er seinen Kopf scheinbar tief ins Spiel gesenkt hielt, schielte er vorsichtshalber immer wieder zu den Bolzern hin. Es war besser, rechtzeitig zu ahnen, was sie vorhatten.

Timmy ließ den Sand durch seine Finger rinnen wie die Zeitkörner in der Sanduhr auf Vaters Schreibpult im Wohnzimmer, die niemand umdrehte, und die er nicht anfassen durfte. Er ließ den Sand rinnen, wieder und wieder, einschläfernd wieder. Das war das einzige Spiel, was zum Alleinsein im Sandkasten paßte. Es war sinnlos, in Förmchen Kuchen zu back-en, die niemand wollte, oder Autos mit Sand zu beladen, die niemanden fuhren.

Irgendwann fiel es Timmy ein, sich einzugraben, seiner Ecke einen hohen Wall zu geben, damit er nicht immer zum Bolzplatz zu lauern brauchte. Der Wall beschäftigte ihn sehr. Er war noch lange nicht hoch genug, als die Halbwüchsigen ihn als Scheibe für ihre Fußballschießkünste entdeckten. Das Torgeschrei brandete gegen die Hochhäuser, wenn die Bälle den Sand wie Fontänen aufspritzen und weit über alle Sandkastengrenzen ufern ließen. Morgen schon wird sich die Häuserverwaltung brieflich über die Sandkastenkinder beschweren und ernste Konsequenzen androhen, nicht den Bolzern, die nichts mit dem Kleinkinderplatz zu tun hatten.

Timmy rettete sich und sein Eimerchen mit der letzten Sandfuhre zu den Hochhäusern. Förmchen und Autos gingen im Sandhagel unter. Er rannte über ein Rasenstück, obwohl er doch wußte, daß der Hausmeister es sehen und sehr zornig schimpfen würde. Sogar das Abpflücken von Gänseblümchen für Mutters Küche hatte er gesehen und verboten. Drei Tage später waren alle Gänseblümchen von der Mähmaschine umgebracht worden. Es herrschte Ordnung zwischen den Hochhäusern

Ein Junge weint doch nicht, wußte er aus dem Kindergarten. Also weinte Timmy nicht, obwohl er es jetzt gern getan hätte. Das anhaltende Bolzgeschrei zog ein paar schaulustige Kinder mehr aus den Häusern. Doch Timmy wollte seinen Sand lieber auf den kleinen Wohnungsbalkon tragen. Er fand das eine Schönetagidee.

Es kostete Timmy beidhändige Kraft, die schwere Lifttür zu öffnen, und sich und das Eimerchen durch den beharrlich zusammendrückenden Spalt zu quetschen. Dann suchten seine Finger mit Zehenspitzenbalance den achten Etagenknopf zu erreichen. Es lange nur bis zum siebenten. Er wußte das schon. Es dauerte so lange mit dem Großwerden. Bis dahin mußte er eine Etagenlänge die Treppe benutzen.

Aber diesmal kam Timmy nur bis zur dritten Etage. Hier wollte eine Frau mit dem Aufzug abwärtsgleiten. Sie musterte Timmy mißtrauisch samt verräterischen Sandspuren im engen Geviert. Sie nahm die unverantwortliche Beschmutzung fremden Eigentums dankbar wahr, sich aufzuregen und Timmy aus dem Lift zu setzen. Er könne ja wohl mit seinen jungen Beinen die Treppe benutzen, statt alten Menschen den Aufzug zu blockieren.

Timmy gellte noch das Gezeter in den Ohren, als der Lift schon hinabgesaust war und von unten der dumpfe Laut der zufallenden Tür heraufdrang. Er wagte nicht, den Aufzug wieder zu sich heraufzuziehen. Wer weiß, an wen ihn der verstreute Sand noch verriet. Er hatte längst gelernt, daß es in diesem Haus besser war, nicht aufzufallen und nichts zu wissen.

Timmy konnte bis zehn zählen. Aber es war ein Unterschied, ob er Finger, seine Plastikautos oder nun die Treppenaufgänge zu zählen versuchte. Er lief hinauf und wieder hinunter, schaute in Gänge, die er wiederzuerkennen glaubte, und in die er dann doch nicht gehörte. Alle hatten das gleiche Gesicht.

Plötzlich hielt ihn Angst fest gepackt, zerrte ihn hierhin und dorthin, er lief immer hastiger, aber er kam nie zu der Tür, die er an einer Rahmenschramme untrüglich erkennen mußte. An der Schramme war er nicht schuld, wirklich nicht. Die mußten die Möbelträger gemacht haben, als sie vor einem halben Jahr hier einzogen. Aber niemand glaubte ihm das. Und nun war die Schramme nicht da. Auch das würde ihm niemand glauben. Du bist doch ein großer Junge. Erzähle doch keine Märchen. Aber die Angst war kein Märchen. Er mußte sie in die ausweglosen Flure schreien.

Zwei Türen öffneten sich, schlossen sich sofort wieder mit einem harten Knall. Aus einer Tür fielen polternde Worte über den unverschämten Lärm auch noch am Sonntag, ehe ihn dann doch eine Stimme nahm, zum Aufzug schleppte, auf alle Zahlen zeigte, unter seinem stummen Nicken schließlich die richtige tippte und ihn im Aufzug wie in einem Strafkämmerchen alleine ließ. Im achten Stockwerk gab es noch einmal ein Entrinnen. "Bist du schon wieder da", stellte die Mutter fest. Eher mißbilligend als erstaunt. "Warum bist du nicht noch unten geblieben?"

Antworten erwartete sie nicht, und Timmy sagte nichts. Sie entdeckte das Eimerchen. Wenn sie auch morgens nicht das beschniefte Fenster geputzt hatte, das Eimerchen befreite sie unverzüglich vom Sand, den sie als Dreck bezeichnete, wusch es sorgfältig aus, gab es zu Timmys Spielzeug zurück. Sie wusch auch Timmy. Die Flecken hinter seinen Augen bemerkte sie nicht.

Da der Balkon nun keinen Sand bekommen konnte, war er Timmy verleidet. Er drückte sich an Vaters Knie, der die Vorschau im Sportteil der Zeitung mit der Tatsächlichkeit der nächtlichen Fernsehschau verglich. Der Vergleich sah nicht gut aus. Zu ärgerlich. Das mußte analysiert werden. In Ruhe. "Jetzt nicht, Timmy!" Das klang schroff, war aber nicht so gemeint. Der Vater stand auf, legte für seinen Sohn eine CD auf. Das war eine hohe Vergünstigung, denn er hielt seine Anlage wie ein Heiligtum. Timmy wußte das.

Dann sagte der Vater: "Ich springe mal eben ins Eck rüber, nur ein Stündchen." - "Ich komme mit", fragte Timmy hoffnungsfroh. Der Vater runzelte die Stirn: "Nun habe ich dir extra die schöne Platte aufgelegt, nun hör sie dir auch schön an."

Da drückte Timmy sich in einen Sessel, machte sich klein. Er ertrug nun von zwei Seiten anstürmende Räuberschritte, Schneewittchens röchelndes Apfelersticken, den überdimensionierten Todesschrei der Hexe, und spürte die klatschenden Ohrfeigen für Dornröschens Küchenjungen im eigenen Gesicht. Er hielt die Augen krampfhaft geschlossen. Er wußte nicht, wie tief sich damit die Bilder in seine Augen gruben. Sie werden ihn nachts verfolgen, bis unter die Bettdecke.

Den Mittagsschlaf vertrommelten Timmys Finger auf der Bettdecke, während seine Augen vergeblich die Wände nach den Morgenbildern absuchten. Irgendwann später scheuchte ihn seine Mutter aus der kleinen Küche. "Nun steh mir doch nicht immer im Wege, du siehst doch, daß ich hier zu tun habe. Warum gehst du nicht spielen, du hast doch so schöne Sachen zum Geburtstag bekommen." Und sie setzte ihn vor einen Kasten pädagogisch wertvollen Werkes. Sie war stolz, daß ihre Freundin diese Idee in der Fernsehreklame entdeckt hatte, und manchmal ärgerte sie sich, daß der Junge nur beschäftigungslos davor saß und sein kleines Kopfkissen wie verschlafen an sich preßte.

Timmy verbrachte den frühen Abend vor dem Fernseher, wo der Vater die ersten Tagesinformationen sehen mußte, und dann daran hängengeblieben war. Der schöne Tag rann Timmy durch den Körper, setzte sich irgendwo ab. Sein Weinen im Schlaf wusch nichts davon fort. "Das Kind hat nur geträumt", sagte der Vater.


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