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22.04.06 / Eine Liebe in Wien / Berühmte Liebespaare der Kulturgeschichte: Gustav Klimt und Emilie Flöge

© Preußische Allgemeine Zeitung / 22. April 2006

Eine Liebe in Wien
Berühmte Liebespaare der Kulturgeschichte: Gustav Klimt und Emilie Flöge
von Esther Knorr-Anders

Über sich selbst bekundete Gustav Klimt: "Von mir gibt es kein Selbstporträt. Ich interessiere mich nicht für die eigene Person als Gegenstand eines Bildes, eher für andere Menschen, vor allem weibliche ..." So war es. Er malte nach Modellen, doch in der bildnerischen Umsetzung schuf er Frauen seiner Phantasie. Er gestaltete sie zu märchenhaften Wesen, zu Verzauberinnen, die urtümliche Bedrohung ahnen ließen und zugleich exzessive Verzückung verhießen. Er malte sie als Meeresbewohnerinnen, Nixen, Wasserschlangen, Gorgonen, die durch düstere Dämonie Beklemmung auslösen, und auch als "Sinnbild feindlicher Gewalten" mit dem Schock-Gemälde "Die Wollust, die Unkeuschheit und die Unmäßigkeit".

Wie sah er aus? Fotografien zeigen Gustav Klimt als breitschultrigen, stämmigen Mann mit einnehmend gütigen Augen. Von ihm sagte die Journalistin Berta Zukkerkandl, er sei "ein Einmaliger, Einsamer, aufgetaucht aus dem Urgrund eines Stammes, eines Volkes. Primitiv und raffiniert, einfach und kompliziert, immer aber beseelt."

Gustav Klimt betrat gegen Ende des 19. Jahrhunderts den Modesalon der "Schwestern Flöge". Es war ein Haute-Couture-Geschäft, bekannt unter dem Namen "La Casa Piccola", Treffpunkt der Wiener Avantgarde, das die drei Schwestern als Besitzerinnen gemeinsam führten. Sie arbeiteten mit der "Wiener Werkstätte" zusammen, die ihnen kostbare Stoffe, bizarren Modeschmuck, allerlei Accessoires und rumänische Stickereien für Kleiderverzierungen lieferte. Die Werkstätte stellte auch die aufwendigen Requisiten für den Salon zur Verfügung: Statuetten, Sessel, Kissen, Teppiche. Als Schöpferin eigener, bewußt originell gestalteter Modelle wurde Emilie Flöge von der extravaganten Kundschaft hoch geschätzt.

Am frühen Vormittag blieb es im Salon noch leer. Klimt wanderte allein umher, schaute in diese oder jene Vitrine. Schließlich näherte sich ihm eine junge Dame im weißen, tunikaähnlichen Gewand. Sie trat zu ihm.

Er hielt den Atem an. Sie entsprach seinem "Idealbild" einer Frau, der er in Wirklichkeit noch nie begegnet war und die er doch schon oft gemalt hatte: als "Sappho", als "Die Laute spielende Poesie". Es war seine Wunschfrau, zerbrechlich schlank, ephebisch. "Suchen Sie etwas Bestimmtes? Kann ich behilflich sein?" fragte Emilie Flöge. "Ich suche ein Hundehalsband", stotterte Klimt. Ein sogenanntes "Hundehalsband" war ein eng anliegendes Modeschmuckstück aus verschiedenen Materialien, auch aus Edelmetallen gearbeitet, meist mit glitzerndem Dekor besetzt. "Ich benötige es für ein Judith-Gemälde", fügte er hinzu. Sein Wunsch war ihm jetzt peinlich, er hätte nicht zu deuten gewußt, warum er Peinlichkeit empfand. "Wir werden etwas finden, Herr Klimt." Seine Verwirrung wuchs: "Sie kennen mich?" Emilie lächelte, "Wer kennt Sie nicht?"

Ja, wer kannte ihn nicht? Nicht nur Wien, ganz Europa faszinierten seine Werke, wenige empörten sich über deren geballte Erotik. Der 1862 in Baumgarten bei Wien Geborene hatte die Kunstgewerbeschule besucht und war in steiler Karriere berühmt geworden.

Er überzog die Treppenaufgänge und Decken in Europas Schlössern und großen Theatern mit allegorischen Fresken. Preise wurden ihm verliehen. 1888 erhielt er von Kaiser Franz Joseph das "Goldene Verdienstkreuz für Kunst". 1897 war er Gründungsmitglied der Wiener Sezession und wurde ihr erster Präsident. Und zum ersten Mal machte er Urlaub am Attersee und dorthin zog es ihn fortan jeden Sommer, zeit seines Lebens.

Er reiste nicht allein. Emilie Flöge war seine Schicksalsgefährtin geworden. Die beiden Bindungsscheuen heirateten nie! Auch ohne Ehering blieb ihre Gemeinschaft unauflöslich. Nur ein einziges Mal porträtierte er sie in ozeanblauer Robe. Emilie gefiel das Bild nicht. Klimt fotografierte gern, und zwar durchaus mit Könnerschaft. Er schuf komplette Fotoserien von Emilie in von ihr kreierten Kleidern und veröffentlichte sie in Fachzeitschriften. Alle Fotos zeigten sie in schmal fallenden Gewändern. Für Klimt verkörperte Emilie seine mythologische Lieblingsgestalt: Die Nixe undeutbaren Wesens.

Der Attersee, größtes Gewässer des Salzkammerguts am Rande der Kalkalpen, wird zum Teil von schroffen Felswänden umkesselt, die das Wasser schwärzlich schimmern lassen. Klimt und Emilie waren im Kahn unterwegs. Plötzlich stand sie auf. "Ich bade", rief sie. "Nein, das Wasser ist zu kalt" protestierte Klimt. "Nicht für mich!" Mit einem Griff streifte sie den Badeumhang ab, nestelte den Kamm aus dem Haar, tauchte ins Wasser. Die schwarzen Haarsträhnen umschlingerten ihren bloßen Körper. "Phantastisch", murmelte Klimt. Er griff zum Skizzenblock.

Die Aufsehen erregenden Nixenbilder bilden nur einen kleinen Bestandteil seines Werkes, in dem sich Stilelemente des Impressionismus, Jugendstils und des Expressionismus vermischten und zur ureigenen Gestaltung wurden. Das galt für seine Frauenporträts, für seine Landschafts- und Gartenszenerien, und es galt für seine beiden berühmtesten Gemälde "Der Kuß" und - ihm sich folgerichtig anschließend - "Die Erfüllung".

Schon längst hatte Klimt sich einen schrillen Farbton zu eigen gemacht: Gold. Zu den auffallendsten Darstellungen zählt das Porträt der Adele Bloch (1907), von dem sich die Wiener "Österreichische Galerie" nach verlorenem Rechtsstreit in den USA (siehe PAZ 4) trennen mußte.

Viel Gold auch auf den zwei Gemälden "Judith und Holofernes" von 1901 und 1909. Die auf Schleiern ruhende "Danae" (1908) empfängt den "goldenen" Samenfluß des Göttervaters Zeus.

Im Februar 1918 starb Gustav Klimt an den Folgen einer Lungenentzündung. Zwei unvollendet gebliebene Werke hinterließ er: "Die Braut" und "Adam und Eva". Der Nachwelt erhalten blieben auch über 400 an Emilie gerichtete Briefe und Postkarten. Sie bewahrte sie sämtlich auf: Innigkeitsbeweis einer Langzeitliebe.

Eng verbunden: Gustav Klimt und seine Gefährtin Emilie Flöge Foto: Archiv


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