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22.04.06 / Preußischer Schöngeist im besten Sinne / Erinnerung an den Rittmeister und Schriftsteller Friedrich v. Oppeln-Bronikowski

© Preußische Allgemeine Zeitung / 22. April 2006

Preußischer Schöngeist im besten Sinne
Erinnerung an den Rittmeister und Schriftsteller Friedrich v. Oppeln-Bronikowski
von Friedrich-Wilhelm v. Oppeln-Bronikowski

Am 9. Oktober 1936 verstarb in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg, Mommsenstraße 17, im Alter von 63 Jahren der Rittmeister a. D. und Schriftsteller Friedrich v. Oppeln-Bronikowski. Sein Leben und Wirken steht zwar heute nicht mehr im Blickpunkt des literarischen Interesses. Es lohnt sich trotzdem, an ihn zu erinnern, hatte er sich doch seinerzeit hauptsächlich als Herausgeber und Übersetzer französischsprachiger Literatur einen Namen gemacht, der Eingeweihten auch heute noch bekannt ist. Einige wenige seiner Werke sind in der Nachkriegszeit neu aufgelegt beziehungsweise nachgedruckt worden. Der Brockhaus verzeichnet ihn auch heute noch, außerdem hat er Eingang in verschiedene Enzyklopädien und Literaturlexika gefunden. Einzelne Facetten seines Schaffens sind wissenschaftlich aufgearbeitet, die Ergebnisse zum Teil veröffentlicht worden. Im antiquarischen Buchhandel sind fast alle seine Arbeiten erhältlich; der elektronische antiquarische Buchhandel enthält mehrere hundert Einträge mit seinen Werken.

Friedrich von Oppeln-Bronikowski wurde am 7. April 1873 in Kassel geboren, wo sein Vater als Königlich Preußischer Oberst Kommandeur der 7. Feldartillerie-Brigade war; 1878 war er als Generalleutnant zur Disposition gestellt worden. Sein Urgroßvater Johann Sigismund war ein Neffe von Johann v. Oppeln-Bronikowski, des ersten Chefs des Preußischen Husarenregiments Nr. 1, der sogenannte ‚Grünen Husaren', der Träger des Ordens "Pour le Mérite" gewesen und 1747 mit 67 Jahren als Generalmajor verabschiedet worden war.

Seine Vatersfamilie gehörte dem lausitzischen Uradel an. Seine Mutter war die älteste von drei Töchtern des deutsch-englisch-russischen Kaufmanns und Konsuls Heinrich Julius Heyn. Seine Frau Frieda entstammt dem hessischen Geschlecht derer v. Stein-Liebenstein. Sein Vater legte naturgemäß Wert darauf, daß sein Sohn, auch um der Familientradition willen, Soldat wurde. Dies entsprach jedoch keineswegs Friedrichs Wünschen, Veranlagungen und schöngeistigen Neigungen. In dieser Konstellation lag der Keim für den Dauerkonflikt mit seinem Vater, der seinen Wünschen mit militärischer Strenge Nachdruck verlieh, und mit dem persönlichkeitsschädlichen militärischen Drill. Er zitiert einmal Stendhals knappes und präzises Wort: "Le sabre tue l'esprit". Auch seine psychische und körperliche Konstitution schien nicht kräftig genug, um den harten körperlichen Anforderungen wie auch der seelischen Einöde der Kadettenerziehung und des Soldatenberufs standzuhalten. So nimmt es nicht wunder, daß alles auf eine Katastrophe hinauslief: 1896 stürzte er in der Reitbahn von Kassel, wo sein Regiment, das Husarenregiment Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg Nr. 14, seinen Sitz hatte, so schwer vom Pferde, daß er auf Dauer militärdienstunfähig und infolge dessen als junger Leutnant pensioniert wurde.

Bereits während seiner Kadettenjahre und seiner Militärdienstzeit ging er seinen schöngeistigen Neigungen nach: Er schrieb Gedichte, veröffentlichte seine erste Erzählung, lernte den halben Faust auswendig, zeichnete ein heraldisches Schmuckblatt, schrieb ein Römerdrama und verdeutschte eine Ode des Horaz.

Bald nach seiner Invalidisierung begann er, sich als freier Schriftsteller zu betätigen. Er verarbeitete zunächst seine Erlebnisse, Erfahrungen und Frustrationen literarisch zu Erzählungen und Novellen, die er auch in Broschüren- und Buchform veröffentlichte. Die Quintessenz seiner diesbezüglichen Bemühungen enthält sein 1908 erschienener Roman aus dem Offiziersleben "Der Rebell". Der Verfasser des Vorworts betont den autobiographischen Charakter dieses Romans, der auch heute noch gelegentlich im antiquarischen Buchhandel zu finden ist. Der "Rebell" ist natürlich der Romanautor, der sich, allerdings nur verbal, gegen den väterlichen wie den militärischen Zwang auflehnt und gesellschaftskritisch die geächtete Stellung einer schuldlos geschiedenen Frau eines Kollegen beleuchtet, in der unschwer seine Ehefrau zu erkennen ist, die er noch 1896 in Berlin heiratete.

Noch eine dritte Aktivität verzeichnet dieses für ihn hektische Jahr: Er begann im Sommersemester 1896 ein Philosophie-Studium an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, nachdem er als Externer des Gymnasiums Steglitz binnen eines Monats die Beherrschung der lateinischen und griechischen Sprache nachgewiesen hatte. Er studierte offenbar nicht mit dem Ziel, die Grundlage für einen Zivilberuf zu legen, sondern absolvierte eine Art studium generale, das sich mit der Geschichte der Philosophie (Dilthey), griechischer Philosophie und römischer Geschichte, Philosophie des 19. Jahrhunderts, französischer Literatur und anderen Themen beschäftigte. Mit Beginn des 8. Semesters ließ er sich beurlauben und nahm sein Studium danach nicht wieder auf.

Neben dem Studium begann er, eine starke schriftstellerische Aktivität zu entfalten. Nach einem Intermezzo als Redakteur im Kritik-Verlag von Richard Wrede in Berlin folgte ein erster literarischer Paukenschlag, nämlich die Übersetzung von Maurice Maeterlincks "Schatz der Armen" mit dem Jugendstil-Buchschmuck des Malers und Graphikers Melchior Lechter, erschienen im Eugen Diederichs Verlag Florenz Leipzig 1898. Maeterlinck nannte das Buch ein typographisches Wunder. Maurice Maeterlinck war ein französisch schreibender Flame und der herausragendste Vertreter des belgischen Symbolismus. Er hat sich intensiv mit deutschen romantischen Philosophen wie Novalis, Herder und Schopenhauer beschäftigt, weshalb ihm eine germanische Affinität bescheinigt worden war. Diese Symbiose zwischen deutschem Tiefsinn und französischem Esprit hatte v. Oppeln angezogen.

Wie er mit Maeterlinck bekannt geworden ist, ist nicht bekannt; vermutlich hat Eugen Diederichs ihn zu Maeterlinck geführt. Es entwickelte sich nach dieser Veröffentlichung eine freundschaftliche Beziehung zwischen beiden Persönlichkeiten, in deren Verlauf Maeterlinck Friedrich mit dem ausschließlichen Recht zur Übersetzung seiner Werke ins Deutsche ausstattete. Diese Freundschaft dauerte, mit der zwangsläufigen Unterbrechung durch den Ersten Weltkrieg, bis zu v. Oppelns Tod. Dem "Schatz der Armen", einer Sammlung von Essays, folgte eine Vielzahl philosophischer und dramatischer Werke, die unter dem Begriff ‚gesammelte Werke' zusammengefaßt wurden. Sie umfaßten schließlich 21 Titel einschließlich eines Bandes "Gedichte", die v. Oppeln zusammen mit K. L. Ammer (Pseudonym für den österreichischen Schriftsteller Karl Klammer) übersetzte. Sie erhielten nicht mehr die bibliophile Ausstattung der Erstauflage des "Schatzes der Armen", ebenso wenig die späteren Auflagen dieses Werkes. Neuauflagen in veränderter Aufmachung erschienen seit 1924 unter dem Sammelbegriff "Werke". Nachdem sich beide Männer nach dem Ersten Weltkrieg wieder angenähert hatten, übersetzte v. Oppeln 1935 und 1936 noch "Vor dem großen Schweigen" und "Die Sanduhr", die dann aber nicht mehr bei Diederichs erschienen sind, sondern bei S. Fischer. 256 Briefe Maeterlincks an Friedrich von Oppeln-Bronikowski sind in der Königlichen Bibliothek Brüssel archiviert.

Das bekannteste philosophische Werk war mit einer Auflage von 49 Tausend "Das Leben der Bienen", das bekannteste dramatische Werk "Pelleas und Melisande". Letzteres wurde als Opernlibretto von Claude Debussy vertont. Deutschen Textbüchern liegt zuweilen der volle Text in der Übersetzung von Friedrich von Oppeln-Bronikowski bei. Arnold Schönberg schrieb eine Symphonische Dichtung "Pelleas und Melisande". Auch Maeterlincks Gedichte haben Komponisten inspiriert. Sechs Gedichte aus den "Fünfzehn Liedern" wurden von Alexander von Zemlinski (op. 13) vertont. Arnold Schönberg hat in seinem op. 20 das Gedicht "Herzgewächse" aus der Serie "Im Treibhaus" vertont.

Friedrich von Oppeln-Bronikowski hat sich nicht damit begnügt, die Werke Maeterlincks zu übersetzen, sondern hat auch viel zu ihrer Verbreitung beigetragen, indem er über Jahrzehnte in Vorträgen sowie in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln für seinen Autor und dessen Werke warb. 26 Aufsätze lassen sich ohne Anspruch auf Vollständigkeit nachweisen. Nachzutragen bleibt noch, daß der Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf/Köln 1965 einen originalgetreuen reprografischen Nachdruck der Erstauflage vom "Schatz der Armen" herausgegeben hat.

An Maeterlinck entzündete sich auch ein Briefwechsel zwischen Friedrich von Oppeln-Bronikowski und Rainer Maria Rilke. Es war Rilke, der 1902. v. Oppeln gebeten hat, ihn in Bezug auf seine Bemühungen um die - erstmalige - Aufführung des Maeterlinckschen Singspiels "Schwester Beatrix" anläßlich einer bedeutenden Erweiterung der Bildergalerie der Bremer Kunsthalle zu unterstützen. Der Briefwechsel dauert bis 1908 und umfaßt sieben Briefe v. Oppelns und neun Briefe Rilkes, die wegen der Ungunst der Verhältnisse leider nicht alle erhalten geblieben sind. Einige sind veröffentlicht worden, so zum Beispiel in den "Briefen aus den Jahren 1906 bis 1907" im Rahmen der Werkausgabe des Insel Verlages.

Dieser Schriftwechsel ist vom Thomas-Mann-Forscher Klaus W. Jonas wissenschaftlich aufgearbeitet und veröffentlicht worden. Professor Jonas ist auch im Besitz eines Autographs Rilkes, das aus einer Widmung und drei von Rilkes Hand geschriebenen Maeterlinckschen Gedichten besteht. Die handschriftliche Widmung lautet: "Friedrich von Oppeln-Bronikowski, dem Übersetzer des Dichters Maurice Maeterlinck" v. Oppeln hat sich bis zu dessen Tod im Jahr 1926 mit Rilke beschäftigt. Bereits 1907 hielt er vor der Literarhistorischen Gesellschaft Bonn einen Vortrag mit dem Titel "Rainer Maria Rilke - Sein Leben, seine Weltanschauung, seine Kunst." Später hat er über "Rilkes neue Gedichte", "Zu Rilkes 50. Geburtstag" und "Rilkes Jugend' geschrieben und den Nachruf‚ R. M. Rilke zum Gedächtnis" verfaßt und veröffentlicht. V. Oppelns Anthologie moderner französischer Lyrik, 1908 im 2. Tausend im Oesterheld & Co Verlag in Berlin erschienen, enthält ein Gedicht von Fernand Gregh, das von Rilke übersetzt worden ist. Allerdings enthält dieses keine Angabe des Übersetzers, sondern statt dessen nur drei Sternchen.

Neben Maeterlinck widmete er sich als zweitem Hauptbetätigungsfeld der Herausgabe und Übersetzung des französischen Romanciers Henri Beyle (1783-1842), des Schöpfers des modernen psychologischen Romans. In diesem Falle sagt v. Oppeln selbst, wie er auf Stendhal gestoßen ist: "Durch Nietzsche, der mich damals wie die ganze Jugend begeisterte, wurde ich zu Beyle-Stendhal geführt." Dieser Hinweis ist als geistige Anregung zu verstehen, deren schriftstellerische und verlegerische Umsetzung erst auf Grund seiner Korrespondenz mit Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester des inzwischen verstorbenen großen Bruders, stattfand. In seinem ersten Brief an Elisabeth spricht er im September 1896 von "einem lange gehegten Wunsch", der Schwester Friedrich Nietzsches zu schreiben. Hieraus entwickelte sich ein mehrjähriger Schriftwechsel. Sein Gegenstand war zunächst die Herausgabe und Übersetzung des Werkes des französischen Germanisten Henri Lichtenberger: "La Philosophie de Nietzsche". Allerdings tritt er auf den Titelseiten als Übersetzung nicht in Erscheinung. In ihrem Vorwort jedoch bezeichnet sie Friedrich als "den eigentlichen Übersetzer", dem sie ihren herzlichsten Dank auszusprechen habe. Später hat v. Oppeln mehrere Werke dieses Franzosen jüdischer Abstammung ins Deutsche übersetzt, so zum Beispiel "Das moderne Deutschland und seine Entwickelung", "Richard Wagner der Dichter und Denker", "Heinrich Heine als Denker".

Im Rahmen dieses Schriftwechsels fragt er in seinem Brief vom 20. November 1899: "Sollten Sie, gnädige Frau, noch einmal Aussicht und Gelegenheit haben, mir eine gute Übersetzung anzuempfehlen oder zu ermöglichen, so wäre ich Ihnen von Herzen dankbar. Ich weiß übrigens nicht, ob von Stendhal etwas Deutsches existiert; das wäre doch ein Mann, bei dem es wirklich lohnte." In seinem Brief vom 20.11.1899 schreibt er: "An eine Übersetzung Stendhals habe ich schon oft gedacht; es fragt sich nur, ob sich ein deutscher Verleger dazu finden wird, denn sonst möchte ich diese mühsame Arbeit nicht wagen." Hieraus entwickelte sich der dritte Glücksfall seiner schriftstellerischen Laufbahn: Sein Verleger Eugen Diederichs war bereit, das Risiko einer umfassenden Herausgabe Stendhalscher Schriften einzugehen.

Friedrich machte sich nun an die "mühsame Arbeit", Stendhal ins Deutsche zu übertragen. Da die letzte französische Ausgabe bereits mehr als 50 Jahre zurücklag, mußte er in den Bibliotheken in Paris und Grenoble, dem Sitz des Stendhal Club, nach Originalmanuskripten forschen, um vorhandene Texte kritisch zu überprüfen und neue, noch unbekannte Texte ans Tageslicht zu fördern. Er stattete seine Übersetzungen mit Vorworten aus, die den aktuellen Stand der Stendhal-Forschung wiedergaben und z. T. der französischen Stendhal-Forschung vorausgingen. Er versah den Text zudem mit vielen Fußnoten, die dem Leser zu Beginn des 20. Jahrhunderts die nötigen zeitgeschichtlichen Hintergründe erläuterten. Sein akribisch erworbenes Wissen setzte ihn in Stand, eine neue kritische französische Gesamtausgabe Stendhals anzuregen und seine Mitarbeit daran anzubieten. Seine Anregungen blieben ohne Resonanz, was zum Teil sicherlich den politischen Spannungen zwischen Deutschland und Frankreich vor dem ersten Weltkrieg geschuldet war. Bei Diederichs sind von 1903 bis 1924 insgesamt zehn Bände ausgewählter Stendhalscher Werke erschienen.

Er war es auch, der 1908 als Erster den Braunschweiger Aufenthalt Stendhals von 1807-1808 in einem Zeitungsartikel behandelt hat. In dieser Zeit hat ihn ein Ausflug in das altmärkische Städtchen Stendal geführt, von dem er später, aus einer Laune heraus und leicht verändert, seinen Namensteil "(de) Stendhal" ableitete, unter dem er noch heute weltweit bekannt ist. In Braunschweig fand 1978 der 13. internationale Stendhal-Kongress statt, auf dem auch die Bedeutung v. Oppelns für die Stendhal-Forschung und die Verbreitung seiner Romane in Deutschland eingehend behandelt wurden.

Nach dem ersten Weltkrieg hat Eugen Diederichs sich von seinen Stendhal-Rechten getrennt und sie v. Oppeln für 10000 M verkauft. Dieser hat sie dann in seine mit dem Propyläen Verlag neu aufgenommene Beziehung eingebracht. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist die heute noch gesuchte zehnbändige Ausgabe der Gesammelten Werke Stendhals in rotem Halbleder mit Goldprägung. In den 30er Jahren hat der Eugen Diederichs Verlag seine Absicht bekundet, die Stendhal-Rechte vom Propyläen Verlag zurückzuerwerben. Hierzu ist es jedoch wegen des frühzeitigen Todes v. Oppelns nicht mehr gekommen. Propyläen hat von etwa 1978 bis 1982 in ähnlicher Aufmachung eine achtbändige Werkausgabe Stendhals "auf der Grundlage von Friedrich von Oppeln-Bronikowski" herausgegeben. Der Eugen Diederichs Verlag seinerseits hat 1996 einen unveränderten Nachdruck von Stendhals "Reise in Italien" (Rome, Naples et Florence) in der deutschen Bearbeitung von Friedrich von Oppeln-Bronikowski aus dem Jahr 1911 herausgegeben.

Zwei weitere spektakuläre Ausgaben konnte Oppeln zusammen mit Eugen Diederichs verwirklichen, zum einen "Die Blaue Blume", eine Anthologie romantischer Lyrik, und Charles de Costers "Tyll Ulenspiegel". "Die blaue Blume" hat er bereits 1900 zusammen mit dem jüdisch-deutschen Schriftsteller und Verleger Ludwig Jacobowski herausgegeben. Es handelt sich um ein schönes Buch mit Jugendstil-Buchschmuck und vielen Porträts, das bald vergriffen war, aber trotzdem nicht mehr aufgelegt wurde. Es ist heute kaum noch zu finden.

1909 erschien Charles de Costers Tyll Ulenspiegel, die Legende von ihren heroischen, lustigen und rumreichen Abenteuern im Lande Flandern und anderen Orts in der Übersetzung aus dem Französischen von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. Es wurde ein großer Erfolg und hatte mehrere andere Übersetzungen im Gefolge. In Belgien fast unbekannt, wurde es dort erst durch diese Übersetzung bekannt und populär und verdiente sich damit den Ehrentitel "Vlamenbibel". Es schildert den holländischen Freiheitskampf gegen die spanische Besatzungsmacht im 16. Jahrhundert. Bis 1945 sind 112000 durch Diederichs verlegte Exemplare nachweisbar.

Außer den genannten Werken erschienen bei Eugen Diederichs vor dem Ersten Weltkrieg noch die Vlämischen Legenden von de Coster und die Erzählungen des Königs Gambrinus von Charles Deulin. In anderen Verlagen erschienen Übersetzungen von Werken von: Gustave Flaubert, Anatole France, Edmond de Goncourt, Henri Lichtenberger, Pierre Loti, Guy de Maupassant, Alfred Murger, Gaston Raphaël, Henri de Régnier, Georges Rodenbach (Das tote Brügge), Edmond Rostand, Ernest Seillière und Villiers de l'Isle-Adam.

Für den sich anbahnenden Ersten Weltkrieg wurde er reaktiviert und nahm an ihm in den Sektionen "Militärgeographie" und "Kartenwesen" des Stellvertretenden Generalstabs des Heeres teil. Während dieser Zeit kam sein journalistisches und schriftstellerisches Schaffen völlig zum Erliegen. Dafür verfaßte er während seiner Militärdienstzeit aus eigenem Antrieb Studien über das Straßennetz in Liv- und Estland, in Westrußland sowie in Litauen und Kurland, die militärisch wichtig waren und für die er den schriftlichen Dank Hindenburgs und Ludendorffs erhielt. Ferner verfaßte er Denkschriften über die Inseln des Rigaer Meerbusens und Südfinnland und sorgte für die Beschaffung beziehungsweise Herausgabe eines deutsch-bulgarischen, eines deutsch-lettisch-estnischen sowie eines deutsch-russisch-polnischen Wörterbuchs und vieles andere mehr. Er wurde zum Rittmeister befördert und erhielt das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse. Seine Mobilmachung wurde zum 31. Dezember 1918 aufgehoben.

Der Weltkrieg und seine Teilnahme daran war auch für Friedrich ein gravierender Einschnitt in sein Berufsleben. Er musste danach, wie er in seiner Selbstdarstellung anläßlich seines 60. Geburtstags schreibt, noch einmal wie ein 20jähriger von Neuem beginnen. Die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges haben aber auch seine Persönlichkeit verändert. Er trat nun aus dem Elfenbeinturm des reinen Literatentums heraus und begann, sich politisch zu betätigen. Zunächst wirkte er im Bürgerrat von Groß-Berlin als Redakteur seines Presseorgans, des "Bundes", mit und veröffentlichte in ihm eine Reihe von Artikeln überwiegend politischen Inhalts. Vom Leiter der Bürgerrats, Konsul S. Marx, erhielt er den Auftrag, die Geschichte des Bürgerrats zu schreiben. Diesen Auftrag führte er bis 1922 aus und erstellte ein Schreibmaschinenskript von 170 Seiten. Dieses ist 1936 mit dem Tode von Konsul Marx verlorengegangen und nie wieder aufgetaucht.

In die gleiche Zeit wie seine Mitwirkung in der bürgerlichen Gegenbewegung gegen linksradikale Umsturzversuche fällt sein Beitritt zur deutschnationalen Volkspartei (DNVP) sowie sein Engagement für das deutsche Judentum. Die Bereiche stehen sogar in einer gewissen Wechselwirkung miteinander, war doch eine treibende Kraft der Bürgerbewegung der bereits zuvor erwähnte Konsul S. Marx, der auch Beziehungen zur DNVP unterhielt. Friedrich von Oppeln-Bronikowski war ein patriotisch denkender und handelnder Konservativer innerhalb des üblichen politischen Spektrums. Er war jedoch von Anfang an mit einigen Gleichgesinnten ein Gegner des in dieser Partei vorherrschenden Antisemitismus und hat sich in Wort und Schrift gegen diesen gewandt. Er arbeitete in der ‚Staatspolitischen Arbeitsgemeinschaft' dieser Partei mit und hielt vor ihr auch einen Vortrag, den er 1920 erweitert in Form einer Broschüre mit dem Titel "Antisemitismus? - Eine unparteiische Prüfung des Problems" in der "Deutschen Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte" veröffentlichte. Da die Erstauflage in Höhe von 5000 Exemplaren binnen weniger Tage vergriffen war, wurde unverzüglich eine zweite mit einer Stück-zahl von 30000 nachgelegt. Die Quintessenz seiner Streitschrift war: "Starker Nationalismus ohne antisemitischen Einschlag - das ist des Rätsels Lösung und auch die Tendenz dieser Schrift. Was dagegen der Antisemitismus am Judentum bekämpft, ist großenteils das Werk seiner eigenen Hände."

Zu seinen Rezensenten gehörten auch Theodor Heuss und Thomas Mann. Die Reaktion war, wie von ihm erwartet und befürchtet, zwiespältig. Vielen der politisch rechts Stehenden war er zu judenfreundlich, während ihm von politisch links Stehenden seine Haltung zur sog. Ostjudenfrage und zum Zionismus verübelt wurde. Der Literaturwissenschafter Adolf Bartels, später Ehrenmitglied der NSDAP, hatte es sich nicht nehmen lassen, eine Erwiderung zu v. Oppelns Broschüre unter dem Titel "Die Berechtigung des Antisemitismus - Eine Widerlegung der Schrift von Herrn v. Oppeln-Bronikowski "Antisemitismus" zu verfassen und in Buchform (52 Seiten) zu veröffentlichen.

Diese Agitation ihres Mitglieds ging der antisemitischen Mehrheit der Partei zu weit, und v. Oppeln wurde 1922 aus ihr ausgeschlossen. Er setzte nun seinen Kampf gegen den Antisemitismus als Einzelkämpfer in Wort und Schrift fort. Der nächste sinnfällige Ausdruck seines Kampfes war im Oktober 1932 die Veröffentlichung der Broschüre "Gerechtigkeit! - Zur Lösung der Judenfrage - Mit einem Geleitwort von Ricarda Huch". Auf dem Titelblatt zitiert er Reichskommissar Dr. Bracht mit dem Wort: "Wir sitzen alle in einem Kahn, und der schlägt eines Tages um, wenn wir uns weiter so raufen." War seine erste Broschüre "Antisemitismus?" noch an Parteifreunde und Konservative gerichtet, um sie zu einem Umdenken zu bewegen, so richtete sich die zweite "an jeden deutschen Mitbürger - Es ist ein Wort in zwölfter Stunde an alle, die guten Willens sind."

In ihrem Geleitwort äußert Ricarda Huch ihre Sympathie mit dem Werk, das sich bemühe, beiden Seiten gerecht zuwerden. Die Quintessenz der Broschüre ist: Die rechtsstehenden Parteien verzichten sofort auf ihren in Wort, Schrift und Tat praktizierten Antisemitismus und öffnen sich für den Beitritt national gesinnter Juden, anstatt sie durch ihren Antisemitismus immer stärker in das "geistige Ghetto" zurückzustoßen, während die Juden auf ihre antinationale Propaganda, zu der er auch den Zionismus zählt, verzichten und sich mit der deutschen Nationalbewegung identifizieren. Sein Ziel ist, wie bereits in "Antisemitismus?", ein "selbstbewußter deutscher Nationalismus ohne antisemitischen Einschlag". Es stützt seine These mit einer Vielzahl von Argumenten und Informationen wie zum Beispiel die Haltlosigkeit des Rassebegriffs, die Entstehung des Christentums aus dem Judentum und die untrennbaren Beiträge deutscher Juden zur deutschen Kultur. Den Antisemiten ruft er zu: "Seht auch im Juden den Menschen und Volksgenossen!"

Die Reaktion ist, wie schon bei seiner vorausgegangenen Schrift, zwiespältig. Nach der Übernahme der Staatsmacht durch die Nationalsozialisten geriet sie zunehmend ins Visier der Partei und des Staates. Immerhin konnte sie bis Dezember 1933 unbehelligt vertrieben werden.

Am 13. Dezember 1933 beschlagnahmte jedoch die Berliner Gestapo die Schrift für den Bereich des Landes Preußen, und am 19. Dezbmer 1933 bat der Reichsminister des Innern die anderen Landesregierungen, sich dieser Maßnahme anzuschließen. Diesem Ersuchen wurde alsbald Folge geleistet. Die von der Gestapo beanstandeten Stellen lauteten: "Für unsere Rassenfanatiker dürfte Ostpreußen daher überhaupt kaum als deutsches Land in Frage kommen, und sie könnten es getrost polnischer Raubgier überlassen. Trotzdem schallt gerade von dort her die schärfste antisemitische Tonart!" "Solange die nationale Bewegung sich nicht von dem Antisemitismus reinigt, wird dieser immer wieder Scharen von Juden in das geistige Ghetto zurücktreiben ..."

Das Schicksal dieser Schrift wurde von Arnold Pauker 1963 im Yearbook of the Leo-Baeck-Institute New York unter dem Titel "Gerechtigkeit! The Fate of a Pamphlet on the Jewish Question" aufgearbeitet. Er steht den Bemühungen v. Oppeln-Bronikowskis von seinem zionistischen und sozialistischen Standpunkt aus kritisch-ablehnend gegenüber. Es attestiert ihm, kein tiefschürfender politischer Denker zu sein und versteigt sich sogar dazu, ihm als Teil der deutschen Rechten einen Flirt mit dem Nationalsozialismus (Flirtation with Nazism) anzuhängen. Später behauptet er, daß die Unterstützung der Broschüre durch den jüdischen Central Verein "wahrscheinlich ein taktischer Fehler" gewesen sei.

Dieses frühe Verdikt Pauckers hat das Bild Friedrich von Oppeln-Bronikowskis zu diesem Punkt in der Nachkriegszeit offenbar unabänderlich bestimmt.

Einige Werke sind inzwischen neuaufgelegt

Seine Briefe sind in der Königlichen Bibliothek in Brüssel archiviert

Von Nietzsche und Stendhal begeistert

Ein vielseitiger Autor: Friedrich v. Oppel-Bronikowski Foto: privat

Wurde im Ersten Weltkrieg Reaktiviert

Die Gestapo beschlagnahmte die Schrift

Bekämpfte Antisemitismus: Friedrich v. Oppel-Bronikowski. Foto: pa


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