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10.06.06 / Gewaltwelle reißt nicht ab / Immer öfter werden Lehrer Opfer von Übergriffen an Berlins Schulen - Politik scheint hilflos

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. Juni 2006

Gewaltwelle reißt nicht ab
Immer öfter werden Lehrer Opfer von Übergriffen an Berlins Schulen - Politik scheint hilflos
von Harald Fourier

In der vergangenen Woche eskalierte die Situation an Berlins Schulen ein weiteres Mal. Am Montag wurde in Kreuzberg eine Lehrerin Opfer eines Übergriffs durch einen Schüler. Die 62jährige war einem ihrer eigenen Zöglinge zu Hilfe gekommen. Der Gymnasiast von der Robert-Koch-Oberschule wurde in der Dieffenbachstraße in der Nähe einer Schule von Ausländerkindern verprügelt. Als die Lehrerin des Zwölfjährigen eingreifen wollte, wurde auch sie traktiert: Ein Faustschlag ins Gesicht und mehrere Knochenbrüche. Die Pädagogin blutete und war eine Weile nicht ansprechbar.

Der Täter, der Grundschüler Mohammed O., wurde vom Unterricht daraufhin ausgeschlossen und seinem libanesischen Vater übergeben. Vorläufig sieht es so aus, als ob der polizeibekannte Jugendliche (rein juristisch gesprochen: das polizeibekannte Kind) bei seiner Familie bleibt. Schulsenator Klaus Böger kündigte jedoch an, eine Heimunterbringung für den kleinen Schläger anzustreben.

Böger ist im Dauerstreß. Seit dem Brandbrief der Lehrer von der Rütli-Schule lassen sich die verheerenden Zustände im staatlichen Bildungssystem nicht mehr leugnen. Meldungen über Schulen, die eher die Bezeichnung "Tollhaus" als "Bildungseinrichtung" verdienen, reißen nicht ab. Um 15.45 Uhr - keine vier Stunden nach dem Vorfall - verbreitete seine Senatsbehörde bereits eine Stellungnahme ihres Chefs. Sofort habe der sich solidarisch mit der verletzten Frau gezeigt und eine Art Lazarettbesuch abgehalten. "Bildungssenator Klaus Böger (SPD) besuchte im Laufe des Nachmittags die verletzte Kollegin."

Böger erklärte ferner: "Diese Tat zeigt einmal mehr, mit welchen Verrohungen sich Lehrerinnen und Lehrer an Berlins Schulen auseinanderzusetzen haben. Ich wünsche der verletzten Kollegin eine baldige Genesung." Und wie in einem schlechten Arbeitszeugnis urteilt er stilistisch wohlwollend, aber inhaltlich vernichtend über die Arbeit an der Grundschule des Täters: "Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten dort vernetzt im Rahmen ihrer Möglichkeiten erfolgreich."

Erst wenige Tage vor dem Übergriff war eine 18jährige im Bezirk Tiergarten mit einer Neun-Millimeter-Pistole und zwei gefüllten Magazinen in ihrer Schule erschienen. Die Libanesin hatte zuvor lauthals ihre Englischlehrerin bedroht. Spätestens seit dem Amoklauf in Erfurt vor vier Jahren werden solche Ankündigungen vom Lehrkörper sehr ernst genommen. Taucht dann zusätzlich eine scharfe Waffe auf, schrillen alle Alarmglocken.

So auch auf der Hedwig-Dohm-Realschule an einem Dienstagmorgen. Drei Mitschüler hatten dem Direktor der Schule davon berichtet, wie die junge Frau mit ihrer Waffe herumfuchtelte. Der Direktor rief die Schüler in die Aula. Die Polizei erschien und nahm die Schülerin, die Klassenkameradinnen als "durchgeknallt" bezeichnen, fest. Der Grund, warum sie einen Amoklauf geplant haben könnte: Sie ist beim Pisa-Test durchgefallen.

Erst im letzten Jahr war diese Schule wegen einer brutalen Körperverletzung aufgefallen. Ein 15jähriger Schüler namens Hassan hatte seine gleichaltrige schwangere Freundin namens Alexandra in den Bauch getreten, um das Baby zu töten. Er erhielt dreieinhalb Jahre Haft. Sein Freund und Komplize Ömar (14), der das Opfer während der Tat festgehalten hatte, wurde zu zweieinhalb Jahren verurteilt.

Doch es sind nicht nur Kinder "mit Migrationshintergrund", die wegen steigender Gewalt auffallen: Einen Tag nach dem Vorfall an der Koch-Oberschule ereignete sich in Hohenschönhausen der nächste Übergriff auf eine Lehrerin. Diesmal war es ein deutscher Sonderschüler, der an der "Schule an der Malchower Aue" ausrastete. Tobias S. (Sechstkläßler mit 14 Jahren) rauchte vor seinen Lehrern und bewarf Mitschüler mit Steinen. Als er auch noch ein Multifunktionsmesser zückte, holten seine Lehrer die Polizei. Tobias S. versuchte vergeblich, vor den Beamten zu flüchten.

Doch nicht nur handgreifliche Gewalt herrscht an Berlins Schulen. Laut der "Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft" (GEW) ist die "verbale Gewalt" das Hauptproblem, dem Lehrer an Schulen in "sozialen Brennpunkten" ausgeliefert seien - vor allem an Haupt- wie Grundschulen. Rempeln und Spucken gehöre zur Tagesordnung, sagte der GEW-Fachgruppenleiter für Hauptschulen Norbert Grundacker der linksalternativen "taz".

Ein anderer GEW-Vertreter beklagt, daß die Lehrer im Regen stehen gelassen würden. Er nannte das Beispiel einer 54jährigen Pädagogin, die nach Morddrohungen nicht mehr an ihre Reinickendorfer Hauptschule zurückkehren wollte. Sie wollte künftig nur noch an einer "friedlichen" Schule arbeiten. Eine solche konnte ihr die Schulbehörde nicht nennen. Also wurde die Frau erst einmal bis Jahresende krankgeschrieben.

Zurück zum Koch-Gymnasium: Drei Stunden nach der ersten Pressemitteilung wegen des Übergriffs auf die Lehrerin kam eine zweite, wieder aus dem Hause Böger. Der Senator, der um 15.45 Uhr bereits feierlich verkündet hatte, die brutal verprügelte Lehrerin besucht zu haben, mußte zurückrudern: "Auf Anraten des behandelnden Arztes der verletzten Lehrerin hat Senator Böger seinen Besuch bei dem Gewaltopfer kurzfristig verschieben müssen. Der Arzt wird die Genesungswünsche und die Anteilnahme des Bildungssenators übermitteln."

Selbst Grundschüler schlagen bereits brutal zu: Bedrohte und geschlagene Pädagogen fühlen sich vom Berliner Senat alleingelassen Foto: pa


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