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10.06.06 / "Da wird mir übel" / Debatte um Nationalstolz: Linke trennen sich unter Schmerzen von der Parole "Nie wieder Deutschland!"

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. Juni 2006

"Da wird mir übel"
Debatte um Nationalstolz: Linke trennen sich unter Schmerzen von der Parole "Nie wieder Deutschland!"
von Markus Schleusener

Pünktlich zur Weltmeisterschaft entdeckt die Linke mal wieder die Nation. Eigentlich ist für sie die Zugehörigkeit zum deutschen Volk eine verbotene Frucht, eine geistige "No-Go-Area". "Nie wieder Deutschland", diese dumpfe Parole war lange Zeit mehrheitsfähig unter den Linken in Deutschland. Darüber wundert sich jetzt auch Matthias Matussek, selbst Linker und Kulturchef des "Spiegel". Jetzt sitzt Matussek im Museum Dahlem vor 100 Zuhörern, um sein neues Buch "Wir Deutschen - Warum die anderen uns gern haben können" (siehe PAZ 22) vorzustellen. Die Nachfrage nach seinem Werk ist groß, das Buch hat einen wunden Punkt getroffen.

Mattusek berichtet, daß nichts die Liebe zum eigenen Land mehr stimuliere als ein Auslandsaufenthalt. Der Journalist war als Korrespondent in Brasilien, den USA und England. Vor allem auf der Insel sei er zum deutschen Patrioten gereift. Der Autor verliest eine Schlüsselszene seines Buches mit einer alten englischen Lady, der ein deutscher Kulturpreis verliehen wird. Sie fragt ihn auf der Feier nach der europäischen Verfassung, und er "blufft sich durch", weil er keine Ahnung von dem komplizierten Vertragswerk hat. Die Lady meint indes spöttisch: "Wir Briten brauchen keine Verfassung, wir sind die älteste Demokratie der Welt." Aber für eine so junge Nation wie die Deutschen sei das vielleicht sinnvoll. Matussek spürt, daß sie ihn wissen läßt: Ihr seid Wilde, die gerade erst die Keulen weggelegt haben.

Auf diese überhebliche Haltung könne man nicht mit "dem großen Schuldbekenntnis" antworten. Matussek klagt über unseren "nationalen Selbsthaß." Grundsätzlich gebe es den zwar auch bei Juden, Russen oder Engländern. Aber der Selbsthaß der deutschen 68er sei einmalig. Spießer und Reaktionäre sind immer die anderen, lautete die selbstherrliche Doktrin dieser Generation.

Deswegen hat Matussek auch ein Kapitel über Joschka Fischer geschrieben. In kaum zu übertreffender Klarheit wird der "Ich-schäme-mich-für-Deutschland-Aktivist" getadelt. Als Matussek die entsprechenden Textpassagen verliest, hat er die Lacher auf seiner Seite. Überhaupt wird viel gelacht. Es ist wie bei Harald Schmidt. Der TV-Unterhalter kann froh sein, daß Matussek bei der Zeitung ist und nicht beim Fernsehen. Sonst hätte er echte Konkurrenz zu fürchten.

Eine Konstante in Matusseks Denken ist England, der "geistloseste Platz auf Erden", wie er findet. Inzwischen allerdings haben ausgerechnet die Briten den deutschen Kultur-"Kraut" als Autoren für sich entdeckt. Sie lieben es, daß er ihnen so richtig kontra gibt. Matussek schreibt für verschiedene britische Zeitungen.

Das Berliner Publikum lacht zwar, ist aber trotzdem skeptisch. Was Wunder: Im Saal sind fast ausschließlich "68er", inzwischen gehobenes Westberliner Bürgertum - Leute eben, die 1990 von der Vereinigung "überrascht" wurden und mit Rot-Grün ihren Traum verwirklicht sahen. Jetzt sind sie es, die dem Zeitgeist hinterher hecheln - so wie Matussek dem Interesse an seinem Buch.

"Ist es denn erstrebenswert, so selbstherrlich zu sagen: ‚Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein'?" fragt eine ältere Dame zweifelnd. Dabei werde ihr übel, bekennt sie wie in einer Selbsterfahrungsgruppe. Ein Mann mittleren Alters hat den Grund für "Rassismus und Fremdenfeindlichkeit" ausgemacht. Das Gefühl der Deutschen, minderwertig zu sein, fördere diese Haltung, mutmaßt er.

Eine etwa 50jährige Frau schließlich ist bekümmert, weil es kein positives kollektives Erlebnis der Deutschen wie in Frankreich 1789 gegeben habe. "Die Deutschen waren immer nur Untertanen", will sie, von tieferer historischer Kenntnis ungetrübt, herausgefunden haben.

Und eine noch etwas ältere Dame zitiert Philipp Reemtsma, der auf die Frage "Lieben Sie Deutschland?" geantwortet habe: "Es gibt kein Deutschland, es gibt nur dumme Leute, die solche Fragen stellen."

Am darauffolgenden Tag eröffnete Angela Merkel das Langzeitprojekt "Deutsches Historisches Museum". Die neue Dauerausstellung widmet sich vielen Kapiteln deutscher Geschichte. Aber - natürlich - schwerpunktmäßig geht es um die Nazi-Verbrechen. Für Matussek ist der NS-Staat der "Freak-Unfall der deutschen Geschichte". Nicht so für den deutschen Zeitgeist: Das ARD-Frühstücksfernsehen kündigte die Ausstellung mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg an: "Die Deutschen sind verrückt geworden, sie wollten die ganze Welt erobern." Es reicht eben nicht, wenn ein einzelner Feuilletonist vom "Spiegel" zu der Auffassung gelangt, daß "Selbsthaß" ein bei Deutschen besonders ausgeprägtes Phänomen ist.


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