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10.06.06 / Die alte Heimat im Herzen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. Juni 2006

Gedanken zur Zeit:
Die alte Heimat im Herzen
von Wilfried Böhm

Vor 200 Jahren, am 12. Juni 1806, wurde im damals preußischen Mühlhausen in Thüringen, der ehemals Freien Reichsstadt, Johann August Röbling geboren, einer der innovativsten und mutigsten Brückenbauer aller Zeiten.

Mit der New Yorker Brooklyn Bridge schuf er "das achte Weltwunder", wie sein bekanntestes Werk oft genannt wird.

Der begnadete Ingenieur war das jüngste von fünf Kindern, der Vater Tabakhändler, von dem es heißt, "er habe ebenso viel verkauft, wie selbst geraucht", die Mutter eine zielstrebige und ehrgeizige Frau, die das Geld zusammenhielt, um den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Miserable Noten in Latein und Theologie, aber große Begabung für mathematische und technische Dinge führten dazu, daß der junge Johann August zu dem Mathematiker Unger in Erfurt und anschließend zum Studium nach Berlin zum Königlich Preußischen Polytechnikum geschickt wurde, wo er bei führenden Technikern das Fach "Brückenbau" belegte. 1826 beendete er sein Studium mit einer Abschlußarbeit über "Hängebrücken", die es ihm ganz besonders angetan hatten. Erste Anstellung fand er als "Bauconducteur" in Arnsberg im Sauerland, beteiligte sich an einem Wettbewerb für eine Brücke über die Ruhr bei Freienohl mit einer Ketten-Hängebrücke. Die Oberbaudeputation in Berlin bevorzugte jedoch herkömmliche Holzträger auf Steinpfeilern und verwarf Röb-lings Entwurf. Er war enttäuscht über diese Niederlage und überdies unzufrieden mit der politischen Gesamtsituation im Metternich-Deutschland nach der Juli-Revolution in Paris 1830. Er war froh, als er 1931 vom Mühlhäuser Bürgermeister endlich den "Consens" zur Ausreise bekam und am 22. Mai 1831 Deutschland von Bremen aus mit dem Dreimaster "August Eduard" in einer Gruppe von gut 40 Gleichgesinnten, darunter seinem Bruder Carl, verlassen konnte. Seine Mutter begleitete beide Brüder nach Bremen. Als das Schiff ausgelaufen war, erlitt sie einen Herzinfarkt, an dem sie wenig später verstarb. Erst Monate später erfuhren die Brüder per Brief vom Tod der Mutter.

Am 6. August 1831 war die Auswanderergruppe in Philadelphia gelandet, gründete die Gemeinde "Saxonburg" und betrieb Landwirtschaft. Mit einer Nachreisegruppe kam Johanna Müller. Röbling heiratete sie, das erste Kind tauften sie auf den Namen Washington. Röbling nahm 1837 die amerikanische Staatsbürgerschaft an und schrieb sich seitdem John A. Roebling, ein ganz bewußter Schritt in die einmal eingeschlagene Richtung.

Angesichts der für ihn riesigen Verkehrsanlagen, die er in seiner neuen Heimat erlebte, schrieb er in sein Reisetagebuch: "... der Teutsche wundert sich, wie dies Alles geschehen konnte, ohne daß ein Heer von Regierungsräthen, Ministern und anderen Beamten zehn Jahre lang vorher darüber deliberiert, eine Menge kostbarer Extrapostreisen gemacht, und so viel Liquidationen darüber geschrieben haben, daß mit dem Betrage derselben, zehn Jahre lang Zinsen auf Zinsen gerechnet, das Werk ausgeführt werden könnte."

In der Realität der "neuen Welt" beginnt Roebling, seinen technischen Leidenschaften nachzugehen, weil er im aufstrebenden Amerika beste Voraussetzungen dafür erkennt. Als Ingenieur tritt er in ein Kanalbauunternehmen ein. Kanäle waren in dieser Zeit nicht die einzigen bedeutenden Verkehrsadern, und damit hat auch das Thema "Brückenbau" ihn wieder erfaßt, wurden doch Boote und Eisenbahnwagen über Berge gezogen, um ihre Fahrt auf der anderen Seite des Kanals fortsetzen zu können. Die Seile waren aus Hanf, die reißen und zu schweren Unfällen führen können. Roebling entwickelt ein Drahtseil, in dem er sieben Stränge miteinander verpleißt. Diese Erfindung und seine in Trenton errichtete Drahtseilfabrik wurden die Basis seines Erfolgs, auch als Unternehmer. Auch die Drähte für die "Golden Gate Bridge" und die "Cable Cars" im fernen San Franzisco wurden später hier produziert. Die "Allegheny-River-Brücke" wird sein erstes Meisterwerk, dem viele folgen, so die "Cincinnati Bridge" über den Ohio River, die mit 322 Metern als längste Hängebrücke der Welt bejubelt wurde, und die Brücke am Niagara, ganz in der Nähe der berühmten Wasserfälle.

Dann kam das größte Meisterwerk: die Brücke über den East River zwischen New York und Brooklyn, das damals noch eine eigenständige Stadt war. Doch kurz nachdem Roebling die kompletten Pläne für die Brooklyn Bridge mit einer Spannbreite von 487 Metern und 107 Meter hohen Pfeilern ausgearbeitet hatte, erlitt er am 6. Juli 1869 einen schweren Arbeitsunfall, bei dem sein Fuß zerquetscht wird. Er stirbt am 22. Juni am Wundstarrkrampf, nachdem er entgegen dem dringenden Rat seines Arztes ("Sie holen sich den sicheren Tod") die Wunde nur mit Wasser behandelt hatte. Einen Tag zuvor hatte er seine letzte Erfindung skizziert: einen Apparat, mit dem er sich selbst aus dem Bett herausheben konnte.

Unter der Anteilnahme von Tausenden wurde er beerdigt. Roebling hat "seine" Brücke nie gesehen, aber mit den Werken seiner Ingenieurbaukunst war er am Ende des 19. Jahrhunderts zur Symbolfigur für den Aufbruch ins Industriezeitalter geworden. Sein Sohn Washington, das erste seiner sechs Kinder, übernahm die Bauleitung für die nächsten 14 Jahre, zog sich aber durch den häufigen Aufenthalt in der Druckluft der Senkkästen eine Art Taucherkrankheit zu, die ihn depressiv und fast bewegungsunfähig machte, so daß seine Frau Emily Warren Roebling die Bauleitung übernehmen mußte und das große Werk vollendete, als sie am 24. Mai 1883 als erster Mensch die Brücke überquerte.

Johann August Röbling hatte den Aufbruch aus einem sich selbst fesselnden Land gewagt, nicht zuletzt auch weil er in seiner Studienzeit in Berlin den Philosophen Friedrich Hegel kennengelernt hatte. An dessen Vorlesungen nahm Röbling 1826/27 teil, als dieser seine "Philosophie der Weltgeschichte" las. Es ist anzunehmen, daß diese geistige Begegnung Röblings Entschluß zur Auswanderung beeinflußt hat, erschien doch Amerika in Hegels Vorlesungen als das Land, in dem sich europäische Einwanderer frei entfalten konnten. Für den preußischen Professor Hegel verkörperte zwar die Monarchie "die Vernunft", aber Amerika war für ihn "das Land der Zukunft". Die Auswanderung biete, so Hegel, viele Vorteile, "denn die Auswandernden haben vieles abgestreift, was ihnen in der Heimat beengend sein konnte, und bringen den Schatz des europäischen Selbstgefühls und Geschicklichkeiten mit; und für die, welche anstrengend arbeiten wollen und in Europa die Quellen dazu nicht fanden, ist in Amerika allerdings ein Schauplatz eröffnet." Für Hegel offenbarte sich in Amerika "die weltgeschichtliche Wirklichkeit", es sei "ein Land der Sehnsucht für alle die, welche die historische Rüstkammer des alten Europa langweile".

Doch die alte Heimat behielt Röbling im Herzen. Das zeigt sich auch darin, daß die neu-gotischen Bögen, die seiner Brooklyn-Brücke Gesicht und Charakter geben, den Bögen seiner Taufkirche in Mühlhausen in Thüringen entsprechen, der Kirche, an der auch Johann Sebastian Bach wirkte.

Johann A. Röbling wurde vor 200 Jahren geboren

Der Auswanderer entwarf die Brooklyn Bridge


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