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10.06.06 / Sie wetteten um eine Kiste Wodka / Preußische Genossenschaft des Johanniterordens führte Hilfstransport nach Ostpreußen durch

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. Juni 2006

Sie wetteten um eine Kiste Wodka
Preußische Genossenschaft des Johanniterordens führte Hilfstransport nach Ostpreußen durch

Die Vorbereitungen waren von unterschiedlichen Problemen geprägt, wobei diesmal die Laderei am wenigsten Aufwand erforderte. Der Lastkraftwagen war schon seit November mit Schulmöbeln und Stapelstühlen zu 90 Prozent gefüllt. Im Januar hatte Botho v. La Chevallerie von der Preußischen Genossenschaft des Johanniterordens von einer befreundeten Organisation drei Paletten tiefgefrorene Suppen übernommen, die Johanniter-Hilfsgemeinschaft (JHG) Karlsruhe brachte - wie schon seit vielen Jahren - Bekleidung, Bettwäsche und dergleichen. Von der Möbelhalle Böblingen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) erwarb v. La Chevallerie einen Kühl- beziehungsweise Gefrierschank, einen Elektroherd und einen Fernseher. Über ebay erstand er eine fast neue Waschmaschine. Allerlei weiteres Material wurde vier Tage vor dem Start unschwer von der Scheune in den Lastkraftwagen verbracht. Am Abreisetag kam dann noch ein geliehener Drei-Tonnen-Hänger dazu, für den es mehr als genug Material in seinem Lager gab. Da der Start erst am frühen Abend geplant war, verblieb noch genügend Zeit, diesen Hänger zu füllen. Schließlich waren es 3,33 Tonnen Fracht mit 24 verschiedenen Artikeln, darunter eine ganze technische Küchenausrüstung, Computer, drei Paletten Fertigsuppen, Fahrräder, Dreiräder, Kinderwagen, Rollstühle, Spielzeug, Kuschel-Plüschtiere, Bekleidung, Schuhe, Bettwäsche, Brillen und Hörgeräte. Der Wert belief sich auf rund 17300 Euro.

Dagegen war die Beifahrerfrage heuer schwerer lösbar. Alle bewährten Kräfte waren auf Kur, waren verreist, hatten unaufschiebbare Termine und so weiter. Aber vier Tage ehe es nach zwei Verschiebungen endlich losgehen sollte, konnten v. La Chevallerie die "Posen-Westpreußen" helfen. Eckhard Rissel erklärte sich (gerne) bereit, in und für Masuren zu helfen, und wurde v. La Chevallerie ein angenehmer Mitstreiter, tüchtiger Helfer und guter, umsichtiger Fahrer.

Da der Laster direkt nach v. La Chevalleries Rückkehr einen weiteren Transport fahren sollte und v. La Chevallerie unbedingt am 8. Mai morgens einen Termin wahrzunehmen hatte, schob sich die Reise ein wenig zusammen, jedenfalls in der Planung. Ob die Ausführung der Planung würde entsprechen können, mußte sich erweisen.

Der Start, für 18 Uhr geplant, verschob sich dann doch um eine Stunde, denn sie brauchten mehr Zeit, um die drei Paletten Suppen von v. La Chevalleries (zu kleinen) Hänger auf das Leihgerät umzuladen, wobei eine Palette komplett auseinandergenommen werden mußte. Zweitens dauerte das Füllen des Anhängers länger als erwartet, da sein Fassungsvermögen unterschätzt worden war. Und drittens streikte v. La Chevalleries Computer, und die Ladeliste ließ sich nicht drucken. Mittels Neustart hat sich das Problem aber glücklicherweise "entheddert". Obwohl seit Polens Beitritt zur Europäischen Union Zollpapiere nicht mehr erforderlich sind, nahm v. La Chevallerie - wie gehabt - Ladeliste, Geschenkurkunde und Desinfektionsbescheinigungen mit, denn man weiß nie, wer einen wann und wo eventuell kontrolliert.

Während es sich in der Gegenrichtung staut, herrscht Richtung Stuttgart ruhiger Verkehr. Auch später ist in Fahrtrichtung der beiden gut durchzukommen. So sind sie schon nach vier Stunden über Würzburg, Schweinfurt, Bamberg am Kulmbacher Dreieck auf der A 9, drei Stunden später am Dreieck Potsdam und knapp eineinhalb Stunden später an der Grenzstation Küstrin.

Der deutsche Zöllner bemängelt den Anhänger, denn dieser Grenzübergang sei nur bis 7,5 Tonnen zugelassen (was v. La Chevallerie nicht wußte, denn er ist hier auch schon mit 15 Tonnen Gesamtgewicht herübergefahren, worüber er den deutschen Beamten nun aber nicht aufgeklärt hat). Dem deutschen Grenzer war es aber egal, sein polnischer Kollege hat wegen des Anhängers "ein Auge zugedrückt", als er hörte, daß es ein "transport humanitarna" nach Masuren ist. Er wirft einen Blick in den Lastkraftwagen, und das ist es. Alles ist in fünf Minuten abgewickelt.

Im Oderbruch steht das Land kilometerweit unter Wasser mit eingestreuten Inselchen aller Art und Güte, und über dieser Wasserfläche geht gerade eine rote Sonne auf, die wie ein Feuerball aussieht. Später strahlender Sonnenschein, der den beiden während der ganzen Reise erhalten bleiben wird.

Über Landsberg, Deutsch Krone, Schlochau, Preußisch Stargard, Marienburg, Elbing, Allenstein, Nikolaiken, Arys, Lyck und Augustow sind die beiden kurz vor 19 Uhr beim Pfarrhaus in Suwalki angelangt. Der Laster wird rückwärts etwas mühsam (und ohne die Dachrinne zu beschädigen) vor die Garage rangiert und das Vorgesehene entladen. Mühsamer, weil kräfteraubender, ist die Bugsiererei des Hängers, vor allem wegen der Tandemachse, welche das Lenken wesentlich erschwert. Dabei stellt sich heraus, daß die zu Hause mühsam aufgebauten Suppenstapel zum Teil in sich zusammengebrochen sind.

Daraufhin gibt es erst einmal Kaffee zur Stärkung und moralischen Aufrüstung, und mit vereinten Kräften - Nachbarn helfen mit - ist nicht nur der Schaden bald behoben, sondern auch alles weitere, für die Gemeinde vorgesehene Material, in der Garage sicher verstaut.

Danach wird es gemütlich. Pfarrer Penczek hat außer Wodka natürlich auch Sorgen, besonders das (zurückgegebene) Gemeindehaus betreffend. Die Stadt Suwalki will bis September 2007 die Innenstadt restauriert haben, und dort befindet sich auch das Gemeindehaus. So wurde die Kirchengemeinde aufgefordert, bis zu diesem Termin dieses Haus ebenfalls in einen entsprechend ansehnlichen Zustand zu versetzen. Aber das kostet 18000 Euro.

Bis zum September nächsten Jahres muß die Restaurierung wenigstens begonnen und die Finanzierung sichergestellt worden sein. v. La Chevallerie hat mit Pfarrer Penczek um eine Kiste Wodka gewettet, daß bis zu jenem Termin die Renovierung der Fassade des Gemeindehauses begonnen sein wird. Schau'n wir mal, wie das zu machen sein könnte, lautet hierzu sein Kommentar. Es wurde, wie eigentlich immer und trotz durchfahrener Nacht, ein ausgedehnter Abend.

Den nächsten Tag, Sonnabend, den 6. Mai, sieht man die beiden um 8.30 Uhr beim reichhaltigen Frühstück und um 9.30 Uhr auf dem Weg nach Neidenburg, nicht ohne für 3,99 Zloty (1,02 Euro) pro Liter "ecodiesel" getankt zu haben, sprich normalen Diesel, dem vier Prozent Rapsdiesel beigegeben sind, was ihn entsprechend günstig macht. Hier oben ist die Natur noch deutlich zurück, kaum Grün an den Bäumen, während es im mittleren und südlichen Masuren schon gewaltig grünt, und auch der Raps schon blüht.

Die beiden probieren diesmal einen neuen Weg aus. Auf dem Hinweg wollte v. La Chevallerie natürlich seinem Beifahrer die Schönheit der Seenlandschaft zeigen, jetzt gilt es aber, rasch voranzukommen. So fahren sie auf der Straße Nr. 61 über Augustow, Grajewo, Szczuczyn, Johannisburg, Niedersee und Ortelsburg nach Neidenburg. Diese Streckenführung ist flott zu fahren - von kurzen Ausnahmen einmal abgesehen - und mit 240 Kilometern sogar 20 Kilometer kürzer als die Tour über Nikolaiken. Das Land um Suwalki-Augustow ist weitgehend topfeben mit eingestreuten kleinen Waldstücken. Die Felder sind bestellt. Es gibt kaum Brachflächen. Die Höfe sind sauber.

Um 13.30 Uhr erreichen die beiden Neidenburg. Das Ausladen findet wie gehabt statt. Die Gästeunterkünfte werden besichtigt. Das Gästebad ist aus Geldmangel immer noch nicht ganz fertig. Es fehlen die Wand- und Bodenkacheln und die Anschlüsse für die schon vorhandenen Sanitärutensilien. Die beiden lassen für diesen Zweck 250 Euro dort.

Am dritten Wochenende im Oktober wird in Neidenburg ein Gedenkgottesdienst zum zehnten Todestag von Pfarrer Otello stattfinden. v. La Chevallerie will versuchen, zu diesem Zeitpunkt mit einem Transport dort zu sein.

Gegen Abend fahren die beiden weiter nach Soldau, verstauen den Rest der Ladung aus Laster und Hänger teils im Pfarrbüro, teils im Nebengebäude, und sind eine halbe Stunde nach neun Uhr mit allem fertig. Der Abend wird nicht ganz so ausgedehnt wie der vorige in Suwalki, aber nicht minder angenehm. An der Politik kommt man natürlich nicht vorbei, und von dem neuen Gespann Marcinkiewicz plus Lepper plus Giertych erwartet man keine Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen.

Gespannt ist man auf die Neubesetzung der Pfarrstelle Nikolaiken. Eine Möglichkeit wäre, Mendroch jun. aus Schlesien zurückzuholen. Aber ob Bischof Jagucki auf diese gute Idee kommt? Gott geb's.

Am Sonntag, dem 7. Mai, um 9 Uhr sind die beiden bereits wieder auf dem Weg nach Hause. In Bromberg haben die beiden Schwierigkeiten mit der Beschilderung nach Schneidemühl / Pila, denn es gibt sie nicht. Man sollte sich an die Straße Nr. 10 halten. Bei Deutsch Krone teilt sich die Straße, die "10" geht weiter nach Stettin, die "22" über Landsberg zur Grenze. Die Oderbruchüberschwemmung beginnt schon 10 Kilometer vor der Oder. Es sind schätzungsweise über 1000 Hektar, vermutlich sogar Tausende von Hektar überschwemmt. Die Folge sind jede Menge kleine Inseln mit und ohne Bäumen. Es wirkt wie ein etwas seltsames Binnenmeer.

Um 15.30 Uhr erreichen die beiden die Grenze. 15 Autos stehen vor ihnen. Nach zehn Minuten sind sie durch die polnische Seite. Der deutsche Zoll will irgend etwas sehen, ist aber beschäftigt, und so stehen sie ziemlich nutzlos eine Weile herum. Der Zöllner bestaunt schließlich die Kartonreste in ihrem Fahrzeug, der übrigens sehr nette, junge Polizist hingegen das Nummernschild, und da ist der TÜV seit vier Monaten überfällig. Wenigstens ist die ASU (Abgasuntersuchung) noch gültig. Sie kommen aber mit einer (kostenlosen) Ermahnung und dem Versprechen, das Versäumte nachzuholen, davon. Als der Lastkraftwagen zur "Winterruhe" überging, war der TÜV noch gültig, bis zur Wiederinbetriebnahme dann aber unbemerkt abgelaufen.

Der Rest verläuft so unkompliziert wie ein Kugelschreiber. Es herrscht überraschend wenig Verkehr. Um 1.30 Uhr liefern die beiden den Anhänger im Gewerbegebiet Böblingen ab, und 20 Minuten später sind sie wieder zu Hause, vom Hund ebenso lebhaft begrüßt, wie sie hundemüde sind. Mit 17 Stunden für die Rückfahrt haben sie den bestehenden Rekord eingestellt.

Am Dienstag, dem 9. Mai, geht es dann wie versprochen sogleich zum TÜV, der erwartungsgemäß einiges zu beanstanden hat. Anschließend geht es umgehend nach Hause, wo Hund und Fahrrad an Bord genommen werden. Mit dem Tier auf dem Beifahrersitz geht es ab in die Werkstatt nach Gärtringen. Zurück geht es per mitgenommenem Fahrrad. So kommt der Hund auch gleich zu seiner dringend benötigten Bewegung.

Leider dauert es dann doch mehrere Tage, bis alle Beanstandungen bereinigt sind. Die nötigen Ersatzteillieferungen aus Italien erweisen sich als zeitraubend. Die Werkstatt gibt sich zwar die allergrößte Mühe, aber der erst für den 10. Mai geplante und dann auf den 12. Mai verschobene nächste Ostpreußentransport muß ein weiteres Mal auf Ende Juni verschoben werden. Am TÜV zumindest kann dieser Termin nun nicht mehr scheitern, denn inzwischen ist der Lastwagen fertig und wieder mit einer gültigen TÜV-Plakette versehen. B. C.

Die Rückfahrt war nicht nur rekordverdächtig

Das Auto war mit Hilfsgütern der unterschiedlichsten Art gefüllt. Foto: v. La Chevallerie


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