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10.06.06 / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

© Preußische Allgemeine Zeitung / 10. Juni 2006

Nicht so wichtig / Die Leute laufen Sabine Christiansen davon: Interessiert sich keiner mehr für Pofalla, Söder, Heil und Co.?
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Bald wird es am Sonntagmittag bei der ARD heißen: "Heute abend unser Thema bei Sabine Christiansen: Warum schaut keiner mehr Sabine Christiansen?" Die wegbrechenden Zuschauerquoten der politischen TV-Runden waren ein großes Thema diese Woche. Für den Normalkonsumenten ist der Niedergang der Quasselshows keine Überraschung. In den 90ern ging es ihren kleinen, ordinären Schwestern, den Nachtmittagsshows von Arabella und Co., genauso. Jetzt wird zu deren Sendezeit öffentlich Gericht gehalten, was auch irgendwann ausgenuckelt sein dürfte.

Christiansen ist zwar noch lange nicht auf dem Niveau von "Arabella" angelangt. Ihr widerfuhr viel Schlimmeres: Sie ist langweilig geworden. Dermaßen öde, daß selbst die treuesten Staatsbürger reihenweise schlappmachen, die bislang bereit waren, sogar die immer wiederkehrenden Politikerphrasen zur "Aussage" aufzuschminken.

Viele geben der Moderatorin die Schuld: Sie habe immer die gleichen Leute eingeladen, und wenn es mal zu einer echten, inhaltsschwangeren Auseinandersetzung gekommen sei, habe Frau Christiansen als erste dazwischengefuchtelt, um mit aller Gesprächsleitergewalt zu ihrem 30-Sekunden-Stellungnahme-Rhythmus zurückzukehren, mit dem sie gekonnt verhindert, daß jemand Farbe bekennen muß.

Da ist natürlich etwas dran. Andererseits die Gäste: Mit wem sollte Frau Christiansen denn noch auftreten? Die Großen in der Koalition wie Kanzlerin und Vizekanzler belauern sich zwar dauernd, schwafeln sich aber heraus, wenn man ihnen etwas Handfestes über ihre Meiung zum roten oder schwarzen Partner entlocken möchte. Die Minister tun es ihnen gleich, blieben also noch die Generalsekretäre.

In der Hochzeit dieses Amtes in der 70ern und 80ern fungierten die Parteigeneräle als blutrünstige Schwarfmacher, von denen Journalisten jede noch so polemische Gemeinheit gratis serviert bekamen - echte Kerle fürs wirklich Grobe. Und heute? CDU-Amtsinhaber Pofalla wirkt auf die Öffentlichkeit wie Angelas kleiner Liebling mit Schleifchen im Haar, der im Gedanken ans gestrenge Frauchen täglich von der Furcht getrieben wird, sie könnte ihn ins Heim abschieben, wenn er sie nicht devot genug anhimmelt. Die Kollegen von SPD und CSU, Heil und Söder, geben sich zwar wenigstens Mühe, ein bißchen kantig aufzutreten. Für beide gilt jedoch: Viel zu sehr Sekretär und eigentlich nichts von einem General. Sie umweht der Charme von Nachwuchspolitikern, die man in Kämpfe schickt, welche man für nicht so wichtig hält.

Die Landesfürsten, die meisten sind ja von den Union, verhalten sich derweil wie arabische Staatsführer: Erst große Tiraden, die zu linkischem Gepiepse verfallen, sobald es ernst zu werden droht. Zunächst erweckten sie den Eindruck heroischer Kampfbereitschaft und wollten bei Hartz IV im Juli auf den ganz großen Reformwurf drängen. Nachdem Müntefering jedoch Koalitionskrach-Kanonen in Stellung gebracht hatte, verkrümelten sich die Ministerpräsidenten ins Gebüsch: Es gehe ja erstmal bloß um "Verwaltungsfragen", besänftigt Hessens Koch. Thüringens Althaus flüchtete sich gar in die Hungersteppe einer Endlosdebatte, die ein ganzes Jahr dauern solle: "Es wird sicher im Herbst bis in den Frühling des nächsten Jahres hinein eine Revision geben, die dann notwendige Änderungen erneut diskutiert und beschließt." Die "Menschen schöpfen wieder Hoffnung", hat Kanzlerin Merkel den Hoffnungslosen freudig entgegengerufen. Doch erst in einem Jahr will Schwarz-Rot ihnen verraten, worauf.

Als die Koalition gezimmert wurde, waren wir alle recht optimistisch: Entweder, die packen's richtig an. Dann werden die Zeiten zwar härter, doch mit Aussicht auf Besserung von grundauf. Oder die behaken sich bloß. Dann geht es zwar weiter abwärts, aber lustig bleibt's. Nun stehen wir doch etwas belämmert da: Behakt wird sich, wie erwähnt, nur halbherzig, seltsam verklemmt und meist verklausuliert. Und packen tun sie uns vor allem an die Geldbörse nach dem Motto: Lieber dem Wähler die Hosen runterziehen als dem Koalitionspartner vorhalten, daß er nackt ist, weil man selber ja auch nichts anhat.

Um uns das anzuhören, sollen wir eine der letzten kostbaren Sonntagsstunden bei Sabine Christiansen verbringen? Bislang kopierten deutsche Talkmaster "ihre" Ideen vom Ausland. Von dort könnte auch diesmal die Rettung kommen: Das Frühstücksfernsehen der Londoner BBC holte sich versehentlich einen Taxifahrer ins Studio, den die Interviewerin fälschlich für einen Fachmann für Rechtsfragen im Internet hielt. Der arme Mann versuchte in der allgemeinen Hektik vergebens, den Irrtum aufzuklären. Nach und nach aber gewöhnte sich der 36jährige Afrikaner an die Situation und beantwortete brav alle ihm gestellten Fragen. Nur der wahre Fachmann, der die Sendung im Funkhaus (mit seinem Namen unter dem fremden Gesicht) verfolgen mußte, bemerkte den Fehler natürlich und tobte, bis die LiveÜbertragung abrupt unterbrochen wurde.

Das wäre doch eine Lösungsmöglichkeit: Warum könnte man an Stelle von Pofalla, Heil und Konsorten nicht ein paar Kollegen aus der Fahrbereitschaft des Bundestages ins Studio locken und sie für die echten Politiker ausgeben? Das britische Beispiel hat aufgedeckt, daß letztlich jeder durchschnittlich begabte Zeitgenosse imstande ist, auf Talkshowniveau zu experteln. Und die Einschaltquoten? Ach, die wären traumhaft!

Eine Gefahr indes birgt das Experiment mit dem Pofalla aus der Tiefgarage: Da er im Unterschied zum Original keine Macht hat, an die er sich klammert, könnte ihm ein Sachproblem wichtiger sein als die Frage, wie glatt er rüberkommt in der Sendung. Am Ende interessiert sich der Mann sogar wirklich für das Thema, ist mit Herzblut bei Sache?

Welch gewaltigen Schaden solche Überzeugungsredner der in Jahrzehnten erfolgreich verholzten bundesrepublikanischen Diskussionskultur zufügen können, mußten Millionen Deutsche vergangenen Sonntagmittag mitverfolgen. Im "ARD-Presseclub" ging es um den (mangelnden) deutschen Patriotismus und das neue Buch von Matthias Matussek zum Thema. "Spiegel"-Kulturchef Matussek machte klar, daß er "Nationalismus" für schimpflich halte und ausdrücklich Patriotismus und Nationalstolz davon abgrenze. Das war mißlich für "Handelsblatt"-Mitdiskutant Roland Tichy. Der hatte die Vokabel "engstirniger Nationalismus" offenbar in seinem Phrasenköcher mitgeschleppt. In Patriotismusdebatten kommt der Vorwurf "engstirniger" oder "dumpfer Nationalismus" schließlich immer vor, muß sich Tichy gedacht haben. Nun wollte er ihn auf Matussek abfeuern. Das Thema war ihm sowieso egal.

Matussek aber nicht, der nahm den Angriff ernst und schoß zurück: "Unverschämtheit! Das nehmen Sie zurück!" Tichy war vom Donner gerührt. Als der Streit nach Ende der Sendung im Studio noch weiterging, fühlte sich der Handelsblättler sogar von Matussek "bedroht". Er, der alles vorschriftsmäßig gemacht hatte: Der hat sich Patriot genannt, also habe ich ihn nach rechtsaußen abgeschoben - so sind die Regeln!

Man merkte sofort: Da ist etwas kaputtgegangen im Debattenritus, und der arme Tichy war mit der Situation völlig überfordert. Hatten wir nicht viele Jahre hart dafür gearbeitet, damit eines Tages alle Meinungen irgendwie gleich sind und man sich mit verteilten Rollen die gut abgewogenen "Schlagworte" zuspielt wie zwei eingespielte ältere Ehepaare die Bälle beim gemischten Doppel?

Die steil abfallenden Zuschauerzahlen der Talkshows lassen erahnen, daß die Freude der Deutschen am politischen Seniorentennis schwindet. Die Leute wollen vielleicht viel lieber mal Matussek. Und wenn der nicht mehr darf wegen neulich, dann wenigstens Tichys Fahrer - jedenfalls eher als ihn selbst.

Englands Talker machen's vor: Einfach jemanden von der Straße holen und sabbeln lassen

"Einfach schlucken! Dann tut es gar nicht weh!" Zeichnung: Götz Wiedenroth


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