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17.06.06 / "Moment mal!" / Die Angst der Deutschen vor dem Elfmeter - überwunden

© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Juni 2006

"Moment mal!"
Die Angst der Deutschen vor dem Elfmeter - überwunden
von Klaus Rainer Röhl

Deutschland - ein Festspiel-Land. Deutschland in Schwarz-Rot-Gold. Deutschland, ein Land, das sich selber wahrnimmt und gern hat. Schwarz-Rot-Gold auf der Haut, auf dem Auto, auf Fahnen und Transparenten, einer hatte sogar sein ganzes, zweistöckiges Haus in Schwarz-Rot-Gold gestrichen - unten gelb, Mitte rot, Dachgeschoß schwarz. Diese Bilder gingen um die Welt, nicht die verzagten Kommentare der völlig verwirrten linken Intellektuellen, die, wie einst Walter Jens, bekannten, daß sie sich immer freuen, wenn Deutschland verliert, oder, wie der Dichter Thomas Brussig, vom "Spiegel" befragt, "fortschrittliche Intellektuelle möchten am liebsten gar keine Nationalismen mehr sehen. Ist es im Fußball erlaubt, für 90 Minuten Nationalist zu sein?" Altkluge und Naseweise befanden, "ja, für 90 Minuten. Aber zu einem Spiel gehört auch, daß es vorbei ist ..." Gibt es noch immer bei uns linke Intellektuelle, die sich freuen, wenn Deutschland verliert und die dem gemeinen Volk die schwarz-rot-goldene Ausgelassenheit mißgönnen?

Die deutschen Intellektuellen hatten schon immer ein verkorkstes Verhältnis zum Volk. Zum einfachen Volk. Das ist schon seit Jahrhunderten so. Es wäre besser, wenn man ihnen statt dessen nachsagen könnte, daß sie ein schlechtes Verhältnis zum Adel, zu den regierenden Eliten, zum großen Geld gehabt hätten. Denen aber krochen sie immer hinten rein, wenn man sie nur ließ. Meist glückte es nicht, dann empfanden sie sich später als Opfer des Systems, das sie ausgeschlossen und verschmäht hätte, weil sie zu kritisch gewesen wären. Das stimmte fast nie. Alle Hölderlins und die vielen anderen, die sich als Hauslehrer und Dorfpfarrer durchschlagen mußten, wären auch lieber Goethe in Weimar gewesen. Übermacht, ihr könnt es spüren. Alle Nietzsches, die ihr Leben lang an ihrer Isolierung litten, wären am Ende auch lieber Wagner in Bayreuth gewesen und hätten gern dessen Erfolg gehabt. Tausende ungelesene Schriftsteller, die die Nase über die großen Bestsellerautoren rümpfen, hätten doch gern einmal in ihrem Leben den Erfolg von Günter Grass. Was der deutsche Intellektuelle aber noch mehr verachtet als seinen Mißerfolg, ist der Ungebildete, der ungeschlachte Bauer, der scheinbar empfindungslos plumpe Prolet. Dabei wären die kleinen Leute die natürlichsten Verbündeten der Intellektuellen, denn auch sie sind Verlierer. Aber bloß das nicht. Deswegen wurde auch das Feizeitvergnügen der kleinen Leute schon immer verachtet. Wie sich die platten Burschen freuen! Bis heute. So gilt auch heute das Freizeitvergnügen des kleinen Mannes als verächtlich, seine Ausgelassenheit auf dem Fußballplatz oder beim Ballermann auf Mallorca, immer mit der "Bild"-Zeitung oder vor der "Glotze". Beim Karneval oder auf dem Oktoberfest und bei Gosch auf Sylt. Schon Gymnasiasten sprechen heute verächtlich vom Prolo, vom Proll. Die verachten sie und fühlen eine kleine Genugtuung dabei, die ihnen über den Abend hilft. Nicht das Freizeitverhalten ihrer natürlichen Gegner, der feingeistigen Unternehmer und smarten Manager, der gutgelaunten Partei- und Regierungseliten aller Farben verachten sie, mit Multikulti-Kinderfrau und Wellness-Gattin, die im Körnerladen einkauft und für einen besseren Kindergartenplatz kämpft, nicht die Golfspieler und Sporttaucher und Drachenflieger und guttrainierten Fitneß-Hotelbesucher mit Salzburg-Wochenende sehen sie mit Mißtrauen, sondern ihren einfachen Mitbürger vom Fan-Club Mönchengladbach, der auf dem Fußballplatz mitsingt, wenn alle singen. Ach, die intellektuellen Kleinbürger verachteten schon in der Weimarer Republik den kleinen Mann und das schlimmste Schimpfwort, was Brecht für Hitler finden konnte war bezeichnenderweise "Anstreicher". Das Volk der Deutschen verachteten die Linken nach Kräften. Tucholsky nannte die Deutschen "verdummt, verengt, verpennt, blockiert", nur durch eine Reise nach Paris und einen Bummel auf dem Boulevard könnten sie geheilt werden. Das hat Tradition, die fortgesetzt wurde. Noch heute betrachtet der seit nunmehr drei Generationen im Geist der Reeducation erzogene Meinungsmacher nichts mit so großem Mißtrauen wie das Volk, dem er angehört. Es ist das Volk, das 1989 von sich rief "Wir sind das Volk!" und wenig später "Wir sind ein Volk!", und gerade die letzte Wendung sah der nach dem Krieg aufgewachsene und erzogene Intellektuelle mit tiefem Mißtrauen. Weil es angeblich Hitler gewählt hat: Es hat übrigens 1932, bei seinen letzten freien Wahl, mit großer Mehrheit KPD und SPD gewählt, also die Volksfront. Aber die täglichen Warnungen der Medienmacher gelten nicht den Gefahren einer Wiederaufnahme der Volksfront unter Lafontaine und Beck, sondern der "Gefahr" eines wieder erwachenden Nationalgefühls, das besonders auf dem Fußballplatz aufflammen könnte wie ein Flächenbrand. Da gibt es für die meisten deutschen Dichter, Schriftsteller und Journalisten nichts Gefährlicheres als das Volk. In den Augen seiner selbsternannten Volkserzieher besteht die Gefahr, daß es sich beispielsweise über die Fußballweltmeisterschaft, womöglich über einen deutschen Sieg in der Vorrunde freuen könnte, spontan Gefühle zeigen könnte, gemeinschaftliche Gefühle, gar Zusammengehörigkeitsgefühle wie 1989. Vaterlandsliebe, Patriotismus, Liebe zu Deutschland, das war den rot-grünen Herrschaften schon immer verdächtig und stand auch in der DDR unter Faschismus-Verdacht. Biermann beobachtete, daß für die deutschen Kommunisten das Volk, "der große Lümmel", eigentlich nur verdächtig sei und man ihn durch strenge Erziehung zum Guten zwingen müsse: "So gründlich haben wir geschrubbt / Mit Stalins hartem Besen / Daß rot verschrammt der Hintern ist / Der einstmals braun gewesen."

So streute man schon in die erste Freude der Deutschen über den Beginn der Spiele und sogar während des Jubels der 300000 Zuschauer vor der Riesenleinwand am Brandenburger Tor über den ersten Sieg bei dieser Weltmeisterschaft noch ständig bis zum Überdruß die Rede von der Gefahr von rechts. Eine Warnung, die immer abrufbar ist wie die Ansage eines Anrufbeantworters: "Gerade in diesem Land, das eben noch Hitler und die Judenverfolgung hervorgebracht hat." Eben noch? Ja, uns soll es vorkommen wie eben, ob wir abends fernsehen oder morgens den "Spiegel" und den "Stern" lesen, zum Greifen nahe das alles, als wäre Hitler gerade im Zimmer nebenan gewesen. Und hatte es 1954 beim deutschen Sieg in Bern, nicht auch so einen "nationalen Taumel" gegeben? Die müde gewordenen Antifa-Kader lebten noch einmal so richtig auf und zuckten in den alten Reflexen. Ein NPD-Auftritt mit 200 Leuten, der völlig im Trubel der Spiele unterging, und schon kämpfen 4000 lautstarke Gegendemonstranten von der Antifa gegen die Polizei und schreien mit schmerzverzerrten Gesichtern rhythmisch ihre Warnung vor der Gefahr eines neuen Faschismus heraus, mehrfach wiederholt für die ausländischen Fernsehkameras. Doch die Gefahr geht nicht von den 200 rechten Demonstranten aus. Die Gefahr geht von der antideutschen Propaganda aus. Und die betreiben unsere linken Medien. Es ist genau wie bei der Wiedervereinigung 1989. Auch da gab es schwarz-rot-goldene Fahnen, "Deutschland-Rufe" und Jubel und Begeisterung. In Ost und West. Sogleich setzte eine massive Kampagne von links ein, gegen die "Gefahr eines neuen Nationalismus". Ein wiedervereinigtes Deutschland bedroht den Frieden. Das darf nicht geschehen. Haltet die Entwicklung auf. Wehret den Anfängen! Der Jubel und die Freude der Deutschen an ihrer glücklichen Neu-Vereinigung fegte die Bedenken der Politiker hinweg, viele Politiker zum Glück auch. Auch diesmal, 2006 wollen Leute in Deutschland den "Anfängen wehren". Warnen vor dem Wiedererstehen eines neuen Nationalismus, des Rassismus und der Intoleranz. Doch zum Glück - für Deutschland - ist die Spontaneität auch diesmal stärker als die Propaganda. Zudem hat sich die Lage, nach mehr als 16 Jahren, verändert. Viele der alten Kämpfer aus der Zeit des Kalten Krieges sind abgetreten. Die verbittert-verbiesterte Generation der politischen Korrektheit hat ausgedient, ist unsicher geworden. Eine neue Generation ist herangewachsen, die nüchterner die Welt und das eigene Land betrachtet und fröhlicher sich des großen Festes und des neuen Selbstbewußtseins freuen will. Deutschland ist wieder wer. Deutschland kann sich wieder ungezwungen über sich selbst freuen, sich selbst feiern.

Der Aufbruch vor allem der Jugend war lange aufgestaut und um so überraschender. Schon in den frühen Morgenstunden der Eröffnung der Weltspiele sah man in Berlin ganze Schulklassen in den Farben schwarz-rot-gold geschminkt auf den Straßen, im Laufe des Tages zogen Zehntausende durch die Stadt. Jedes zweite Auto hatte einen Wimpel mit der Fahne der Deutschen, viele hielten auch die Fahnen aus den Autos. Waren es noch die Fahnen von 1989 und 1990, die so tausendfach aus den Autos gehalten worden waren? Das wäre sehr bedenkenswert. Wohlgemerkt: Es waren keine roten Fahnen oder die Regenbogen-Fahnen der internationalen Friedensbewegung oder die Farben Bayern oder Berlins. Es war die Fahne der Deutschen, die da gezeigt wurde. Es war, es ist ein internationales Fest, aber wir sind der selbstbewußte Gastgeber. Eine selbstbewußte Nation.

Deutschland vor: Überall im Land wehen Nationalfahnen. Foto: snapshot-photography


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