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17.06.06 / "Von quietschenden Eutern und nackten Soldaten" / Kleine Anekdoten aus der Kindheit und von den Erlebnissen im Schlorren-Gymnasium

© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. Juni 2006

"Von quietschenden Eutern und nackten Soldaten"
Kleine Anekdoten aus der Kindheit und von den Erlebnissen im Schlorren-Gymnasium
von Heinz Kurt Kays

Wer seine Kindheit und frühe Jugend in Ostpreußen, insbesondere aber in Masuren verbracht hat, der weiß bestimmt, was mit dem Begriff "Schlorren-Gymnasium" gemeint ist. So wurden im allgemeinen jene ein- oder zweiklassigen Volksschulen bezeichnet, wie es sie in diesem Land in fast allen der verstreut liegenden, oftmals weitabgeschiedenen Dörfern gegeben hat. Und sie hießen so, weil die Marjellchens und Lorbasse vom ersten bis zum achten Jahrgang nahezu ausnahmslos mit jenen einfachen Holzpantinen zum Unterricht kamen, die seit jeher "Schlorren" genannt wurden. Das galt allerdings nicht immer. Denn im Sommer, wenn es warm war, liefen die Kinderchen lieber barfuß. Und weder das eine noch das andere hat die Herren Lehrer im geringsten gestört.

Diese wackeren Pädagogen waren nämlich viel zu sehr damit beschäftigt, ihren Zöglingen Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen sowie auch eine Portion Religion, wie sie in Bibel, Gesangbuch und Katechismus verzeichnet stand. Und dieses ist ihnen zumeist vortrefflich gelungen, wobei sie sich freilich nicht scheuten, gelegentlich den Rohrstock zur Hilfe zu nehmen, wo immer es ihnen nötig schien.

So erhielten die "lieben Kleinen" in jenen Schlorren-Gymnasien durchaus das geistige Rüstzeug für ihr späteres Leben und meist noch etwas darüber hinaus. Ja, es geschah nicht selten, daß der eine oder andere auf die höhere Schule in der nächstgelegenen Stadt wanderte und später manchmal sogar die Universität bezog, vorwiegend natürlich die Albertina zu Königsberg.

Ansonsten wurde jedoch in solchen Schulen mehr Wert auf die praktischen Dinge des dörflich-bäuerlichen Alltags gelegt. Soll heißen, das kleine wie das große Einmaleins wurden wichtiger genommen als die Logarithmen der höheren Mathematik. Und ein Aufsatz über die jährliche Kartoffelernte erschien häufiger im Lehrplan als die Analyse des Faust-Dramas des Herrn von Goethe. Das "Lied von der Glocke" freilich mußte oft auswendig gelernt werden.

Ein derartiges "Schlorren-Gymnasium" hat es seinerzeit auch in Warninken gegeben, einem von Bauern, Handwerkern und Forstarbeitern bewohnten Dorf tief in den masurischen Wäldern. Dort amtierte seit Jahren der Lehrer Helmut Kozian. Ihm unterstanden an die 60 Schüler, von der ersten bis zur achten Klasse. Und aus seinem alltäglichen Unterricht soll hier einiges erzählt werden.

Da gab es zum Beispiel eine Rechenstunde, in welcher das Malnehmen geübt wurde. Und Lehrer Kozian stellte dem elfjährigen Bruno Malskat diese Frage: "Von sieben Kühen gibt jede am Tag zwölf Liter Milch. Wieviel Liter sind das insgesamt?" Der Schüler überlegte ein Momentchen und erwiderte dann: "36 Liter, Herr Lehrer."

Der wackere Pädagoge schüttelte den Kopf und meinte mit mildem Tadel in der Stimme: "Aber Brunochen, das stimmt nicht. Wie kommst nur auf die Zahl?" Bruno Malskat widersprach: "Nei, nei! Die 36 Liter tun schon stimmen. Weil - wir haben doch nur drei Kühe und nich' sieben." Mochte diese Antwort auch falsch sein, Sinn für die Realitäten konnte man dem Knaben keinesfalls absprechen. Und den behielt er sein ganzes Leben lang. Er wurde deshalb auch ein tüchtiger Bauer auf dem ererbten Hof. Kein Wunder also, daß dieser Bruno eines Tages tatsächlich sieben Kühe im Stall stehen hatte. Und er konnte nicht nur ausrechnen, wieviel Milch sie jeden Tag gaben, sondern auch, was er in Mark und Pfennig dafür erlösen würde. Das hatte er auf dem "Schlorren-Gymnasium" von Warninken gelernt.

Bleiben wir noch ein wenig dortselbst und ebenso bei dem für die gesamte Dorfbevölkerung wichtigen Thema "Milchkühe". Darauf kam nämlich Lehrer Kozian ein wenig später im Rahmen des Naturkunde-Unterrichts erneut zu sprechen. "Die Milch", so dozierte er vor seiner Schülerschar, "die Milch ist unentbehrlich für die menschliche Ernährung. Sie enthält Eiweiß und Zucker, Mineralsalze und wichtige Vitamine."

Man sieht unschwer, daß sich der Herr Lehrer gut vorbereitet hatte. "Außerdem", so fuhr er in seinem Vortrag fort, "ist auch Fett in der Milch. Und nun möcht' ich fragen, wozu ist es gut, dieses Fett? Wer weiß es?" Niemand meldete sich. Erst nach einem Weilchen hob Liesbeth Sawitzki den Finger, eine Kätnerstochter, die im letzten Schuljahr war.

Helmut Kozian verwunderte dies, denn die Marjell gehörte nicht eben zu den Hellsten. Dennoch ließ er sie antworten und die mit zwei langen Zöpfen gezierte Liesbeth gab diese Auskunft: "Vielleicht is' Fett in der Milch, damit nich' so quietscht das Euter beim Melken." Worauf der Herr Lehrer den Naturkunde-Unterricht abrupt beendete und eine außerplanmäßige Pause anordnete.

Selbstverständlich wurde auf dem Schlorren-Gymnasium im masurischen Warninken gesteigerter Wert auf die deutsche Sprache gelegt. Mundartausdrücke duldete Helmut Kozian allerdings bis zu einem gewissen Grad. Die Schüler durften etwa "nuscht" sagen oder auch "puscheien" - wobei das breite ostpreußische "eij" zum Tragen kam. Fremdwörter hingegen wurden nicht gelitten, sie waren streng verpönt.

Da gab es jedoch eine Marjell, die knapp vor der Einsegnung stand. Ihr Name soll hier verschwiegen werden, weil er nichts zur Sache tut. Dies Mädchen war in den großen Ferien bei einer Tante zu Besuch gewesen, die in einer ansehnlichen Stadt lebte, in Allenstein vielleicht oder gar in Königsberg am Pregel. Und dort hatte das gute Kind das eine oder andere aufgeschnappt von "feiner und gebildeter Sprache".

Nun begab es sich, daß der Dorflehrer von Warninken dem obersten Jahrgang aufgab, einen Hausaufsatz zum Thema "Unser Hühnerhof" zu verfertigen. Das hatte auch jene Marjell zu tun, die sozusagen in großstädtische Umgangsformen hineingerochen hatte. Und in deren Aufsatz stand unter anderem dies: "In unserem Hühnerhof ist die Legalität schon ziemlich gut, aber die Brutalität läßt noch zu wünschen übrig."

Womit hinreichend bewiesen ist, daß Fremdwörter tatsächlich oft Glückssache sind. Das galt ebenso für Kinderfragen, denen sich Helmut Kozian oft ausgesetzt sah. Dazu ein kleines Beispiel: Heini Teske, ein etwa zehnjähriger Gnurpel, der ein schlaues Köpfchen unter der Mütze hatte, wollte wissen: "Waren die Soldaten früher einmal nackt, Herr Lehrer?"

Der kratzte sich verwundert hinter dem Ohr. "Aber nicht doch", gab er Auskunft. "Die Soldaten hatten immer schon eine Uniform an. Wie kommst überhaupt auf so was Dummes?" Der Gnurpel namens Heini entgegnete: "Hab' ich gelesen in einem Buch. Da stand: Die Soldaten waren ausgezogen, um das Vaterland zu verteidigen."

Es könnte noch viel erzählt werden über die Schlorren-Gymnasien in Ostpreußen. Doch soll es diesmal genug sein. Wer ein solches besucht hat, der erinnert sich noch im hohen Alter an manche Begebenheit. Und wenn er so nach 30, 40 oder 50 Jahren in die Heimat fährt, dann fällt ihm einiges davon wieder ein.

Es ist deshalb nicht weiter verwunderlich, wenn ein solcher Heimwehtourist als erstes sein Elternhaus aufsucht oder was davon übrig ist. Der zweite Gang führt jedoch meist zu dem Platz, wo die alte Dorfschule stand oder noch steht. Und dann wird dies wieder wach: Wie die Schiefertafel vollgekritzelt wurde, wie man in der Fibel die ersten Wörter zusammenbuchstabiert hat und wie in der großen Pause den Marjellchens Kletten in die Haare geschmissen worden sind. Glückselige Kinderzeit ...

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