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01.07.06 / "Soll das Werk den Meister loben" / Das Handwerk und die Identifizierung des Menschen mit seiner Arbeit haben in Deutschland eine große Tradition

© Preußische Allgemeine Zeitung / 01. Juli 2006

"Soll das Werk den Meister loben"
Das Handwerk und die Identifizierung des Menschen mit seiner Arbeit haben in Deutschland eine große Tradition

Im stark agrarisch geprägten frühen Mittelalter gab es im Gegensatz zu unserer heutigen Gesellschaft mit ihrem hohen Grad an Spezialisierung und Arbeitsteilung noch ein hohes Maß an Selbstversorgung. Die meisten Produkte wurden auf den Fronhöfen oder von den freien Bauern selbst erzeugt oder verarbeitet. Nur im Bauhandwerk, bei den Steinmetzen und den Maurern sowie den Schmieden und Müllern setzte bereits frühzeitig eine Spezialisierung ein. Eine weitere Ausnahme stellten die Mönche dar, die sich frühzeitig auf geistig anspruchsvolle Handwerke wie das Kunsthandwerk und die Glasherstellung spezialisierten.

Mit dem Hochmittelalter und seinen Städtegründungen begann der Aufstieg des Handwerks. Immer mehr handwerklich begabte Menschen zogen in die Städte mit den dortigen Erwerbsmöglichkeiten. Die hohe Nachfrage nach Produkten änderte das Arbeitsverhalten von der Auftragsarbeit hin zur ständigen Produktion. Die hergestellten Waren wurden dann auf den regelmäßig stattfindenden Märkten oder in den Werkstätten angeschlossenen Läden feilgeboten.

Als Interessenvertretung der Handwerker entstanden in der Ständegesellschaft die Zünfte. Diese sorgten für ein gewisses Qualitätsniveau, aber auch dafür, daß nicht zu viele Handwerker die Preise verdarben. Wer als Handwerker arbeiten wollte, aber keine Aufnahme in die entsprechende Zunft fand, hatte es schwer. Unzünftige Handwerker wurden ordnungspolizeilich verfolgt.

Einen Wechsel leitete die Französische Revolution 1789 ein. Sie wollte Schluß machen mit der Aufteilung der Nation in Stände und den Ständeprivilegien. Zu ihren erklärten Idealen gehörte neben der Gleichheit und der Brüderlichkeit die Freiheit und damit auch die Gewerbefreiheit. Über Napoleon erreichte dieser Modernisierungsschub auch Preußen. Im Rahmen der Stein-Hardenbergschen Reformen wurde hier 1810 auch die Gewerbefreiheit eingeführt. Andere deutsche Staaten folgten.

In der NS-Zeit wurde das Rad der Zeit teilweise wieder zurückgedreht. Die Nationalsozialisten mit ihrem Hang zu sozialromantischer Wirtschaftspolitik führten 1935 den Meisterzwang ein, der es entgegen dem Ideal der Gewerbefreiheit nur Meistern und Gleichgestellten erlaubt, handwerkliche Betriebe zu führen. 1945 wurden der Meisterzwang von den traditionell marktwirtschaftlich eingestellten US-Amerikanern in ihrer Besatzungszone abgeschafft und die handwerkliche Gewerbefreiheit wieder eingeführt. Den teilweise in der Tradition der Zünfte stehenden Handwerkskammern gelang es jedoch 1948, die Wiedereinführung des Meisterzwanges zu erwirken. 2004 wurde für einige Gewerbe der Meisterzwang wieder abgeschafft.

Das Handwerk ist durch die Industrialisierung in seiner ökonomischen und gesellschaftlichen Bedeutung mittlerweile stark zurückgedrängt. Während es jedoch in der Industrie durch die Arbeitsteilung und die Fließbandarbeit zu einer Entfremdung des Menschen von der Arbeit kommt - um es mit Karl Marx zu formulieren -, ist insbesondere im deutschen Handwerk die Identifizierung mit dem Produkt der eigenen Hände Arbeit noch stark ausgeprägt. Nicht umsonst stammt der Dichter aus Deutschland, der die Forderung aufstellte: "Soll das Werk den Meister loben" M. R.


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