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01.07.06 / Von magischer Leuchtkraft / Bei einem Besuch in Seebüll kann man neben den Werken Emil Noldes auch seinen wunderbaren Garten bestaunen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 01. Juli 2006

Von magischer Leuchtkraft
Bei einem Besuch in Seebüll kann man neben den Werken Emil Noldes auch seinen wunderbaren Garten bestaunen
von Anne Bahrs

In diesem Jahr jährte sich zum 50. Mal der Todestag des Schleswig-Holsteiners Emil Hansen, der sich als Kunstmaler Emil Nolde nannte und dem deutschen Expressionismus Weltgeltung verschaffte. Während der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts ließ sich dieser Künstler ein Wohn- und Atelierhaus in Seebüll bei Neukirchen nahe der Grenze zu Dänemark bauen und nach eigenen Plänen einen Garten anlegen, dessen Blumen ihn vielfach zu eindrucksvollen Gemälden anregten. Immer noch finden im Nolde-Haus, seit Anfang 2006 "Nolde Stiftung Seebüll" genannt, bedeutende Ausstellungen statt, und die sommerliche Blütenpracht im bemerkenswerten Garten unter dem hohen Himmel zwischen Nord- und Ostsee wird auch in diesem Jahr wieder gebührend bewundert werden.

Gräben, die man hurtig überspringen könnte, darin glasklares Wasser, das durch den Marschboden in kleinen Wellen zur See hinflutet, der Blickrichtung entsprechend golden gesprenkelt oder silbrig blinkend, säumen die saftig-grünen Wiesen und den gelben, kiesbestreuten Weg. Vorbei an dem schmucken nordfriesischen Gehöft zur Rechten, vor dem sich die schwarzweiß-gefleckten Kühe zur Vormittagszeit wiederkäuend gelagert haben und die vielen Besucher beäugen, folgen wir dem Schild "Zur Stiftung Ada und Emil Nolde - Eingang durch den Garten".

Also dieses ist der Hof, zum kleinen Dorf Nolde gehörend, nach dem sich des Bauern Hansens dritter Sohn seinen Künstlernamen gab. Er hat bei dem Flensburger Möbelfabrikanten das Schnitzen und Gestalten gelernt, nach der Lehre Ornamente entworfen für eine Firma in St. Gallen, war dort auch lehrend tätig und hat an verschiedenen Universitäten, darunter München und Paris, studiert, bis er enttäuscht in seine Heimat zurückkehrte. Was seine Lehrer verlangten, das wollte er so nicht malen, was er selbst wollte, das konnte er nicht, bis er seinen eigenen Stil gefunden hatte.

Nolde heiratete 1902 die dänische Schauspielerin Ada Vilstrup. Der Künstler überlebte seine Frau um zehn Jahre. Er starb hier in Seebüll, 90jährig, nur 20 Meter von seinem Elternhaus entfernt.

Die Bäume und schützenden Hecken sind groß geworden. Wohltuenden Schatten spenden sie an diesem herrlichen Sommertag. Uns nimmt nun aber die Kühle des Hauses auf. Farborgien in verschwenderischer Fülle vermitteln die vielen Bilder, die hier gehütet und ausgestellt werden. Die "Frau im frühlinglichen Garten" begrüßt uns als erstes Motiv und überzeugt uns, mit welcher Zartheit und Grazie Emil Nolde seine Aussagen darstellen konnte. Aber wir dürfen in seinen Bildern auch das Pendeln des Meisters nacherleben, der von 1909 bis 1940 die Wintermonate in Berlin, die Sommer aber in Seebüll verbrachte. Die Großstadt liebte er nicht, aber er suchte die Welt des Theaters und des Kabaretts, studierte die Halbwelt und die Spelunken und malte, malte, malte ...

Gewaltige religiöse Bilder entstanden. Sie trugen ihm sehr viel Widerspruch namhafter Impressionisten und expressionistischer Künstler ein, zum Beispiel auch von Max Liebermann. Nun sind die vielen Bilder aus der Zeit in der Nolde Stiftung Seebüll zu bewundern. Staunend und fassungslos stehen die Betrachter heute davor, ehrfürchtig auch vor seinen Aquarellen aus der Zeit des Malverbots unter den Nationalsozialisten und vor den Blumenbildern mit ihrer magischen Leuchtkraft. Das Herz ist schwer vom Nacherlebten, die Augen sind trunken vom Geschauten.

Der Garten lädt die Besucher ein. Von der Heckenlaube aus, einem Lieblingsplatz des Künstlers, sehen wir ihn mit des großen Meisters Augen von verschwenderischem Blau und Rot und Gelb und Weiß, umrahmt von beruhigendem Grün aller Schattierungen, in größter Klarheit.

"... die ganze weite Himmelswölbung über uns, mehr noch als den Halbkreis rundend. Denn seltsam ist es, wie sehr eine kleine Anhöhung in der flachen Ebene den Himmelsbogen vergrößert." Das schrieb Emil Nolde in seiner Biographie über den Blick von seiner Warft Seebüll.

Da verstummen alle Diskutierer. Das wollen die kleinen und die großen Experten gern bestätigen.

Das große "Danke!" wird uns nach diesem Erlebnis noch lange begleiten.

Die Nolde Stiftung Seebüll ist von März bis Oktober von 10 bis 18 Uhr, im November von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Nach dem Studium kehrte er enttäuscht zurück

Blütenpracht: Vor dem ehemaligen Atelier- und Wohnhaus Noldes

Foto: Nolde Stiftung Seebüll (c) Helmut Kunde, Kiel


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