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01.07.06 / Vertane Chancen / Interessante Analyse über Polen nach der Wende

© Preußische Allgemeine Zeitung / 01. Juli 2006

Vertane Chancen
Interessante Analyse über Polen nach der Wende

Das "Deutsche Polen-Institut" hat das in Polen nicht gerade mit Begeisterung aufgenommene Buch "Macht, Privilegien, Korruption - Die polnische Gesellschaft 15 Jahre nach der Wende" in deutscher Sprache herausgebracht. Die Autorin Maria Jarosz ist Professorin am Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften und hat eine ungeschminkte Analyse der polnischen Gesellschaft vorgelegt. Da Maria Jarosz Soziologin ist, neigt sie allerdings dazu, immer erst vom allgemeinen Verhalten bestimmter Gesellschaftsgruppen auf polnische Entwicklungen zu sprechen zu kommen, was die Lektüre ihrer häufig durchaus interessanten Erkenntnisse manchmal ein wenig zäh werden läßt.

Desillusioniert schildert die Autorin, daß Polen seine Chancen nach 1989 nicht genutzt hat, und nennt die Verantwortlichen. Wer annahm, daß in Polen, würde es die Freiheit erlangen, "die Ämter mit den Massen von Schmarotzern, die den Bittstellern ihre offenen Hände entgegenstrecken, verschwinden" würden, der sieht sich getäuscht. Immerhin gäbe es jetzt eine freie Presse, die mehr und mehr die Aufgabe übernähme, derartige Mißstände zu offenbaren und als skandalös anzuprangern, doch selbst sie könne die polnische Bevölkerung nicht genügend wachrütteln. So hätten sich die Polen inzwischen damit abgefunden, daß eben viele ehemalige Kommunisten sich inzwischen von der Politikerrolle in die Managerrolle gefügt hätten, und daß die alten Klüngel weiterexistieren würden. Außerdem käme hinzu, daß die sogenannte "Marriott-Brigade" (benannt nach dem Hotel, in dem die meisten westlichen Wirtschaftsberater logierten) versucht habe, ohne Wissen über die spezifischen sozioökonomischen Bedingungen in den postkommunistischen Ländern Polen nach westlichem Vorbild umzuformen. Dies habe keineswegs positive Auswirkungen auf Land und Leute gehabt. Da die Berater und die plötzlich ins Land kommenden Konzerne keinerlei Bindung an die dortige Bevölkerung hatten, holten sie sich ohne Rücksicht auf Verluste, was sie bekommen konnten.

Da auch heute noch die meisten Polen davon ausgingen, daß der Staat für sie zu sorgen habe, rast die Republik Polen mehr und mehr in die Schuldenfalle. Kein Politiker gleich welcher Partei möchte die unangenehme Aufgabe übernehmen, darüber zu informieren, daß es so nicht weitergehen kann, und so verschlechtere sich die Lage immer mehr. Auch die EU sei keineswegs ein Ausweg, wie die Autorin darstellt, schließlich gäbe es keine Garantie für Wohlstand, und nicht umsonst gäbe es den Ausspruch vom "Europa der zwei Geschwindigkeiten".

"Da die Wirklichkeit also kompliziert ist, führt ihre einseitige Darstellung dazu, daß sich ein einseitiges, falsches Bild von ihr festsetzt. Dadurch kommt es dann zu wachsenden Frustrationen, zu Wut oder auch Apathie der Gesellschaft, vor allem, wenn sie immer mit schlechten Informationen bombardiert wird. Es ist höchste Zeit, Schlußfolgerungen aus der einfachen Wahrheit zu ziehen, daß man die Gesellschaft mit Achtung behandeln soll und muß, als Subjekt, nicht nur als potentielle Wählerschaft, die sich hin und her manövrieren läßt. Die Politik muß sich auf glaubhaftes Wissen und voraussehbares Verhalten der öffentlichen und parteilichen Macht stützen ebenso wie darauf, das Handeln im Namen des Gemeinwohls zu rationalisieren. Andernfalls droht uns eine Situation des déjà vu - eine Wiederholung der Geschichte von den vertanen Chancen." Maria Jarosz' Schlußwort ist brillant und könnte auch für Deutschland gelten. R. Bellano

Maria Jarosz: "Macht, Privilegien, Korruption - Die polnische Gesellschaft 15 Jahre nach der Wende", Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2005, broschiert, 289 Seiten, 24,80 Euro, Best.-Nr. 5605


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