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08.07.06 / Der "Mann mit dem Kompaß" / Friedbert Pflüger verschärft seinen Wahlkampf, doch Wowereit hat weiterhin die Nase vorn

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. Juli 2006

Der "Mann mit dem Kompaß"
Friedbert Pflüger verschärft seinen Wahlkampf, doch Wowereit hat weiterhin die Nase vorn
von Patrick O'Brian

Im Olympiastadion ist die Hölle los. Soeben hat Deutschland im Elfmeterschießen Argentinien besiegt. Klaus Wowereit tritt an seinen Herausforderer Friedbert Pflüger heran. "Und das ist jetzt wieder ein halbes Prozent mehr für mich", sagt er gehässig. Pflüger lächelt gequält.

Als Merkels Staatssekretär am nächsten Tag auf dem CDU-Programmparteitag in der "Urania"-Halle diese Szene vom Vortag schildert, da haben die meisten seiner Parteifreunde schläfrige Augen. Die nächtliche Feier über den Einzug der deutschen Mannschaft ins Halbfinale hat Spuren hinterlassen.

Die CDU ist zusammengetreten, um ihr Wahlprogramm zu beschließen. Ein Programm, das nicht die reine CDU-Lehre verkündet. So werden "Patchworkfamilien" und alleinerziehende Mütter als die "Zukunft" dargestellt. Die Partei fordert in einem Anflug von Willy Brandts "Mehr Demokratie wagen" die Wahl eines Landesjugendparlaments, das "nach den Grundsätzen der parlamentarischen Demokratie zu wählen ist". Es soll Jugendlichen helfen, sich "in den politischen Meinungsbildungsprozeß einzubringen". Ferner widersetzt sich die CDU dem Verkauf landeseigener Wohnungen. Diese Linie teilt mit ihr nur die WASG, die gegen alle "neoliberalen Privatisierungen" ist. Aber wer liest schon Wahlprogramme?

Zu den müden Delegierten gesellen sich drei Redner, die eher zur zweiten Garnitur der Partei gehören. Die Kanzlerin, die noch zu Pflügers Nominierung Zeit in ihrem Terminkalender freigeschaufelt hatte, bleibt diesmal fern. Sie will nicht mit den schlechten Umfragewerten aus Berlin konfrontiert werden. Pflügers CDU ist runter auf 24 Prozent.

Die letzte Forsa-Umfrage sieht Wowereits SPD bei auch nicht gerade berauschenden 33 Prozent, aber immer noch neun Punkte vor der oppositionellen CDU. Die Linke / PDS und die Grünen konkurrieren mit 15 beziehungsweise 14 Prozent um den dritten Platz, die FDP liegt bei acht.

Es sind an diesem 1. Juli noch genau 79 Tage bis zur Wahl, und die Union kommt nicht in Gang. Bundesbildungsministerin Schavan soll der Basis Mut machen. Sie steht für eines der Pfunde, mit denen die CDU wuchern kann: Schule und Ausbildung.

Annette Schavan muß die Rütli-Schule gar nicht erwähnen. Sie sagt über die Berliner Bildungsmisere: "Die Kinder fangen zu spät an zu lernen, Begabtenförderung findet nicht statt, und über Leistung reden wir gleich gar nicht." Dafür bekommt sie Applaus. Sogar 53 Prozent der SPD-Anhänger sagen, der Senat habe bei der Bildungspolitik versagt.

Für ihren Berliner Amtskollegen Klaus Böger (SPD) hat sie deswegen nur Häme übrig: "Manchmal ist das Leben ja auch gerecht. Er tut mir fast leid, manchmal jedenfalls", findet sie. Pflüger müsse Regierender Bürgermeister werden, weil er einen Kompaß besitze.

Das Bild vom Kompaß benutzen alle Redner, auch Pflüger selbst, wenn er über sich spricht. Augenscheinlich hat eine von der Parteispitze beauftragte Werbeagentur zusammengesessen und nach einem Schlüsselwort gesucht.

Was suchen die Menschen in einer Zeit wie der unseren, in einer Zeit der Desorientierung? Diese Frage stand im Raum, bis jemand "Kompaß" sagte. Jetzt sind alle darauf eingeschworen, Friedbert Pflüger als "Mann mit einem Kompaß" darzustellen.

Der Kandidat beginnt um 11.40 Uhr mit seiner 50minütigen Rede. Pflüger bleibt zunächst sachlich. Kurz nach Beginn seiner Rede ergießt sich ein Blitzlichtgewitter über ihn. Pflüger schimpft: "Ja, das ist weil ich mir gerade ein wenig Schweiß von der Stirn tupfen mußte." Motto: Seht her, die bösen Fotografen fotografieren mich in unvorteilhafter Pose, die Medien sind schuld.

Eine ähnlich Situation hat sich bei der Nominierung von Klaus Wowereit im Mai im Kino "Kosmos" zugetragen: Um den Kameras zu entgehen, drehte sich der Regierende kurz um, strich mit einem Tuch über die Stirn. Das ganze wurde auf die Großbildleinwand übertragen. Alle im Kinosaal lachten schallend.

Deswegen hat es einer wie Pflüger so schwer: Wo Wowereit die Sympathie der Medienleute auf seiner Seite weiß, da herrscht bei der Union nur gegenseitiges Mißtrauen.

Pflüger kann gegen den beliebten Amtsinhaber nur mit Inhalten punkten. Eine der wichtigsten Forderungen bezieht sich auf die geplante Schließung des Flughafens Tempelhof. "Wollen wir diese Perle wirklich aufgeben?" fragt er. Die ganze Welt beneide uns schließlich darum. So versucht er auch die Haltung des letzten CDU-geführten Senats vergessen zu machen, der auch stets die Schließung im Plan hatte.

Pflüger schlägt vor, den Flughafen für eine "Luftbrücke der Ideen" zu nutzen. "Holen wir Unternehmensgründer aus New York, aus London, aus Abu Dhabi, damit sie zwei Jahre lang umsonst Firmen in dem Gebäude gründen", lautet sein Vorschlag. Dazu will er eine deutsch-türkische Eliteuniversität und einen Ableger der "Havard Business School" ansiedeln. Diese Konzept nennt er TTT - "Tempelhof Talent Tour". Neben dem "Kompaß" bestimmt die zweite Idee, die sich eine Werbeagentur ausgedacht hat.

Erfolglose Selbstinszenierung: Obwohl Friedbert Pflüger, von Imageberatern geschult, Berlin frischen Wind verspricht, sagen Umfragen ein für die CDU mehr als unerfreuliches Wahlergebnis voraus. Foto: O'Brian


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