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08.07.06 / Von Nachbarn in der Nähe und fernen Brüdern / Gedanken zu einem noch heute aktuellen Spruch aus der Bibel

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. Juli 2006

Von Nachbarn in der Nähe und fernen Brüdern
Gedanken zu einem noch heute aktuellen Spruch aus der Bibel
von Christel Bethke

Also ich komme einfach nicht auf den Namen. Eben lag er mir noch auf der Zunge. Ist es Jonas? Nein, das ist der im Bauch des Wals. Ist es Noah? Auch nicht, das ist der mit der Arche. Meine Güte nochmal. Aber gleich, gleich habe ich ihn. Momentchen noch. Ist es Daniel? Ach nein, das ist auch nicht der Gesuchte. Das ist der in der Löwengrube. Ist weg. Futschi dutschi.

Telefonat mit der Freundin, die wird es wissen, wer gemeint ist. Fast, eben, als sie gefragt wird, hatte sie ihn noch auf der Zunge. Ist doch nicht zu sagen. Griff zur Bibel, schon beim Herausziehen aus dem Bord, ist der Name da: Hiob. Wieso kann der nicht behalten werden? Wie oft ist der mir schon entfallen. Vielleicht weil es vielen so wie ihm erging? Alles Hiobs? Erst das Durchlittene machte ihn weise. Wie dem auch sei, die Freundin muß, damit sie sich nicht länger den Kopf zerbricht, aufgeklärt werden. Als sie abhebt, sagt sie "Hiob". Na bitte. Zum Glück fügt sie nicht hinzu "so fängt es an", wie oft leichtsinnigerweise angemerkt wird, wenn einem Alten mal was entfällt. Ist das denn nur altersbedingt? Lieber freuen wir uns über das Phänomen der Gedankenübertragung oder das "Psi", wenn man modern sein will. Wie man sieht und hört, klappt das zwischen den Freundinnen.

Da die Bibel nun einmal auf dem Tisch liegt, wird sie aufgeschlagen. Einfach irgendwo. Es trifft die Sprüche, und einer davon - mehr kann man ohnehin nicht auf einmal verkraften - lautet so: "... denn ein Nachbar in der Nähe ist besser als ein Bruder in der Ferne." Wie wahr.

Die Sprüche entstanden in telefonloser Zeit. Gelten sie auch heute noch? Wahrscheinlich erst recht. Was nützt mir der Bruder in der Ferne, wenn ich jetzt Hilfe brauche. In der zweiten Etage wohnt im Haus eine fast Blinde, und wenn sie sich in Not fühlt, legt sie einen Zettel vor ihre Wohnungstür, auf dem groß SOS gemalt ist. Jeder, der vorüber kommt, weiß Bescheid und hilft mit Vergnügen. Steht mein Rad mal ein paar Tage an derselben Stelle, wird telefonisch angefragt, ob alles in Ordnung ist. So muß das sein.

Oft sind es nur Kleinigkeiten, die für einen Alten oder Kranken schwer zu bewältigen sind, für einen Gesunden hingegen nur einen Klacks bedeuten.

"Ist es wahr, daß bei Ihnen im Hause eine alte Frau lange tot hinter ihrer Tür lag. Ich dachte schon, Sie wären es", werde ich auf der Straße gefragt. Na, Gott sei Dank, das bin ich nicht, wie sie sich überzeugen kann, und ich hoffe, daß das Netz der Nachbarschaft im Hause funktioniert. Gewiß, es gibt welche, die jede Hilfe ablehnen, sich ganz für sich halten und keinen Kontakt wünschen. Aber gerade sie sollten vom Nachbarn in der Nähe im Auge behalten werden.

Der Spruch gefällt mir so gut, daß die Freundin davon profitieren soll. Brüder gibt es hier wie dort in der Ferne. Sie meint, der soll sich auch mal Gedanken über seine Nachbarschaft machten und auch die neuzeitlichen Kommunikationsmöglichkeiten ausschöpfen, damit nicht eines Tages eine Hiobsbotschaft kommt. Eselsbrücke: Botschaft. Hiobsbotschaft. Was hat solch ein alter Hiob von Mensch aber auch nicht alles zu behalten. Wieviel Namen gilt es sich zu merken. Was hat er nicht alles erlebt, mitgemacht, gelesen, gesehen und gehört. Ist es da verwunderlich, wenn manchmal etwas nicht von der Zunge will? Und doch, es geht meistens nichts verloren. Oft ist es wie ein Wunder: Wenn man schon gar nicht mehr daran denkt, taucht es aus dem Tiefsten auf und fällt ganz leicht von der Zunge.


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