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15.07.06 / Auf der Fanmeile zum Sieg / "Der Mann, dem ihr alles zu verdanken habt": Wowereit nutzt WM-Begeisterung geschickt für den Wahlkampf

© Preußische Allgemeine Zeitung / 15. Juli 2006

Auf der Fanmeile zum Sieg
"Der Mann, dem ihr alles zu verdanken habt": Wowereit nutzt WM-Begeisterung geschickt für den Wahlkampf
von Patrick O'Brian

Am Montag danach zog Berlins Regierender Klaus Wowereit mit Ehrhart Körting und Klaus Böger (alle SPD) Bilanz. Körting ist Innensenator, Böger Bildungssenator. Berlin ist natürlich der große Gewinner dieser Weltmeisterschaft, keine Frage. Doch schon an der Zusammensetzung der Pressekonferenz wird klar: Der Alltag hat Berlins Politiker zurück.

Logisch wäre es gewesen, wenn Klaus Wowereit diesen lange anberaumten Termin mit Ehrhart Körting und Harald Wolf (Linke/PDS) bestritten hätte, seinem Innen- und seinem Wirtschaftssenator. Doch er trat mit den beiden starken SPD-Senatoren auf. Botschaft: Die WM war eine sozialdemokratische Party.

Schon auf der Fanmeile hatte Wowereit es verstanden, seine Anwesenheit in Beliebtheit umzusetzen. Gleich zu Beginn wurde er auf der Fanmeile angekündigt mit den Worten "Und hier ist der Mann, dem ihr das alles zu verdanken habt ..." Der Rest ging im Jubel unter.

Von da an war Wowereit dauerpräsent auf der Fanmeile, gab Pressekonferenzen, machte Rundgänge und schaute jedes Spiel am Brandenburger Tor. Und obwohl er vorher noch bei N24 erklärt hatte, nicht stolz auf seine deutsche Herkunft zu sein, jubelten die Fans auch ihm zu.

Diese Begeisterung will Wowereit jetzt in Stimmen für seine Partei umsetzen, nicht für seine rot-rote Senatskoalition. Wenn sich die Stimmung nicht mehr fundamental ändert, dann könnte Wowereit sich möglicherweise frei aussuchen, mit wem er koaliert: CDU, Grüne oder PDS - zur Zeit hätte seine SPD mit jeder der drei Parteien eine Mehrheit.

Nur mit der FDP würde es nicht reichen. Aber mit der will in der SPD sowieso niemand. Dann schon eher mit der CDU als Juniorpartner, was Friedbert Pflüger für die Union angeboten hat. Doch auch diese Variante ist mit Wowereit eigentlich nicht zu machen.

Bei seiner Nominierung auf dem SPD-Landesparteitag am 20. Mai äußerte er sich eindeutig: "Grundsätzlich kann ich mir eine Große Koalition vorstellen", sagt er, um dieser Aussage sofort selbst den Boden zu entziehen: " ... aber nicht mit dieser Berliner CDU". Die Partei jubelte, Wowereit hatte den Nerv der Basis getroffen.

So bleiben als Wunschpartner Grüne und Linkspartei/PDS. Trotz gelegentlicher Spitzen gegen die SED-Nachfolger lobte Wowereit am Ende den Koalitionspartner auf dem gleichen Nominierungsparteitag. "Wir haben gut zusammengearbeitet".

Andererseits versucht sich auch die Linkspartei von der SPD abzusetzen. Schließlich hat sie viel zu viele Kompromisse eingehen müssen, glauben ihre Spitzenleute. Kompromisse mit einer SPD, die im Bund jetzt sogar unter einer Kanzlerin Merkel mitregiert. Das kostet Überwindung.

Schon die Umsetzung der Hartz-Gesetze haben Arbeitssenator Harald Wolf und Sozialsenatorin Heide Knake-Werner (beide Linke/PDS) ungern betrieben, ebenso mißfiel ihnen die Mehrwertsteuererhöhung.

Flierl hatte gefordert, daß das Land der Erhöhung nicht zustimmt. "Die Linkspartei wird dafür sorgen", drohte er der SPD an. Schließlich sei die Erhöhung "sozial ungerecht und ökonomisch unsinnig."

Und während Thomas Flierl - so gut er kann - die Befindlichkeiten der früheren Nomenklatura Ost-Berlins bedient, spielen sich Knake-Werner und Wolf auch noch als Hüter der Fristenlösung bei der Abtreibung auf. Als Sachsen und Thüringen vor zwei Wochen versuchten, die Kosten für Schwangerschaftsabbrüche von den Ländern auf die betroffenen Frauen abzuwälzen, sahen sie schwarz, wie es in einer Pressemitteilung hieß: "Diesem Antrag und seiner Begründung liegt ein Frauenbild zugrunde, daß eher zum 19. Jahrhundert paßt als in die heutige Zeit."

Aber auch die Grünen-Spitzenkandidatin Franziska Eichstädt-Bohlig macht sich Hoffnungen auf einen Senatorenposten. Sollte Wowereit jedoch den rot-grünen Weg gehen und der Linkspartei die Tür weisen, dann würde er Sympathie verspielen, die er noch braucht, wenn er 2009 mit den Stimmen der PDS Bundeskanzler werden möchte. Deswegen käme ihm ein Wechsel des Koalitionspartners ungelegen. Zumal die Grünen weniger kompromißbereit sein dürften als die Linke.

Was zunächst wie ein Rückschlag aussieht, könnte sich als Joker herausstellen: der Einzug der WASG ins Abgeordnetenhaus (laut Umfrage jetzt bei vier Prozent), die in Berlin gegen die PDS antritt. Dann müßte Wowereit mit Linken und Grünen zusammen regieren. Das Berliner Parteien-Bündnis wäre perfekt für den Machtwechsel im Bund 2009. Oder früher. Denn rechnerisch geht es ja schon heute.


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