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15.07.06 / Pjöngjang zeigt Zähne / Nordkorea will Washington zum Reden und Zahlen zwingen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 15. Juli 2006

Pjöngjang zeigt Zähne
Nordkorea will Washington zum Reden und Zahlen zwingen
von Dietrich Zeitel

Es muß dem Regime von Kim Jong Il in Nordkorea doch arg zugesetzt haben, daß sich die internationale Aufmerksamkeit in den letzten Monaten vor allem auf den Iran und dessen Atomprogramm gerichtet hat. Letzte Woche nun hat sich der "liebe Führer", wie sich Nordkoreas Diktator Kim Jong Il gerne nennen läßt, mit einer Reihe von Raketentests wieder in das Bewußtsein der Weltöffentlichkeit zurückkatapultiert. Dabei spielte keine Rolle, daß die Langstreckenrakete "Taepodong-2" mit einer Tonne Sprengstoff, die eigentlich 6700 Kilometer weit fliegen sollte, bereits nach 40 Minuten ins Japanische Meer fiel. Pjöngjangs Diplomaten wußten auch diese Peinlichkeit noch als "Erfolg" zu verkaufen.

Hätte die Rakete die gesamte Strecke zurückgelegt, wäre sie nach einer Analyse der US-Streitkräfte in hawaiischen Gewässern im Pazifik heruntergekommen. Mitarbeiter des Pentagons relativierten diese Einschätzung allerdings; ihren Ausführungen nach sei die Rakete so schnell abgestürzt, daß eine genaue Ermittlung ihres Ziels nicht möglich sei.

Nordkorea "kommuniziert" seine Tests als Akt der "Selbstverteidigung" und kündigte bereits weitere Raketentests an. In den Medien des Landes ist nicht selten davon die Rede, daß ausländische Truppen in Nordkorea eindringen könnten. Entsprechend wird der Schutz der "revolutionären Führung" als "höchster Patriotismus" und als "erste Priorität unseres Militärs und unseres Volkes", so stand es zum Beispiel in der offiziellen Zeitung "Rodong Simmun", dargestellt. Daß mit den "ausländischen Truppen", die Nordkorea bedrohen sollen, vor allem die "imperialistischen" USA gemeint sind, wird den Koreanern durch die staatlich gelenkten Medien tagein tagaus klar gemacht. Diese angebliche Kriegsgefahr ist wiederum das Argument dafür, daß Nordkorea ein eigenes Atomwaffenpotential benötige, um einer möglichen Invasion vorbeugen zu können. Daß das isolierte kommunistische Regime im Laufe der Jahre nicht nur in dieser Frage offensichtlich jeden Realitätssinn verloren hat, zeigt die in den nordkoreanischen Medien immer wieder verbreitete Behauptung, daß das Land militärisch "unbezwingbar" sei.

Die aktuellen Raketentests haben wohl aber noch einen anderen Hintergrund: Kim Jong Il will es wohl nicht weiter hinnehmen, daß Washington nicht direkt mit Pjöngjang verhandelt, sondern nur im Rahmen der sogenannten Pekinger Sechsergespräche. Sein Ziel ist es, nicht nur die Anerkennung Nordkoreas durch die USA zu erzwingen, sondern auch dessen wirtschaftliche Hilfe.

Derzeit deutet freilich nichts darauf hin, daß Bush bilaterale Gespräche mit Nordkorea aufnehmen könnte. Vielmehr unterstützt er eine UN-Resolution Japans, die von den Regierungen der Welt fordert, Geld, Güter und Technik, die den militärischen Ambitionen Nordkoreas nützlich sein könnten, zu blockieren. Überdies forderte Bush Nordkorea ausdrücklich auf, zu den Sechs-Parteien-Gesprächen über Nordkoreas Atomprogramm zurückzukehren, an denen neben Nordkorea und den USA auch Südkorea, Rußland, China und Japan beteiligt sind. Gegen Sanktionen haben sich bisher Rußland und China ausgesprochen. Sie wollen die UN-Resolution Japans deutlich abschwächen. Bush will deshalb Chinas Präsidenten Hu Jintao und Rußlands Staatschef Putin von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Position überzeugen. Auch auf dem kommenden G-8-Gipfel, der vom 15. bis 17. Juli in St. Petersburg stattfinden wird, soll das Thema Nordkorea auf die Tagesordnung gesetzt werden. Japan ist aufgrund seiner UN-Initiative in Pjöngjang in Ungnade gefallen. Mittlerweile blockiert Japan den Fährverkehr mit Nordkorea und hat Charterflüge eingestellt.

Daß dem nordkoreanischen Säbelgerassel wirklich Taten folgen, ist indes kaum zu erwarten. Nicht wenige Militärexperten bezweifeln, daß Nordkorea überhaupt über Atomwaffen verfügt, und glauben, daß es sich hier um einen großen "Bluff" handelt. Allerdings leistet sich Kim Jong Il einen bis ins Groteske aufgeblähten Militärapparat (1,2 Millionen Mann stehen unter Waffen), der bis zu einem Drittel des Bruttonationaleinkommens (BNE) verschlingen soll. Im Vergleich dazu nimmt sich der Anteil bei der militärischen Supermacht USA (drei Prozent des BNE) bescheiden aus.

Diese horrenden Militärausgaben im Zusammenspiel mit dem Verlust der einstigen Handelspartner im ehemaligen "Ostblock" ist eine Erklärung für die desolate Lage der nordkoreanischen Wirtschaft und die immer wieder ausbrechenden Hungersnöte (insbesondere in den 90er Jahren). Viele Nordkoreaner sind deswegen nach China geflüchtet.

Pjöngjang hat wohl auch deshalb die Planwirtschaft hier und da gelockert. Durch Joint Ventures und Sonderwirtschaftszonen sollen ausländische Investoren ins Land gelockt werden, was zu einer Steigerung des Handels mit Südkorea und China, dem Hauptprotektor Nordkoreas, geführt hat. Eine weitergehende Entspannung der Lage blieb aber wohl auch deshalb aus, weil Nordkorea im Januar 2003 aus dem Atomwaffensperrvertrag ausgetreten ist und auch das Abkommen mit Südkorea über ein atomwaffenfreies Korea gekündigt hat. Hintergrund waren Beschuldigungen der USA, daß Nordkorea heimlich weiter an seinem Atomwaffenprogramm arbeite. Pjöngjang sprach davon, daß es aufgrund der "amerikanischen Aggression" berechtigt sei, an einem derartigen Programm zu arbeiten. Die Reaktion aus Washington ließ nicht lange auf sich warten: Im Dezember 2002 stellte Washington Lieferungen an das Land ein.

Daß die nordkoreanischen Steinzeit-Kommunisten trotz der dramatischen Situation des Landes noch immer am Ruder sind, wird von Beobachtern vor allem auf China zurückgeführt, das das Regime in Pjöngjang über Wasser hält. Peking ist wohl nicht daran gelegen, daß sich die Situation auf der koreanischen Halbinsel ändert. Auch jetzt hat China wieder vor "Aktionen" gewarnt, die die "Situation schwieriger machten". Hinter der chinesischen Politik steht die Befürchtung, daß die USA im Falle eines Zusammenbruches des Regimes in Nordkorea ihr Einflußgebiet in der Region ausweiten könnten. Kim Jong Il wäre allerdings gut beraten, den Bogen nicht zu überspannen. Zu einer offenen Konfrontation mit den Vereinigten Staaten wegen Nordkorea wird es Peking mit Sicherheit nicht kommen lassen.

Läßt Langstrecken-Raketen testen: Nordkoreas "lieber Führer" Kim Jong Il Foto: pa


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