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15.07.06 / Pracht und Elend / Die Frankfurter Schirn zeigt das Leben in der Stadt

© Preußische Allgemeine Zeitung / 15. Juli 2006

Pracht und Elend
Die Frankfurter Schirn zeigt das Leben in der Stadt

Der Titel der Ausstellung, die derzeit in der Frankfurt Schirn gezeigt wird, mutet ein wenig martialisch an: "Die Eroberung der Straße". Es geht hier allerdings weniger um revolutionäre Aktivitäten als vielmehr um Künstler in Frankreich und Deutschland, die das Thema "Straße" für sich entdeckt haben. Die Ausstellung verfolgt die städtebauliche Spur, die von den nachhaltigen Eingriffen des Barons Georges-Eugène Hauss-mann (1809-1891) in Paris bis zu der umfassenden Neubebauung Berlins unter James Hobrecht (1825-1902) reicht, und beleuchtet die Auswirkungen auf die bildende Kunst. In der Gegenüberstellung von Paris und Berlin zeigt sich, wie die Faszination und Neugier, mit der impressionistische Maler wie Claude Monet oder Camille Pissarro die Anonymität des städtischen Bürgers protokollierten und dabei das Genre der Landschaftsmalerei in den städtischen Raum verschoben, im deutschen Expressionismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Schrecken der Gesellschaft umschlugen und die Stadt, vor allem bei George Grosz oder auch Ludwig Meidner, sich geradezu pervertiert und in ein lebendiges Wesen, ein wildes Raubtier verwandelt darbot. In vier Kapiteln - "Boulevard und Straße", "Urbane Inszenierung", "Mobilität und Technik" sowie "Kommerz, Spektakel, Aufruhr" - wird anhand von nahezu 300 Gemälden, Fotografien, Stadtplänen, Grafiken, Plakaten und Filmen ein weites Panorama des gesellschaftlichen, vor allem des bürgerlichen Lebens in den beiden Metropolen vorgestellt.

Max Hollein, Direktor der Schirn, betont: "Die Ausstellung ,Die Eroberung der Straße. Von Monet bis Grosz' bildet mit den parallel präsentierten Schauen ,Ein Blick für das Volk. Die Kunst für alle' im Haus der Kunst München (die PAZ berichtete) und ,Pierre Bourdieu: Der Algerienkrieg und die Fotografie' in den Deichtorhallen Hamburg ein gemeinschaftliches Projekt, das sich unter dem Überbegriff ,Kunst und Demokratie' mit dem Entstehen der modernen Gesellschaft befaßt. Stilrichtungen wie der französische Impressionismus und der deutsche Expressionismus haben das neue urbane Leben sowohl aufschlußreich analysiert als auch visuell zum Leben erweckt. Die Ausstellung spiegelt anhand einer Vielzahl signifikanter Werke die prekäre Stellung des Individuums innerhalb der neuen städtischen Strukturen."

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nimmt die Einwohnerzahl in den meisten europäischen Großstädten eklatant zu. Technologie und Industrie ersetzen zunehmend Landwirtschaft und handwerkliche Zünfte. An den Rändern der Städte entstehen Fabriken und Wohnraum für Arbeiter. In den Zentren zeigt sich der technologische Fortschritt in Form von mehrstöckigen Häusern, breiten Straßen, beleuchteten Schaufenstern und überdachten Einkaufspassagen. Wohlstand und Konsum weiten sich aus und formen den modernen Bürger. Zu Beginn als Verkehrsachsen geplant, wurden die Boulevards zum Magneten großer Menschenmengen. Ebenso prägte die moderne Technik mit elektrischer Beleuchtung und städtischen Verkehrsmitteln das Bild der modernen Stadt entscheidend mit. Zeitgleich entstand ein buntes Panorama der Vergnügungskultur in Form von Caféhäusern, Kiosken, Zirkussen und Cabarets, deren Plakatwerbung die Grenzen zwischen hoher Kunst und populärer Illustration aufzulösen begann.

Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts war die erste moderne Stadt, die aus sich selbst heraus einen Stadtmythos hervorbrachte und in der - vorbildhaft für andere europäische Metropolen - das neue und moderne Stadtbewußtsein seine Darstellungsform fand. Entscheidend waren die umfassenden und radikalen städtebaulichen Maßnahmen, die Baron Haussmann in den Jahren von 1852 bis 1870 gesetzt hat. Haussmann veranlaßte den Durchbruch breiter Boulevards und Avenuen durch die verwinkelten und dicht bebauten Straßenblöcke und schuf so neben dem engen alten Straßennetz ein neues Verkehrssystem, dessen Hauptadern in sternförmigen Plätzen zusammenliefen. Die Straße stellt dabei die engste funktionelle Verbindung von Verkehrsraum, Verweilraum und Bebauung dar. Zum Konzept der "Haussmannisierung" gehörten zudem eine relativ einheitliche Fassadengestaltung sowie öffentliche Grünanlagen. Der umfangreiche Abriß in den alten Stadtvierteln mit der Vertreibung der kleinbürgerlichen Bevölkerung in die Vororte vollzog sich unter wirtschaftlichen Interessen: verbunden mit sozialreformatorischen Vorstellungen, elementar hygienischen Gesichtspunkten sowie staatlicher Ordnungspolitik im Kampf gegen die revolutionäre Pariser Arbeiterschaft und dem Bau repräsentativer öffentlicher Gebäude.

In Berlin wies die städtische Neuordnung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine völlig andere Dynamik auf als die in Paris, da hier - in einer Land-Stadt-Perspektive - die alte Stadt das moderne Berlin weniger behinderte. So erfolgten planmäßige Ausbauten bereits in den 1850er und 1860er Jahren und besonders intensiv im Zuge der Entwicklung der Gründerjahre außerhalb des Stadtkerns in den bürgerlichen Wohnvierteln der rasch anwachsenden Vorstädte (Friedrich-Wilhelm-Stadt, Fried-richvorstadt, Wilmersdorf und um den Hohenzollerndamm). Sie fielen weniger ins Auge als die mehrstöckigen Mietskasernen in den neuen Arbeitervierteln im Norden, Nordosten und Südosten. An der städtischen Neuordnung war maßgeblich James Hobrecht beteiligt, der zwischen 1859 und 1862 einen Bebauungsplan für die Umgebungen Berlins erarbeitete, der seinerseits auf früheren Teilplanungen unter anderem von Lenné fußte.

Profitinteressen führten zu einer dichten Bebauung der oft schmalen Grundstücke mit Hinter- und Seitenhäusern sowie einer massiven Überbelegung, so daß bald katastrophale soziale Verhältnisse herrschten. Ungewollt trug Hobrechts Plan so dazu bei, daß Berlin zur größten Mietskasernenstadt der Welt wurde.

Während man in Deutschland die städtebaulichen Maßnahmen und ihre Folgen zunehmend negativ beurteilte, war man in Frankreich trotz vieler Vorbehalte überwiegend positiv eingestellt. Diese unterschiedliche Haltung spiegelt sich auch in Werken der Impressionisten und Expressionisten wider. Städtisches Leben und Stadtraum wurden zu Erfahrungen der Moderne selbst, städtischer Bildgegenstand verband sich mit moderner Malerei, dem ästhetischen Konzept der Modernität.

Die Reihe der Künstler, die sich jeder auf seine Weise des Themas annahmen, reicht von Monet und Pissarro über Kirchner und Meidner bis Grosz. Ein umfangreicher und reich bebilderter Katalog mit Essays von Kennern der Materie führt in das Thema ein (29,80 Euro). pm

Die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle, Römerberg, 60311 Frankfurt, ist dienstags, freitags bis sonntags von 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags von 10 bis 22 Uhr geöffnet, Eintritt 7 / 5 Euro, bis 3. September.

Lovis Corinth: Unter den Linden (Öl, 1922) Foto: Schirn

 

Ein Spezialist im Untergrund

Geboren wurde James Hobrecht als Sohn des Gutsbesitzers Ludolf Hobrecht am 31. Dezember 1825 in Memel. Seine Schulzeit verbrachte er in Königsberg, wo er das Friedrichskolleg besuchte. 1845 legte er die Feldmesserprüfung ab und ging dann (1847) nach Berlin, um auf der dortigen Bauakademie zu studieren. 1849 trat er dem Architektenverein bei, in dem er sich zeitlebens engagierte. Nachdem er 1858 eine Prüfung als Baumeister für den Wasser-, Wege- und Eisenbahnbau abgelegt hatte, war er zunächst beim Bau der Bahnstrecke Frankfurt / Oder nach Küstrin beschäftigt, übernahm dann jedoch die Bearbeitung der Bebauungspläne für Berlin und Umgebung. Nicht zuletzt mit seinen Plänen gelang es, den Wildwuchs der ausufernden Stadt zu bannen und eine planerische Grundlage für eine geordnete Stadterweiterung zu schaffen.

1860 führte Hobrecht eine Reise mit dem Geheimen Oberbaurat Eduard Wiebe nach Hamburg, Paris, London sowie in andere englische Städte, um dort die Entwässerungsanlagen zu studieren. Ein Jahr später wurde der Memeler Stadtbaurat in Stettin, eine Funktion, die er bis 1869 innehatte und in der er die Wasserversorgung und die Kanalisation der Stadt schuf. Ein Wasserwerk wurde fertiggestellt und wies den Ostpreußen bald als einen Spezialisten auf diesem Gebiet aus. Der Ruf nach Berlin folgte alsbald, James Hobrecht sollte die Kanalisation für die Großstadt entwerfen. Er hatte viele Kämpfe mit seinen Gegnern auszufechten, setzte sich schließlich doch durch und war von 1873 bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand 1897 als Chef der Kanalisation tätig. Als Stadtbaurat für den Tiefbau war er auch maßgeblich an der Kanalisierung und Regulierung des Spreelaufes durch die Hauptstadt beteiligt. Wiederholt erreichten Hobrecht Anfragen aus dem In- und Ausland; Danzig, Breslau, Königsberg, aber auch Basel, Triest und Frankfurt / Main ließen sich von ihm beraten. Selbst von Moskau über Tokio bis Kairo und Alexandria wollte man seinen Rat in Fragen der Wasserversorgung und Kanalisation. Der mit vielen Auszeichnungen und Ehrungen dekorierte James Hobrecht starb am 8. September 1902 in Berlin. Os

James Hobrecht Foto: Archiv


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