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02.09.06 / Die Furcht vor dem großen Nichts / "Kunsthalle" oder "Bundesrasenschau": Was wird aus dem Berliner Schloß-Areal bis zum Baubeginn?

© Preußische Allgemeine Zeitung / 02. September 2006

Die Furcht vor dem großen Nichts
"Kunsthalle" oder "Bundesrasenschau": Was wird aus dem Berliner Schloß-Areal bis zum Baubeginn?
von Peter Westphal

Vor dem Jahr 2012 rechnen weder die Stadt Berlin noch die Initiatoren des Schloßneubaus, allen voran Wilhelm von Boddien, damit, daß mit dem beschlossenen Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses begonnen werden kann. Boddien ist Geschäftsführer des „Fördervereins Schloß“. Nutzungskonzepte und die Größe des Baus, der nicht das komplette alte Schloß umfassen wird, sind noch zu klären. Dann bleibt die Frage der Finanzierung: Veranschlagt sind 670 Millionen Euro, von der das Land Berlin etwa 30 Prozent, und der Bund etwa 70 Prozent übernehmen sollen. Aber auch das ist noch nicht endgültig, denn diese Verteilung ist  abhängig von der anteilsmäßigen   Nutzung durch Bundes- und Landeseinrichtungen.

Voraussetzung für den Neubau ist natürlich die Entsorgung des DDR-Erbes auf dem Schloßareal, des „Palastes der Republik“. Ursprünglich sollte der häßliche Koloß im Frühjahr 2007 vollständig abgerissen sein. Der Abriß zieht sich jedoch durch weitere Asbestfunde in der Dachkonstruktion um mindestens drei Monate in die Länge. Nach Aussagen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sind weitere Verzögerungen von bis zu einem Jahr nicht auszuschließen. Damit steigen die Entsorgungskosten für den sozialistischen Klotz. Hatte sich die ursprünglich auf 20 Millionen Euro veranschlagte Summe für den Abriß zwischenzeitlich halbiert, weil der „Rückbau“ doch billiger erschien als zunächst befürchtet, droht nun wieder eine Erhöhung der Abrißkosten – und das, nachdem in den vergangenen     Jahren schon 85 Millionen Euro zur Asbestsanierung investiert worden waren. Sollte sich Asbest auch in den Zwischendecken finden, müßten neue Technologien eingesetzt werden; die Platten dürften dann nicht herausgebrochen, sondern müßten vorab aufwendig perforiert werden, bevor man sie entfernt.

Noch bevor allerdings die Palast-Ruine aus dem Herzen Berlins verschwunden ist, wird heftig darüber diskutiert, was mit der Fläche bis zum Jahr 2012 geschehen soll. Am 22. September wählt das vom Berliner Senat beauftragte Preisgericht den Sieger des Wettbewerbs zur „Freiraumgestaltung des Schloßareals“. Von den ursprünglich 83 teilnehmenden Büros für Stadtplanung und -gestaltung nahmen die Juroren 25 Entwürfe in die engere Wahl, die sie nun in einer überarbeiteten und konkretisierten Fassung erneut prüfen.

Nach den Vorgaben des Senats soll eine gigantische Grünfläche entstehen, mitten darin die Info-Box, wo die Besucher sich von dem Neubau mit Schloßfassade, der den Namen „Humboldt-Forum“ tragen soll, ein Bild machen können. Vertreter der Kultur- und Kunstszene sind mit den Planungen für die Zwischennutzung des Areals bis zum Baubeginn indes alles andere als zufrieden und befürchten eine riesige Leere.

Das Kunstmagazin „Monopol“ rief daher einen Architektenwettbewerb aus, um, wie das Blatt verbreitete, eine fünfjährige „Bundesrasenschau“ in Berlins Mitte zu verhindern. Die Kunstkritiker ermunterten namhafte Büros, Entwürfe für eine „Kunsthalle der Moderne“ auszuarbeiten, die in der Zwischenzeit hier errichtet werden solle. Auch das renommierte Hamburger Architektenbüro „Gerkan, Marg und Partner“, das zuletzt den neuen Berliner Hauptbahnhof gebaut hatte, reichte einen Entwurf ein.

Florian Illies, Herausgeber von „Monopol“ und erklärter Schloßbefürworter, begründet seine Aktion damit, daß Berlin – „historisch einmalig“ – zu einem „Dreh- und Angelpunkt der zeitgenössischen Kunstszene geworden ist“. Doch für die in Berlin          entstehende Kunst gebe es zu wenig Ausstellungsfläche. Zudem sei es ein „Skandal“, „wenn nach dem Abriß lediglich ein Staatsrasen ausgerollt wird“. Bis zum Bau des Humboldt-Forums, so Illies, müsse „dieser vielleicht wichtigste Platz der Nation“ mit „Lebendigkeit, Kühnheit, Experiment“ gefüllt werden, und „das alles leistet die zeitgenössische Kunst“. Natürlich soll dadurch auch die Idee beflügelt werden, „der zeitgenössischen Kunst auf Dauer eine Heimat auf dem Schloßplatz zu geben“ – soll heißen: in dem geplanten Schloßneubau, dem „Humboldt-Forum“. Die Presseresonanz auf seinen Vorstoß ist beachtlich. Eine Unterstützerliste für das „Museum auf Zeit für die Kunst von heute“ vereint eine Menge prominenter Namen aus dem Kulturbetrieb, etwa die einstige Kulturstaatsministerin Christina Weiss. Auch der Präsident der „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“, Klaus-Dieter Lehmann, begeistert sich dafür.

Dennoch scheint mehr als fraglich, ob aus den ehrgeizigen Plänen zur Zwischennutzung des riesigen Areals etwas wird. Schloß-Initiator Wilhelm von Boddien bewertet die Aktion der Zeitschrift „Monopol“ lediglich als gelungene PR-Geschichte, die aber völlig unrealistisch sei und von der Wirklichkeit noch im September beerdigt werde.

Boddien verweist in diesem Zusammenhang auf ein dreitägiges – nicht öffentliches – Symposium zur Rekonstruktion des Schlosses, das vom 8. bis 10. September von der Internationalen Bauakademie Berlin unter intensiver Mitwirkung staatlicher Stellen veranstaltet wird. Beobachter gehen davon aus, daß hier nicht mehr herauskommen dürfte als die Installation jener endlosen Grünfläche, der befürchteten „Bundesrasenschau“ eben, die den Ort mit gähnender Leere füllt, bis der Schloßneubau endlich beginnt.


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