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07.10.06 / Privileg mit Ohren / Stasi-Affäre um "Adlon"-Chef Klippstein offenbart Bespitzelung bei seinem vorigen Arbeitgeber "Neptun"

© Preußische Allgemeine Zeitung / 07. Oktober 2006

Privileg mit Ohren
Stasi-Affäre um "Adlon"-Chef Klippstein offenbart Bespitzelung bei seinem vorigen Arbeitgeber "Neptun"
von Markus Schleusener

Die Hotelbedienstete wirkte sehr überrascht. "Wat woll'n Sie - 'ne Bibel?" Diese Bitte um ein Buch, das in Hotels der westlichen Welt eigentlich zur Standardausrüstung gehört - so wie Minibar und Fernseher -, kam ihr unerhört vor.

Die Putzfrau schaute, als ob die Bitte um eine Kettensäge oder eine Kalaschnikow an sie herangetragen worden wäre. Das war in Warnemünde bei Rostock im letzten Juli, fast 16 Jahre nach der Wiedervereinigung.

Trotzdem: Im Osten ticken die Uhren immer noch anders. Atheismus ist hier normal - allen "Wir sind Papst"-Beteuerungen zum Trotz. Zur Ehrenrettung der Hotelmitarbeiterin sei gesagt, daß sie sich schnell gefangen hatte und versprach: "Ick besorg Ihnen 'ne Bibel."

Ein früherer Kollege von ihr hat letzte Woche dagegen die Fassung endgültig verloren. Thomas Klippstein war dem Druck nicht mehr gewachsen. Letzte Woche trat der Manager des bekanntesten Berliner Nobelhotels "Adlon" zurück. Der 44jährige zog damit die Konsequenz aus seiner Tätigkeit für das "Ministerium für Staatssicherheit" (MfS) als Informeller Mitarbeiter.

Hoteldirektor Klippstein hatte als IM Benjamin in den letzten Monaten der DDR Kollegen und Gäste bespitzelt. "Ich bedaure sehr, daß ich dem Druck nicht standgehalten habe, und entschuldige mich", räumte er kleinmütig ein - vier Tage, nachdem die Stasi-Vorwürfe erstmals erhoben worden waren.

Als der Hotelfachmann im März 1988 angeworben wurde, war er Empfangssekretär im "Neptun". Das "Neptun" ist ein beinahe schon sagenumwobenes Riesenhotel direkt am Ostseestrand von Warnemünde. Ein gewaltiger Betonklotz erhebt sich an einem von Deutschlands beliebtesten Badestränden 64 Meter empor.

Häßlich ist es. Aber die Gäste fühlen sich wohl. Der Ausblick entschädigt für den fiesen Anblick. Wer aus den Zimmern, die sich auf 14 Stockwerke verteilen, rausschaut, hat einen umwerfenden Blick über den wunderschönen breiten Sandstrand, die nahegelegenen Hafenanlagen und die Flaniermeile des Seebades.

Das Frühstücksbuffet ist erstklassig. Schnell kommen die Gäste miteinander ins Gespräch. Auch dies ereignete sich im letzten Sommer: Ein älterer Herr aus Chemnitz ("Sie wissen doch, daß das früher Karl-Marx-Stadt war") berichtet, daß er seit 1976 regelmäßig zu Gast sei. "Das war ja das größte für uns - damals." Ins "Neptun" reinzukommen war nicht ganz einfach.

Die Bespitzelung war damals allgegenwärtig. Ost- und West-Gäste in ein- und demselben Hotel? Das machte den Herrschenden Sorgen. Der Herr aus Chemnitz berichtet: "West- und Ostdeutsche wurden getrennt untergebracht, bekamen auch unterschiedliche Speisen."

Berichten anderer Zeitzeugen zufolge war es damals normal, daß Räume mit Video und Wanzen überwacht und Telefonate mitgeschnitten wurden. Auf eine merkwürdige Art und Weise spürt der Hotelbesucher heute noch, daß die Wände im "Neptun" Ohren haben.

Trotzdem gab es natürlich immer mal wieder ungewünschte Ost-West-Kontakte. Um das zu beobachten, wurden dann Leute wie Klippstein angeheuert. Die Gäste des "Stasi-Hotels" (Volksmund) standen unter permanenter Beobachtung. Klippsteins Hauptaufgabe war laut Aktenlage die Bespitzelung der westlichen Gäste, so die "Berliner Morgenpost".

Zehn Monate nach seiner Verpflichtung urteilten seine Stasi-Oberen, IM Benjamin realisiere die ihm gestellten Aufträge mit "Umsicht, Sorgfalt und Eigeninitiative".

Das Hotel, 1971 erbaut von einer schwedischen Firma, sollte zunächst ausschließlich zahlungskräftige West-Kundschaft anlocken. Es unterstand formal der Handelsorganisation "HO", mußte aber die meisten D-Mark seiner Westkundschaft an das Firmenkonglomerat Schalck-Golodkowskis abführen. Es kamen eine Menge prominenter Gäste aus Westdeutschland: Willy Brandt, Theo Waigel, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher. Aber auch befreundete Diktatoren wie Fidel Castro residierten im "Neptun".

Nach Ulbrichts Sturz setzte Erich Honecker durch, daß auch DDR-Bürger in den Genuß kamen, das Nobelhotel besuchen zu dürfen. 80 Prozent der Hotelbetten waren fortan für DDR-Bürger bereitgestellt, die für zwei Wochen Vollpension 310 Ostmark zahlten.

Die Nachfrage war natürlich größer als das Angebot, so daß ein Urlaub im "Neptun" weiterhin ein Privileg in der Mangelwirtschaft des Ostens darstellte und vor allem Regimetreuen erlaubt wurde.

Das DDR-Vorzeigeobjekt hat die Wende gut überstanden. Viele der 200 Mitarbeiter von heute waren damals schon mit dabei. Angeblich auch führende Hotelangestellte, die - so vermutet die Birthler-Behörde - seinerzeit für das MfS gearbeitet haben. Aber anders als im Falle von Thomas Klippstein muß in Warnemünde wohl niemand als Konsequenz um seinen Job bangen. Im Osten ticken die Uhren eben anders.


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