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07.10.06 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / 07. Oktober 2006

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Familienfreunde,

heute wollen wir einmal ein Sonderthema herausstellen, das unser Pferdeland Ostpreußen einmal von anderer Seite beleuchtet. Es geht nicht um unsere edlen Trakehner, auch nicht um unsere braven kleinen Kunterchen, denn in die - mit diesen Namen so breit aufgefächerte - Pferdeschau fügen sich auch andere ein wie die Ermländer! Diese ostpreußischen Kaltblüter sollen auch hier gezüchtet werden, so von Herrn Clemens Grimm auf seinem Reiterhof Nöda in Thüringen. Sein Schreiben an die "Ostpreußische Familie" mit der Bitte um Informationen ehemaliger Züchter beinhaltet aber soviel Wissenswertes über diese alte Kaltblutrasse, die heute weitgehend unbekannt ist, daß wir hier nicht nur seinen Wunsch bringen, sondern auch auf die Geschichte der Ermländer und ihre Bedeutung für Ostpreußen näher eingehen wollen. Vorweg der Suchwunsch von Herrn Grimm im Wortlaut:

"Als langjähriger Leser wende ich mich an die Ostpreußische Familie in der Hoffnung auf Mithilfe. Lassen Sie mich kurz auf die Vorgeschichte meines Suchwunsches eingehen. Durch Teile meiner Vorfahren und aus historischem Interesse bin ich tief verwurzelt mit dem Land Ostpreußen und seiner Geschichte. Aufgrund dieser Tatsache und meiner Berufswahl, Landwirt und Pferdewirt, habe ich mich vor einiger Zeit - nachdem mehrere Übersiedlungsversuche in das Ermland beziehungsweise Masuren an der polnischen Bürokratie gescheitert sind - entschlossen, die alte Rasse des ostpreußischen Kaltblutes "Ermländer" hier in Deutschland wieder zu beleben. Durch viele Reisen in den polnischen Teil Ostpreußens ist es mir gelungen, im vorigen Jahr einen Deckhengst, der bei Rastenburg gezogen wurde, zu erwerben und mit der Zucht dieser Rasse hier in Thüringen zu beginnen. Der Weg zur Wiederanerkennung dieser Rasse auf Bundesebene war nicht gerade einfach. Sehr zu Dank verpflichtet bin ich dem Zuchtleiter des "Zentralverbandes für Deutsche Pferde", Herrn Hans Britze, in Verden. Nun wende ich mich an Sie und alle Ostpreußen und bitte um Informationen über ehemalige Züchter, Zuchtlinien und so weiter. Für jegliche Information bin ich dankbar."

Soweit der Brief von Herrn Grimm, der sicher auf großes Interesse stoßen und ein wohl ebenso starkes Echo bewirken wird. Um aber die Zucht dieser schweren Rasse historisch zu beleuchten, gehe ich auf eine dem Schreiben beigelegte Ausführung des Züchters Dietrich Born-Doppelkeim ein, der diese im Jahr 1939 anläßlich des Jubiläums 25 Jahre ostpreußisches Stutbuch für schwere Arbeitspferde gehalten hat. Sie beinhaltet die Geschichte und den Werdegang der ostpreußischen Kaltblutzucht, die ihre frühen Wurzeln in der Ordenszeit hat. Als vor mehr als 800 Jahren der Deutsche Ritterorden die ersten deutschen Siedler in das Prußenland holte, schuf er auch eine Landwirtschaft, die späteren Generationen nur Staunen und Bewunderung abverlangte. Besonders lag ihm der Aufbau der Pferdezucht am Herzen, denn einmal brauchte er das schwere Kampfroß, zum andern war er bemüht, den neuen Siedlern und alten Bewohnern ein leichteres Wirtschaftspferd zur Verfügung zu stellen, mit dessen Hilfe sie ihre Landwirtschaft betreiben konnten. In den von dem Orden errichteten Gestüten standen schwere Hengste, die zum Teil aus den Niederlanden, Dänemark und Thüringen angekauft waren. Die Schwerpunkte dieser Zucht lagen in dem fruchtbaren Ermland, also im Gebiet der späteren Kreise Braunsberg, Heilsberg, Rößel und Allenstein. Die Urwurzeln der ostpreußischen Kaltblutzucht wurden auch nach dem Ordenszerfall nicht gekappt, denn die ermländischen Bischöfe bemühten sich, die durch Kriege, Pest und Mißernten dezimierte Zucht wieder aufzubauen. So hat der zähe, mit seinem Boden fest verwurzelte ermländische Bauer an seiner alten Rasse festgehalten, und obgleich man versuchte, mit mehr oder minder Erfolg dieses Landpferd mit anderen Schlägen durchzukreuzen, ging der alte Stamm, zu dem auch das "Wormditter Sattelpferd" gehörte, nicht unter und wartete auf seine große Zeit. Die kam allerdings erst im vergangenen Jahrhundert, als ihm endlich eine feste Organisation beschieden wurde. Nachdem in den Jahren 1911/12 durch eine Körordnung die belgische beziehungsweise rheinische Rasse als alleinige Unterlage für den weiteren Ausbau bestimmt wurde, war der Boden vorbereitet, auf dem das 1914 begründete ostpreußische Stutbuch für schwere Arbeitspferde aus kleinsten Anfängen mit seiner züchterischen Arbeit beginnen konnte. Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte nach einer ersten Kaltblutauktion ein Aufstieg ohnegleichen. Die alten Ermländer Stutenstämme wurden eine der wichtigsten Grundlagen dieser neu organisierten Kaltblutzucht, zusammen mit über 100 neu gegründeten Hengsthaltungsgenossenschaften wurden Maßnahmen ergriffen, die eine Pferdezucht des schweren Schlages für lange Zeit in Ostpreußen verankern sollten. Auf Kaltblutauktionen wurden nicht nur in der Provinz, sondern auch in anderen Gebieten des Deutschen Reiches Absatzgebiete gewonnen. Dieser mittelschwere, zähe und gängige Kaltblüter, im Handel als "Ermländer" bezeichnet, wurde zu einem wichtigen Erwerbszweig für viele ostpreußische Bauern, der ihnen half, in schwerster wirtschaftlicher Not den Familienhof zu erhalten. Auch die Wehrmacht interessierte sich für das genügsame und zuverlässige Pferd, das sich für die Bespannung der schweren Artillerie vorzüglich eignete. In ländlichen und städtischen Fuhrwerksbetrieben wurde es ein gern gesehener Arbeitskamerad.

Man unterschied zwei Zuchtrichtungen: das schwere Zugpferd, ein gängiger, nicht zu schwerer Kaltblüter, Größe 1,56 bis 160 Meter Stockmaß, und schwerste Zugpferde, Größe 158 bis 165 Meter Stockmaß. Der Kaltblüter mit kräftigem, starkem Knochenbau und entsprechendem Wuchs sowie breiter und tiefer Brust im Gewicht von 650 bis 750 Kilogramm war ein vielseitig verwendbares Pferd, das sich im Fahrsport wie in der Land- und Forstwirtschaft als Arbeitspferd und auch als Familienpferd bewährte. Einige der hervorragendsten Eigenschaften wie Ausdauer, Widerstandsfähigkeit und Zugfestigkeit auch in tieferem Boden bewiesen die Ermländer dann auch auf dem großen Treck aus der Heimat.

Diese so bewährten Eigenschaften stehen nun auch als Kriterien für das neue Zuchtziel, das sich Clemens Grimm gesteckt hat: Robustheit - hohe Arbeitswilligkeit - hohes Maß an Kraft und Ausdauer - Genügsamkeit, Leichtfütterung - Charakterfestigkeit - leichte Handhabbarkeit - ruhiges, ausgeglichenes Wesen. Grundlage dazu bilden rassetypische, noch im heutigen Ermland erhaltene Pferde, die eingeführt werden sollen. Vorgesehen dazu ist die Anschaffung von fünf Zuchtstuten und einem Hengst als erster Abschnitt des Zuchtaufbaues. Da diese alte deutsche Rasse nicht unter dem Namen "Ermländer" geführt wird und auch kaum Nachweismöglichkeiten der Abstammung aus der Vorkriegszeit existieren, ist es nur möglich, rassetypische Pferde zu erwerben und eine Neueintragung vorzunehmen. Im Vordergrund soll die Wiederbelebung dieser Rasse unter Berücksichtigung der heute veränderten Nutzungsmöglichkeiten stehen. Das bedeutet eine Zucht von vielseitig verwendbaren, gängigen, nicht zu schweren Kaltblutpferden mittlerer Größe für die land- und forstwirtschaftliche Verwendbarkeit, touristische Nutzung als Reit- und Gespannpferd sowie Nutzung als vielseitig einsetzbares Pferd im freizeitmäßigen und arbeitstechnischen Bereich im ländlichen Raum.

So manchem alten Ostpreußen wird beim Lesen dieser Zeilen sein Herz höher schlagen. Vielleicht denkt er an seinen gutmütigen Braunen, auf dessen breitem Rücken er als kleiner Butzer geritten ist. Es könnte auch sein, daß mancher Leser angeregt wird, über seine Erfahrungen mit den schweren Ermländern zu berichten. Vor allem aber sind die ehemaligen Züchter und ihre Nachkommen gefragt, denn es ist durchaus möglich, daß sich in manchen Familien noch aufschlußreiche Unterlagen befinden.

Einige Namen erfolgreicher Züchter gehen aus Abbildungen hervor, die in den 30er Jahren bei Schauen und Körungen gezeigt wurden. So gibt es ein Foto von einer Zuchtstutensammlung auf der Mehlsacker Kaltblutschau von G. Romanowski-Mehlsack, und ein weiteres von der XVI. Ostpreußischen Kaltbluthengstschau im Januar 1937 in Königsberg. Aufnahmen aus dem Jahr 1938 liegen auch von Mutterstuten und Fohlen aus den Zuchten von D. Hasselberg, Plauen, Müller-Holtkamp, Junkerken, und Frau Röse, Roggenhofen, vor. Und dann ein ganz besonderes Prachtexemplar: der mächtige Kaltbluthengst "Großfürst" aus der Zucht von Romanowski, Mehlsack, im Besitz von Valentini, Henriettenhof, 1937 in München mit dem Ersten Preis und dem Siegerehrenpreis ausgezeichnet!

Es bleibt zu hoffen, daß bald auf den Weiden des Reiterhofes Nöda kräftige, tiefe, gut gebaute Pferde grasen - in Thüringen, von wo vor 700 Jahren ihre Urahnen kamen, die dann auf den saftigen Weiden des Ermlandes zu einer bodenständigen Kaltblutrasse wurden und mit dem Namen dieses Landes verwuchsen: Ermländer!

Zuschriften bitte an Herrn Clemens Grimm, Reiterhof Nöda, Hauptstraße 6 in 99195 Nöda, Telefon (03 62 04) 6 00 99, Handy: (01 74) 33 62 600, Fax (03 62 04) 7 17 26

Eure

Ruth Geede


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