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07.10.06 / Mein Leben im Lager 141 / Wie ein ostpreußischer Junge die Nachkriegszeit auf dem Koselhof im Kreis Gumbinnen erlebte

© Preußische Allgemeine Zeitung / 07. Oktober 2006

Mein Leben im Lager 141
Wie ein ostpreußischer Junge die Nachkriegszeit auf dem Koselhof im Kreis Gumbinnen erlebte
von Helmut Spies

Der Koselhof war ein ehemaliges Vorwerk des bei Gumbinnen gelegenen Gestüts Roßlinde. Im einstigen Direktorenhaus in Roßlinde war die Kommandantur eingerichtet, und außerhalb des Ortes in einem Gutshaus befand sich bis 1946 die "Oberkommandantur", wie wir sie nennen sollten, heute befindet sich dort eine Schule, einige alte Männer sagten das wäre die GPU. Die dort diensttuenden Männer waren alle auffallend gut gekleidet und gut ernährt, sie gingen immer in Zivilkleidung. Viele Leute, die dorthin zum Verhör geholt wurden, kamen nicht zurück. Diejenigen, die wieder zurückkamen, berichteten, sie hätten unterschreiben müssen, daß sie nicht geschlagen worden seien, auffällig war aber, daß die meisten bald nach dem Verhör starben. Im Jahre 1948 vertraute mir ein alter Mann an, daß er ein Österreicher sei, er war 1945 in der Oberkommandantur eingesperrt und mußte gewissermaßen Hausmeisterdienste verrichteten. Zu seinen Aufgaben gehörte auch, die Toten aus dem Keller rauszutragen, um sie im Park oder auf dem nahegelegenen Soldatenfriedhof des Ersten Weltkrieges zu begraben.

Unser Lager war nicht eingezäunt, wir durften es aber trotzdem nicht verlassen. Im Sommer des Jahres 1945 war keine organisierte Arbeit vorhanden. Wenn Arbeitskräfte benötigt wurden, gingen die Posten durch die Unterkünfte und holten sich die benötigten Personen. Als Verpflegung bekamen wir pro Person ein Kilogramm Mehl pro Woche. Obwohl wir das Lager nicht verlassen durften, gingen wir Jungen doch in die benachbarten Dörfer und suchten nach Lebensmitteln, Kleidungsstücken und anderen brauchbaren und dringend benötigten Gegenständen. Wenn wir dabei erwischt wurden, war es für uns nicht besonders tragisch. In manchen Orten waren sowjetische Soldaten stationiert, von denen wir gelegentlich sogar zum Essen eingeladen wurden, von anderen Stellen jedoch wurden wir auch weggetrieben. Niemand sagte uns, wie unser Leben weitergehen sollte. So lebten wir gewissermaßen von der Hand in den Mund in den Tag hinein. Inzwischen war auch Typhus ausgebrochen, woran viele Menschen starben. Vor allem Kinder und alte Menschen raffte es dahin. Wobei nicht mehr viele Kinder vorhanden waren, denn die waren schon alle im Winter unterwegs verstorben. Ich gehörte mit meinen 13 Jahren zu den jüngsten arbeitenden Bewohnern.

So etwa im Oktober / November bekamen wir einige hundert junge Rinder, die in den Pferdestallungen untergebracht wurden. Zur Bewirtschaftung der Rinder kamen auch einige Pferde. Wir fuhren dann in die Dörfer und suchten Stroh und Heu für die Tiere. Im Herbst 1944 hatten die Bauern noch Futter eingebracht. Von diesem Zeitpunkt an bekamen Lebensmittel nur die Menschen, die auch arbeiteten. Es gab nur Brot und gelegentlich etwas Pferdefleisch.

Es war kurz vor Weihnachten 1945 und wir waren bei der Arbeit, als ein Posten zu mir - ich war wohl der jüngste unter den Arbeitern - sagte: "He, Junge, idi suda". Er erklärte mir sodann, daß ich mit diesem Schimmel und diesem Wagen den "Natschalnik" fahren sollte. Somit war ich Kommandantenkutscher geworden. Dies hatte für mich den Vorteil, daß ich nicht so schwer arbeiten mußte und trotzdem jeden Tag die Norm erfüllt hatte. Denn wer einen Tag die Norm nicht erfüllt hatte, bekam in der nächsten Woche für einen Tag keine Verpflegung.

Mein Natschalnik war ein Hauptmann von 36 oder 38 Jahren. Der Mann, im Zivilberuf Tierarzt, war des Soldatendaseins recht überdrüssig, denn er schimpfte ständig darüber. Auf meinen Streifzügen sammelte ich auch Bücher. Wenn wir sie gelesen hatten, benutzten wir das Papier als Feueranzünder. Unter den Büchern befand sich aber auch ein sehr wertvolles Buch, nämlich ein Deutsch-Russisches Wörterbuch in der Transkription. Da ich bei den Ausflügen mit meinem Natschalnik oft lange Wartezeiten hatte, lernte ich fleißig Vokabeln. Wenn meine Aussprache nicht zu verstehen war, erklärte mir mein Chef die Aussprache, gleiches taten auch die Posten.

Eines Tages gab mein Chef mir seinen Karabiner zum Reinigen. Als ich das gereinigte Gerät zurückgeben wollte, gab er mir mit verächtlichen Worten und Gesten zu verstehen, daß ich das Ding behalten sollte. Einige Tage später gab er mir auch sein Koppel mit der Munition. Wir waren schon so vertraut mit einander, daß er mit mir ein Wettschießen durchführte. Da ich als Kind schon ein Luftgewehr besessen hatte, mit dem mein Vater mich das Zielen gelehrt hatte, konnte ich meinem Chef gefallen. Er freute sich über mein Können, als wenn ich sein Sohn wäre. In Zukunft habe ich gelegentlich auch alleine geschossen, doch war schlecht Munition zu finden. Darum suchte ich mir einen deutschen Karabiner, denn dafür waren genug Patronen zu finden. Ebenfalls haben auch die Posten mit mir Wettschießen veranstaltet. Wenn ich mit meinem Chef unterwegs war, hatte ich auf der einen Schulter einen russischen und auf der anderen einen deutschen Karabiner. Gelegentlich erregte ich damit auch Aufsehen, dann sagte mein Chef: "On choroschi Maltschik." (Er ist ein guter Junge.)

Als der Frühling kam mußte ich, so auch die anderen Jungs und Männer, mit zwei Pferden zur Feldarbeit raus. Pferde hatten wir aus der Nähe von Ragnit holen müssen. Meine Mutter war als ehemalige Bäuerin bei den Jungrindern beschäftigt. Wir bekamen nun eine ausgezeichnete Verpflegung. Sie bestanden aus vielen Fleisch- und Fischkonserven, viel Öl, wenig Kartoffeln und nahezu ausreichend Brot. Diese gute Versorgung erwies sich für den nächsten Winter als Katastrophe.

Wir waren der Auffassung, daß die Situation so bleiben würde. Doch leider, so etwa im Oktober / November, wurde die Versorgung nahezu eingestellt. Wir erhielten nur noch Brot, etwa 200 bis 300 Gramm pro Tag. Wir hatten keine Vorräte angelegt und in den Häusern war auch nichts mehr zu finden. An manchen Tagen habe ich als einzige Nahrung nur den Hafer in der Hosentasche gehabt, den ich den Pferden vorenthielt, oder ein Stück Rübe von den Rindern.

Inzwischen hatte ich auch einen neuen Chef bekommen. Dieser war ein echtes Schlitzohr. Nicht nur, daß unser Verhältnis zueinander weniger freundlich war, nachts mußte ich mit ihm zum Getreidespeicher, um Getreide zu stehlen. Das brachten wir in eine Kellerruine, in der ein Mann, der gut russisch sprach, Alkohol brannte. In einer anderen Nacht fuhren wir zur Kartoffelmiete, um Nachschub für die Alkoholherstellung zu beschaffen. So war ich viele Nächte unterwegs, aber nicht nur zur Schnapsbrennerei, sondern auch zum Feiern. Ich fuhr den Chef dann in Dörfer, in denen Soldaten stationiert waren. Dort wurde dann gefeiert, auch Frauen waren dabei. Ich blieb dann draußen bei meinem Pferd, an dem ich mir abwechselnd das Gesäß und den Rücken wärmte. Von den nächtlichen Raubzügen habe ich offiziell nie etwas abbekommen.

Im Frühjahr 1947 hatten dann auch die Jungrinder Kälber bekommen. Meine Mutter wurde Melkerin und versorgte mich heimlich mit Milch. Eines Tages war mein Chef verschwunden. Wieder bekam ich zwei Pferde und zog zur Feldarbeit. In dieser Zeit begannen wir, auch ohne Posten zu arbeiten. Da der Winter sehr viele Hungeropfer gefordert hatte, waren nur wenig Arbeitskräfte übriggeblieben. Es wurden Bewohner aus der Elchniederung zu uns gebracht. Diese Menschen waren auf ihren Gehöften geblieben und hatten sich selbst versorgt. Als sie in unserem Lager erschienen, waren sie alle gut genährt und hatten auch noch vernünftige Kleidung. Wir dagegen waren sehr abgemagert, zum Teil mit Hungerödemen. Unsere Kleidung war inzwischen verschlissen und wurde nur noch von Flicken zusammengehalten. Nach der Frühjahrsarbeit waren nicht nur die Menschen erschöpft, sondern auch die Pferde. Wir holten neue Pferde, diesmal aus Rominten. Dorthin wurden wir mit einem Lastwagen gefahren, den Rückweg verbrachten wir auf dem Pferderücken, die Posten im Sattel und mit Zaumzeug, wir ohne alles. Die abgearbeiteten Pferde brachten wir nach Georgenburg bei Insterburg. Den Rückweg bewältigten wir zu Fuß und barfuß.

Etwa ab Mitte 1947 erhielten wir für unsere Arbeit Geld und konnten dafür im sogenannten Magazin einkaufen. Im Frühherbst 1947 wurden wir angewiesen, die bisherigen Unterkünfte zu räumen und uns in der Umgebung des Koselhofes in Bauernhäusern einzurichten. Meine Mutter und ich bezogen ein Zimmer in einem Bauernhaus, in dem das eine Ende zerschossen war und die Dielen schon fehlten. Die Fenster konnten wir noch reparieren und der Ofen war heil. Unsere bisherigen Unterkünfte bezogen russische Familien. Auch der Nachbarort Sprindacker wurde besiedelt. Da die Neusiedler vorwiegend Stadtmenschen waren, mußten zwei Jungen - einer davon war ich - ständig dorthin zur Arbeit. In dieser russischen Brigade wurde ich sehr gut aufgenommen. Es war nie ein Groll auf uns Deutsche zu merken. An den arbeitsfreien Sonntagen baten mich einige Neusiedler ihren Acker zu pflügen (jeder durfte einen halben Hektar für sich bearbeiten). An diesem Tag erhielt ich in den Familien auch das Essen. Meine Mutter war in dieser Zeit sehr krank und konnte nicht arbeiten, so daß wir nur auf meinen Verdienst angewiesen waren.

Die neuen Siedler berichteten, daß sie mit dem Versprechen für Ostpreußen geworben worden seien, daß sie in Ostpreußen feste Ziegelhäuser bekämen und die Straßen asphaltiert seien. Ziegelhäuser gab es sehr wohl, aber durch die Kampfhandlungen waren doch viele beschädigt worden. Hinzu kam noch, daß die Häuser mehrere Sommer und Winter über nicht bewohnt gewesen waren. Somit waren umfangreiche Reparaturen notwendig. Und Asphaltstraßen führten auch nicht zu jedem Ort. Gerade dort nach Sprindacker führten nur ausgefahrene Landwege.

Den Winter 1947/48 verbrachte ich als Kutscher für Reparaturbrigaden. Die Handwerker waren alles etwas ältere Männer. Von ihnen wurde ich wiederum sehr gut aufgenommen. Da sie von der Krankheit meiner Mutter erfahren hatten, gaben sie beim zweiten Frühstück Teile von ihrem Essen ab, ja gelegentlich bekam ich auch Essen für meine Mutter mit. Oftmals wurde die Arbeit auch mit Wodka begonnen. Betrunken haben die Männer mich auch gemacht. Baumaterialien haben wir aus unbewohnten Dörfern geholt. Bei der Materialgewinnung wurde ein gewaltiger Frevel begangen. Es wurden nicht die Fenster aus zerschossenen Häusern genommen, sondern aus Häusern mit heilen Fensterscheiben. Analog verhielt es sich bei Türen, Dachziegeln, Fußbodendielen und so weiter. Die zerschossenen Gebäude wurden dem eigenen Verfall überlassen, an den heilen Gebäuden haben wir den Zerstörungsanfang vollzogen. Inzwischen war auch meine Mutter wieder genesen. Da ihr aber das Melken jetzt nach der Krankheit zu schwer war, hatte sie den Kälberstall zu betreuen. Hier konnte sie wieder ausreichend Milch trinken und von dem Mehl, das für die Kälber vorgesehen war, konnte auch noch etwas für den eigenen Verbrauch abgezweigt werden.

Im Frühjahr 1948 erhielt unsere Einrichtung zehn Traktoren mit Ketten (sie wurden "Natiski" genannt). Jeder Raupenschlepper wurde mit zwei Mann besetzt. Zu diesen insgesamt 20 Mann starken Besatzungen gehörten zwei deutsche Jungen, einer davon war ich. Unsere Aufgabe bestand darin, jene Äcker zu pflügen, die seit 1944 unbearbeitet waren. Wir pflügten auch in jener Gegend, wo die Front vom Oktober 1944 bis Januar 1945 gestanden hatte. Auf den Feldern lagen noch viele menschliche Skelette. An den Ausrüstungsgegenständen war zu erkennen, zu welcher Armee dieser Mann ehemals gehört hatte. Pietätlos wurden diese menschlichen Überreste untergepflügt. Eingeebnet wurden auch die Überreste von Verteidigungsanlagen und Bombenlöcher.

Viel schlimmer aber für die Zukunft wirkte sich die Tatsache aus, daß wir auch die kleinen Sammelgräben des Meliorationssystems zugepflügt haben. Da Ostpreußen gegenüber dem Reich eine um 20 bis 40 Tage verkürzte Vegetationszeit hat, mußten die Bauern diesen Nachteil durch eine Verkürzung der Zeit des Tauwetters ausgleichen. Es wurden umfangreiche Meliorationssysteme angelegt, damit das Schmelzwasser schneller abfließen konnte. So wurden einige Tage für das Wachstum gewonnen. Durch die Zerstörung des Meliorationseffektes wurde auch die sogenannte Kornkammer vernichtet. Denn die nördliche Lage brachte auch einen Vorteil. Ostpreußen hat gegenüber dem Reich etwa 200 Sonnenstunden mehr. Dies bedeutet ein schnelleres Wachstum.

Auf den Feldern arbeiteten wir mit den Traktoren Tag und Nacht. Dreimal täglich wurde uns Essen gebracht. Das Essen war ausreichend und für Nachkriegsverhältnisse gut. Zweimal täglich wurde Diesel gebracht. Geschlafen haben wir abwechselnd in irgendwelchen Strohmieten oder auch in den noch vorhandenen Gebäuden. An jedem zehnten Tag fuhren wir mit unserem Traktor zur Werkstatt. Tagsüber hatten wir dann frei. Der Verdienst war bei dieser Arbeit gut. Meine Mutter sorgte als erstes für Unterwäsche, dann für Schuhe und Oberbekleidung.

Eines Tages im September 1948 kamen wir in die Werkstatt und die Jungen sagten, daß wir entlassen würden. Ab morgen bräuchten wir nicht mehr zur Arbeit. Da wir im Sommer russische Ausweise erhalten hatten, dachten wir schon nicht mehr an eine Entlassung. Am Abend wurde eine Versammlung einberufen. Hier wurde uns offiziell mitgeteilt, daß wir in den westlich der Oder-Neiße-Linie liegenden Teil Deutschlands abfahren würden. Wir dürften kein Geld, keine Bücher und auch keine Aufzeichnungen mitnehmen. Am nächsten Tag hätten wir Gelegenheit, unser Geld auszugeben. Die russische Bevölkerung nutzte jetzt die Gelegenheit, unsere Sachen zu kaufen. Inzwischen hatten wir uns einige Möbelstücke und Hausrat zusammengesucht.

Anmerken möchte ich noch das Verhalten der russischen Menschen. Unsere Unterkünfte waren nie verschlossen, tagsüber waren wir immer zur Arbeit. Niemals ist etwas entwendet worden. Und auch jetzt zum Schluß kamen die Menschen und fragten in höflicher Form, ob sie unsere Sachen bekommen können, wobei sie auch bezahlten. Nach einigen Tagen wurden wir abends im Dunkeln zum Bahnhof nach Gumbinnen gebracht. So endete unser Aufenthalt im Lager 141, Roßlinde, den Koselhof gibt es nicht mehr.

Foto: Als Melkerin (links) konnte die Mutter von Helmut Spies ihren Sohn (rechts) außerplanmäßig mit Milch versorgen. (BpK / Spies)


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