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07.10.06 / Lebenslügen / Inderin mit Familiengeheimnis

© Preußische Allgemeine Zeitung / 07. Oktober 2006

Lebenslügen
Inderin mit Familiengeheimnis

Maya ist traurig, als sie sich von der Großmutter in ihrem indischen Heimatdorf trennen muß, weil ihr Vater Raul eine Stelle im fernen England angenommen hat und die Familie dorthin mitnehmen will. Nur für zwei Jahre, heißt es. Nalini, Mayas Mutter, hatte Schande über ihre Familie gebracht, indem sie mit Raul, dem Sohn eines reichen und angesehenen Hauses, durchbrannte, um zu heiraten und eine Familie zu gründen. Deshalb erscheint es ihr richtig, ihrem Mann nach England zu folgen, auch wenn es ihr schwer fällt, die Heimat zu verlassen.

In England ist alles fremd und anders. Daran ändert auch Nalinis indische Kochkunst nichts, deren Düfte Maya zu Hause in Indien verzaubert hatten. Zu dem neuen Leben wollen sie nicht so recht passen. Maya möchte dazugehören und sich anpassen. Während Vater, Bruder und Maya in England gut zurecht kommen, tut Mutter Nalini sich schwer. Sie verläßt das Haus kaum, trägt indische Saris, mag die Sprache nicht erlernen.

Doch dann folgt ein Schock, der alles verändern soll. Es stellt sich heraus, daß der Vater ein Doppelleben führt. Ohne zu wissen, wie es weitergehen soll, beschließt Nalini, ihren Mann zu verlassen und dies den Kindern mit einer Lüge zu erklären. Dies soll sich später rächen. Zunächst arbeitet die Mutter in einer Fabrik. Tom, der englische Bote, der ihr zuvor Lebensmittel nach Hause geliefert hatte, hilft ihr, indem er die kleine Familie bei seiner Schwester Mary unterbringt. Mary erkennt, daß Nalinis sinnliche Speisen Nahrung für Körper und Geist sind, die helfen, Schwermut und Kummer zu vertreiben. So ermuntert sie Nalini, ihre Kochkünste zur Sicherung ihres Lebensunterhalts zu nutzen. In kurzer Zeit bauen die beiden Frauen ein florierendes Geschäft mit mehreren Angestellten auf. Der Duft Indiens strömt durch englische Gassen und lockt neugierige Kunden an. Nalinis Wunsch, ihren Kindern das zu geben, was ihnen zusteht, geht in Erfüllung.

Nach einiger Zeit lernt sie den Mann kennen, der ihr ein treusorgender Ehemann und Vater für die Kinder sein wird. Das Glück scheint perfekt, bis Maya durch einen Zufall hinter das Geheimnis ihrer Mutter kommt. Das Familienglück droht zu zerbrechen. Maya fühlt sich von allen Menschen, denen sie vertraut hatte, betrogen, als sie erfährt, daß auch Mary ein lange gehegtes Geheimnis mit sich herum trägt. Maya versucht im Ausland ihr Glück. Als sie es dort nicht findet, macht sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln. Sie reist nach Amerika, wo der Vater jetzt wohnt, und nach Indien. Als Maya der ungeschminkten Wahrheit ins Antlitz blickt, erschaudert sie vor sich selbst mit ihrer Selbstgerechtigkeit.

Es ist ein bewegender Roman, der aus zwei Perspektiven erzählt - die der Mutter Nalini, die stets das Wohl ihrer Kinder im Auge hat, und die der Tochter Maya, die sich unverstanden und ungerecht behandelt fühlt -, ein- und denselben Vorfall unterschiedlich bewertet wiedergibt.

Preethi Nairs "Koriandergrün und Safranrot" ist ein Roman übers Entwurzeltsein, über die Selbstfindung in einer fremden Umgebung und über Lebenslügen, die stets eines Tages von der Realität eingeholt werden. Die Autorin wurde selbst in Südindien geboren und hat den Großteil ihres Lebens in England verbracht. Michaela Wagner

Preethi Nair: "Koriandergrün und Safranrot", Droemer Verlag, München 2006, geb., 319 Seiten, 16,90 Euro, Best.-Nr. 5803


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