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11.11.06 / Geliebte Drei-Raum-Wohnung / Bewohner der DDR-Plattenbauten am Alexanderplatz erlauben Blick in vergangen geglaubte Zeiten

© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Geliebte Drei-Raum-Wohnung
Bewohner der DDR-Plattenbauten am Alexanderplatz erlauben Blick in vergangen geglaubte Zeiten
von Harald Fourier

Der Plattenbau zwischen dem Roten Rathaus und dem Bahnhof Alexanderplatz ist so dermaßen häßlich, daß Passanten ihn ignorieren und für die Bewohner bestenfalls Mitleid empfinden. Überhaupt ist der "Alex" ja so ziemlich der ungastlichste Platz ganz Europas.

Dabei hatten sich die DDR-Oberen alles so schön vorgestellt: Die Architekten, die damals mit dem Bau betraut waren, sprechen noch heute von einem "Ensemble", wenn sie von ihrer Betonwüste reden. "Wir wollten besser sein als Corbusier", erinnert sich einer der damaligen Bauherren in der "Straße Nummer Eins".

Dieses Fernsehspiel porträtiert nicht nur das Haus und seine Erbauer, sondern vor allem die rund 900 Personen, die heute darin wohnen. Viele unterschiedliche Charaktere wohnen in einem Haus: In der einen Wohnung lebt ein Mann mit einem künstlichen Kamin in seinem Wohnzimmer und einem schneeweißen Teppichboden, auf dem ein lebensgroßer Stoff-Tiger sitzt. In der anderen ein altes Ehepaar, das auf dem Mufuti (DDR-Deutsch für: Multifunktionstisch) Kaffee und Kuchen serviert.

"Sie können sich nicht vorstellen, was das bedeutet hat, als wir die Wohnung bekommen haben", sagt einer der ersten, die hier in den 70er Jahren einziehen durften. In der Tat. Das kann sich heute niemand mehr vorstellen, was das damals bedeutet hat.

Im Grund sind Plattenbauten ja nichts DDR-spezifisches. Corbusier war Franzose, und auch im Westen wurden nach dem Krieg schöne alte Stadtteile durch neuartige Betonburgen ersetzt. Im Osten wurde es jedoch noch vehementer durchgezogen, weil "Arbeiterschließfächer" so gut mit dem "sozialistischen Menschenbild" korrespondierten.

Und die Menschen, die 16 Jahre nach der DDR noch immer glücklich in diesem Ost-Musterbau leben, bestätigen (bei beängstigend wenigen Ausnahmen) viele Vorurteile gegenüber der geistigen Verformung des Homo Sowjeticus. Ihre Sprache hat sich nicht verändert: Sie reden noch immer von Drei-Raum-Wohnungen (statt Drei-Zimmer-Wohnungen) oder erwähnen den "Gründungstag der Republik". Einer sagt über die Bauplanungen in den 70ern: "Der Mensch hat die und die Bedürfnisse. Und wir als Staat DDR zeigen, daß wir dafür zuständig sind." Nirgendwo auf der Welt ist der Staat für das Wohnbedürfnis seiner Bürger zuständig. Außer in einem kommunistischen Vorzeigestaat á la DDR.

Die Alteingesessenen in der Straße Nummer Eins fühlen sich heute noch wohl. "Daß die Platte negativ ist, kam uns noch nie in den Sinn", sagt eine ehemalige Journalistin, die überglücklich alte Bilder zeigt, auf denen sie mit SED-Boß Günter Schabowski zu sehen ist. "Ich habe meine DDR wirklich geliebt", faßt sie zusammen. Sogar mit der Blockwartmentalität haben sich die Einwohner schon lange angefreundet. Einer sagt stolz: "Das muß eine Gesellschaft erst einmal schaffen, daß Leute, die Miete zahlen, trotzdem selbst renovieren." In einer Gesellschaft, in der es ein Recht auf Eigentum gibt, war das nie ein Problem. Ein Häuslebauer wird immer dafür sorgen, daß seine eigenen vier Wände in Schuß sind. Aber das sind Gedankengänge, die den Horizont der Plattenbaubewohner bei weitem übersteigen.

Es gibt nur wenige Ausnahmen in der Straße Nummer Eins. Die neu Zugezogenen natürlich, die Jüngeren. Oder die Schriftstellerin Helga Schubert. Sie war schon damals Regimegegnerin. Ihre Nachbarn hat sie bei den Anti-SED-Demonstrationen im Herbst 1989 aber vergeblich gesucht. Dafür waren diese Nachbarn am 18. März 1990 alle wählen: Der ganze Stimmbezirk votierte fast geschlossen PDS. Straße Nummer Eins war eben ein Bonzenhaus.

Die schönste Stelle der ganzen Dokumentation ist die, als Helga Schubert über eine Wiese außerhalb der Stadtmauern schlendert. Endlich macht der Zuschauer einmal einen optischen Ausflug aus dem Grau der häßlichen Betonburg.

Das saftige Grün ist wie Urlaub für die Augen. Auch wenn sie ihre tragische Bespitzelung im Stasi-Staat schildert. Die hat 14 Jahre gedauert - von 1975 bis zum Zusammenbruch des Stasi-Staates.

Bei Erich Mielke galt Schubert als "feindlich-negative" Kraft. Für sie war die DDR eine große "geschlossene Psychiatrie".

Das kleine Fernsehspiel: "Straße Nummer Eins" von Oliver Päßler, am 13. November, um 0.55 Uhr im ZDF


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