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11.11.06 / Tanzen in der Terrorschule / Wenn der Rütlischüler zum Regelfall wird

© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Tanzen in der Terrorschule
Wenn der Rütlischüler zum Regelfall wird
von Markus Schleusener und Sverre Gutschmidt

Die Bäume vor der Rütlischule sind so gut wie entlaubt. Ansonsten hat sich nicht viel geändert seit dem letzten Frühjahr. Im März war das ganze Land geschockt, als Nachrichtenbilder vom Pausenhof der "Terrorschule" gesendet wurden. Vorher hatten die Lehrer um Hilfe gebeten - Hilfe gegen ihre schwer gewalttätige Schülerschaft.

In einem ersten Anfall von Aktionismus wurden Polizeistreifen zur Rütlischule geschickt. Zudem besetzte Schulsenator Klaus Böger endlich den vakanten Posten des Schulleiters, den "schwersten Job Deutschlands", wie die "Bild"-Zeitung damals meinte. Der neue Direktor Helmut Hochschild gab erst einmal eine Pressekonferenz - auch ein ganz und gar ungewöhnliches Ereignis.

Hochschild wurde der Öffentlichkeit als "Macher" präsentiert. Als jemand, der "seine" Hauptschule in Reinickendorf erfolgreich geführt habe. Trotzdem war von Anfang an klar, daß er nur eine Übergangslösung sein sollte. Immerhin: Es ist ihm gelungen, weitere Negativschlagzeilen zu unterbinden. Als vor drei Wochen die Herbstferien zu Ende waren, kam der nun "Neue". Aleksander Dzembritziki war bisher an einer Hauptschule in Schleswig-Holstein.

Nur mit größtem Einsatz gelingt es den Lehrern die Lage unter Kontrolle zu halten. Für die friedlicheren Schüler gibt es ein Sing- und Tanzprogramm, mit dem Schüler inzwischen schon einmal öffentlich aufgetreten sind. Um die weniger ruhigen Schüler, vor allem arabischstämmige Grobiane ("Ey, Alter, ich hau dich Fresse") kümmern sich drei Sozialarbeiter und ein privater Wachschutz, der durch die Schule patrouilliert.

Die Gewalt sei noch immer da, berichtete Vorgänger Holzschild zum Abschied - wieder gab es eine Pressekonferenz. Und auch sein Nachfolger Dzembritzki bestätigt, daß "aufwendig inszenierte Vier-Wochen-Projekte wie Musicals kein Rezept auf Dauer" seien. Vom Senator verlangte er, die Presse von der Schule fernzuhalten. Niemand soll erfahren, was in der Rütli vor sich geht. Damit steht die Schule wieder genau an der Stelle, an der die Lehrer vor Monaten ihren Brandbrief formuliert haben. Der Unterschied besteht darin, daß die Stadt jetzt höhere Kosten für Sozialarbeiter und Wachleute hat.

Berlin setzt sich also nur theoretisch mit neusten Forschungsergebnissen zur Gewalt an der Schule auseinander, veröffentlicht Richtlinien und wissenschaftliche Texte. Praktische Erziehung kann so nicht greifen. Ein Richtungswechsel hin zu einer verbindlichen Ordnung für alle ist angesichts der allgegenwärtigen ideologischen Denksperren offenbar nicht mehr vorstellbar.

Daß "Motivation zum Lernen und Regelneinhalten", wie es im Rütli-Schul-Deutsch heißt, gerade bei Schulverweigerern erzwungen und nicht nur freiwillig mit Sozialarbeiterhilfe aufgebracht werden kann, geht aus den pädagogischen Projekten seit den fatalen Tagen im Frühjahr nicht hervor. Zielgerichtete Prävention findet wenig statt. "Die Wirklichkeit scheitert oft daran, daß die Jugendlichen, die am dringendsten eine Hilfe nötig hätten, durch das Netz schlüpfen und die Behörden nicht gut zusammenarbeiten", so der Tübinger Kriminologe Hans-Jürgen Kerner zum Thema Jugendgewalt allgemein. "Wenn man in einer Gruppe ist, steigt die Gewalt", so Kerners Beobachtungen.

Diese Gruppen Jugendlicher erfahren seitens der Politik kaum Grenzen mehr - die Rütli-Schule ist da kein Einzelfall. Die vor allem von Integrationsunwilligen dort herbeigeführten Zustände zeigen, was auch Kriminologen des oft zitierten Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) sowie die Beobachtungen der neuen Shell-Studie "Jugend 2006" bestätigen: Die Art der Straftaten hat sich massiv verändert, nicht so sehr die Menge. Entscheidend ist somit, daß Hemmschwellen sinken.

Laut Shell-Studie gaben bei bundesweiten Befragungen 22 Prozent der Schüler aller Schulformen an, in den letzten zwölf Monaten in eine Schlägerei verwickelt gewesen zu sein. "Im Zusammenhang betrachtet sind darüber hinaus statistisch signifikant und überproportional häufig Hauptschüler sowie Jugendliche, die befürchten, den angestrebten Schulabschluß nicht zu erreichen, in Schlägereien verwickelt", so das Papier.

Unter den derart auffälligen Jugendlichen sind die ausländischen häufiger, als es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht. Zirka zehn Prozent der unter 25jährigen haben eine ausländische Staatsangehörigkeit. Unter allen ausländischen Verurteilten sind über 32 Prozent unter 25 Jahre alt, bei Körperverletzung sogar 47 Prozent. Mit "Diskriminierung" lassen sich diese Mißverhältnisse kaum erklären, auch wenn die Shell-Jugend-Studie dies nahe legt: "Des Weiteren handelt es sich (bei in Schlägereien Verwickelte, Anm. d. Red.) überproportional häufig um Jugendliche, die sich wegen ihrer Nationalität oder auch wegen ihres Alters oft diskriminiert fühlen."

Sicher ist Verständnis für "Ausgrenzungserfahrungen", auch soziale, wie Jugendforscher sie attestieren, gefordert. Nur was ist mit den Intensivtätern, die nicht nur statistisch durchs Raster fallen? - sie sind und bleiben eine Minderheit und können doch eine Schule, vielleicht sogar eine Schulform wie die der Hauptschule kippen, wenn ihnen nichts entgegengesetzt wird.

 

Zeitzeugen

Rudolph William Louis Giuliani (62) - Der republikanische US-Politiker wurde als umsichtiger Bürgermeister von New York nach den Terroranschlägen des 11. September bekannt. Schon mit dem Amtsantritt 1994 (Bürgermeister bis 2001) ging er konsequent gegen Gewalt und Vandalismus vor ("Nulltoleranzstrategie"). New York wurde sicherer, die Kriminalitätsrate sank in acht Jahren um über 50 Prozent, ein wirtschaftlicher Aufschwung setzte ein.

Ronald B. Schill (47) - Der Ex-Innensenator von Hamburg erreichte mit seiner rechtskonservativen "Schill-Partei" 2001 bei den Bürgerschaftswahlen aus dem Stand 19 Prozent der Stimmen. Er sprach sich schon vor Gründung der Partei (offiziell "Partei Rechtsstaatliche Offensive") als "Richter Gnadenlos" für harte Strafen aus - auch gegen Jugendliche sowie gegen Drogendealer.

Claudia Roth (51) - Auf das Rütli-Debakel reagierte die Grünen-Vorsitzende mit Kritik am politischen Gegner: "Mit ihrer Haltung hat sie (die CDU, Anm. d. Red.) eben jene Zustände, etwa die an der Berliner Rütli-Schule heraufbeschworen." Kritik an Multikulti verbat sie sich, Deutsch als Pflicht-Sprache auf Schulhöfen auch.

Claudia Roth (51) - Auf das Rütli-Debakel reagierte die Grünen-Vorsitzende mit Kritik am politischen Gegner: "Mit ihrer Haltung hat sie (die CDU, Anm. d. Red.) eben jene Zustände, etwa die an der Berliner Rütli-Schule heraufbeschworen." Kritik an Multikulti verbat sie sich, Deutsch als Pflicht-Sprache auf Schulhöfen auch.

Christian Pfeiffer (62) - Der Kriminologe und SPD-Politiker steht dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen vor und ist Hauptstichwortgeber in Fragen der Gewaltforschung. Von 2000 bis 2003 war Pfeiffer zudem Justizminister Niedersachsens. Er betont den Vorrang der Prävention im Kampf gegen Kriminalität, gilt als Gegner "autoritärer Erziehung". Im Joseph-Fall im sächsischen Sebnitz stützte er die These einer "rechten Gewalttat", es war aber, wie sich herausstellte, ein Unfall.


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