22.06.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
11.11.06 / ... und wer schützt uns Senioren?

© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

"Moment mal!"
... und wer schützt uns Senioren?
von Klaus Rainer Röhl

Am vergangenen Freitag war der Tag des Kindes! Behauptete das Radio. Es war aber der Welttag des Mannes. Der Kindertag ist eigentlich am 20. September. Es gibt fast jeden zweiten Tag in der Woche einen Welt-Sowieso-Tag. Es gibt einen Tag der Frauen, den Anfang des 20. Jahrhunderts von Anne Jarvis erdachten und von der amerikanischen Süßwarenindustrie und den Blumengeschäften freudig begrüßten "Muttertag".

Im Ostblock wurde dafür der Weltfrauentag gefeiert (1910 von der späteren deutschen Kommunisten-Führerin Klara Zetkin gefördert), inzwischen gibt es den Tag der Umwelt, den Welt-Vegetariertag, den Tag des Waldes, den Weltwassertag, den Tag der Arbeit, den Welttag für Nichtraucher, den Welttag des Versuchstiers, des aussterbenden Zwerghuhns, des Fischreihers, der Wölfe, der javanischen Schildkröte, und der anderen bedrohten Tiere.

Aber: Gibt es auch einen weltweiten Tag der Alten? Tatsächlich gibt es laut Beschluß der Uno einen Internationalen Tag für ältere Menschen, ins Leben gerufen noch unter Kofi Annan. Der ist ja nun auch bald im Ruhestand und sieht dank der vielen Pannen in der Uno auch glaubwürdig alt aus. Aber man hört nichts von den weltweiten, internationalen Alten.

"Frauenfeindlich" kann nahezu jeder Mann sein, den Frau dafür erklärt. Es genügt, zu sagen, "Sie sehen heute aber gut aus!" Mehr als 20000, zum größten Teil festangestellte sogenannte Frauenbeauftragte (neudeutsch: "Gender"-Beauftragte) wachen inzwischen über die strikte Einhaltung nicht etwa nur der Gleichberechtigung, sondern über die (im Zweifelsfall) Bevorzugung der Frauen bei der Einstellung - und Beförderung - in Büro und Betrieb. Hier gibt es die groteskesten Auswüchse der politischen Korrektheit.

Was ist aber mit einem Arbeitgeber, der einen 50jährigen schon nicht mehr einstellen will, weil er einen jüngeren Bewerber hat? Was ist mit unserem Gesetzgeber, der seit fünf Jahren die im Gesetz garantierte Rentenerhöhung entsprechend der Entwicklung der Löhne ablehnt und sie entweder auf Pfennigbeträge reduziert oder "Null-Runden" verordnet, die bei der Preisentwicklung jährlich eine reale Einkommenseinbuße bedeuten? Unsere Frage lautet: Gibt es auch Altenfeindlichkeit?

Es gibt sie, und zwar in hohem Maße. Nur gilt sie nicht als Verstoß gegen das politisch korrekte Verhalten. Sie ist in unseren dicht besiedelten Großstädten fast schon die gesellschaftliche Norm geworden. Während in anderen Ländern mit noch traditionellen Gesellschaften wie zum Beispiel Estland, Griechenland, vor allem in China und Japan, alte Menschen respektvoll und höflich behandelt werden, sehr alte Mitbürger manchmal sogar geradezu achtungsvolle Verehrung genießen, gibt in unseren Großstädten grobe Behandlung, negative Anspielung auf das Alter oder sogar Anrempeleien, wie "He Alter, geh mal aus dem Licht."

Einem sichtbar älteren Autofahrer beim Einparken auf dem Parkplatz kann es passieren, von ungeduldigen Fahrern angemotzt zu werden: "He, Alter, laß Dir Deinen Führerschein wiedergeben."

Sollen ältere Leute überhaupt noch Autofahren dürfen? Müntefering, als er noch SPD-Vize war, wollte es 1998 nicht, sondern plädierte für den Verfall des Führerscheins mit 65. Jetzt muß er, nach acht Jahren und mehreren öffentlich wahrgenommenen Schwächeanfällen, selber aufpassen, nicht durch den Rost zu fallen, wenn sein Dienstwagen ihm einmal nicht mehr zur Verfügung stehen wird.

Die Reaktionsgeschwindigkeit der Jugendlichen ist in der Tat höher, ihre Neigung zu Geschwindigkeitsüberschreitung auch, die Unfallstatistiken zeigen es. Alte fahren vorsichtig, behutsam, manchmal etwas langsamer, werden deshalb brutal angehupt. He Alter, was kuckst Du? Verpiß Dich!

Da steht ein alter Herr in der Schlange vor dem Supermarkt. Drängt sich ein abgehetzter, nervöser junger Mann vor ihn, "He, Mann, mußt Du unbedingt jetzt am Feierabend einkaufen, wenn ich von der Arbeit komme? Du hast doch den ganzen Tag über Zeit, in den Supermarkt zu gehen!"

Das sind Ausnahmen, die aus dem großstädtischen Unterschichten-Milieu in Berlin oder Köln stammen. Nicht böse gemeint. Schlechte Kindheit gehabt. Doch empfiehlt es sich, in Berlin-Kreuzberg oder am Kölner Eigelstein, still seines Weges zu gehen und keine Gegenrede zu riskieren. Die latente Aggression kann schnell auf den Schwächeren umschlagen. Und dieser Schwächere ist eben nicht nur der Andersfarbige, der Zigeuner, der Türke, der Pakistani, der Behinderte, die Frau. Es ist auch der Ältere, dessen Äußeres Aggressionen auslösen kann. Es kann wahrgenommen werden wie die andere Hautfarbe, der andere Gesichtsschnitt, der südliche Teint, der Schwule, die Frau. Das gesellschaftliche Klima ist vergiftet und altersfeindlich. Es gibt eine Art Apartheid.

Das gleiche Bild in der Werbung. Die finanzkräftige Werbeindustrie, die hauptsächlich Kosmetika, Mode und Autos bewirbt, wendet sich an Leute unter 50, in vielen Fällen sogar an Menschen zwischen 16 und 35. Nur Zeitschriften, die hauptsächlich in der Provinz verbreitet sind, und billige TV-Zeitschriften bringen die typische Altenwerbung: simple "Kreuzfahrten", Treppenlifte, Badewanneneinsätze, Rheumadecken und pflanzliche Heiltröpfchen aller Art.

Dazu kommt in Deutschland und Österreich die Verdächtigung, alle Alten seien Nazis gewesen. Wer heute 78 Jahre ist, war damals 16 und also Flakhelfer, Blitzmädchen oder bereits Soldat. Dazu waren wir einberufen. Du alter Sack, du Nazi, schreien die Antifa-Demonstranten, wenn sie die Mülltonne oder die Telefonzelle in Brand stecken und jemand von uns sie davon abbringen möchte. Aber nicht nur die Punks und Antideutschen sind extrem altenfeindlich. Die Bevormundung der Alten beginnt bereits bei der Gesetzgebung und bei der veröffentlichten Meinung von Ärzten. Schon vor zehn Jahren stand in dem berühmten, gegen die Pharma-Industrie gerichteten Ratgeberbuch "Bittere Pillen" bei Kiepenheuer & Witsch schön klein geschrieben, ob es zum Beispiel bei älteren Patienten überhaupt noch sinnvoll sei, Medikamente gegen Bluthochdruck zu verschreiben, da skandalöserweise von 25 Millionen Rezepten gegen Bluthochdruck 60 Prozent (14 Millionen) für Personen über 60 ausgegeben wurden. Also, ab einem gewissen Alter keine Medikamente mehr. Lohnt nicht. Ist ja auch ein Problem: Da wird für 3200 Euro ein hochempfindliches, ultrakleines, kaum sichtbares Hörgerät angeschafft, zwei Monate später stirbt der Mann und sein kostbares Gerät ist hin. Sie vergessen nur eins, meine Reformer: Daß der Patient sein Hörgerät selber bezahlt hat, auch wenn es die Krankenkasse "bewilligt", sie hat es ihm ja nicht geschenkt. Für diese Kasse hat er jahrzehntelang, seit seiner frühen Jugend, Beiträge einbezahlt.

Man muß zweimal hinsehen, um die Altenfeindlichkeit zu erkennen, sie tarnt sich oft als Wohlwollen. "Na, Sie sollten jetzt aber nicht mehr Auto fahren?" "Nein. Sie sehen ja noch ganz gut aus (für Ihr Alter)." "Jetzt sollten Sie aber kürzer treten." Ganz unappetitlich wird es, wenn etwa von Liebe im Alter die Rede ist. Zum Beispiel schreibt der 63jährige Kolumnist Franz Wagner an den Schlagerkomponisten Ralph Siegel ("Ein bißchen Frieden"), der mit 61 eine jüngere Frau heiratete, in "Post von Wagner" in "Bild" ganz brutal, "die Jahre haben schon reichlich Spuren hinterlassen in Ihrem Haar, Ihrem Gesicht. Ihre Braut ist ein Pfirsich!" Dann mahnt der Kolumnist scheinbar liebevoll seine über vier Millionen Leser: "Wir sollten keine Viagra-Witze machen, wenn ein 61jähriger verliebt ist." Wo leben wir eigentlich? In Deutschland, im deutschen Blätterwald.

Wenn aber der oder die Alterchen nun allein leben? "So eine schöne, große Wohnung", betonen die Kinder wiederholt, die aber keineswegs in die Wohnung zu den Alten ziehen wollen, und wenn das erst Mal ein Zeitschriftenvertreter oder Zigeuner an die Tür klopft und viel zu viel Geld bekommen hat und die Adresse natürlich an der Haustür markiert und weitergegeben hat, dann kommt der Moment, wo der Opa ins Gebet genommen wird: Wollen wir nicht lieber ein gemeinsames Konto einrichten? Vielleicht hat die ostpreußische Familie auch viel Geld gespendet für ein Schulprojekt in Königsberg oder einen Kindergarten in Lyck. In den Augen der Erben, die vielleicht gar nichts mehr mit Ostpreußen zu tun haben wollen, viel zu viel Geld. Aufgepaßt! Rechtzeitig und bei voller, vom Arzt attestierter geistiger Gesundheit notarielle Verfügung treffen gegen alles, was Ärger macht. Die Zeit ist strukturell altenfeindlich. Bekanntlich kann eine Mutter sieben Kinder ernähren, aber sieben Kinder nicht ihre Mutter. Die schicken sie vielleicht erst mal zum Sozialamt, Stütze abholen.

Wenn Ihre Kinder und Enkelkinder nicht so denken, haben Sie sie liebevoll und gut erzogen. Glückwunsch.

Foto: Von der Gesellschaft nicht akzeptiert: Alte Leute sind für viele Ballast. (pa)


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren