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11.11.06 / Später Ruhm für einen großen Denker / "Über den Willen in der Natur": Arthur Schopenhauers Deutung des Lebens

© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. November 2006

Später Ruhm für einen großen Denker
"Über den Willen in der Natur": Arthur Schopenhauers Deutung des Lebens
von Rüdiger Ruhnau

Lange Zeit dachte Schopenhauer daran, eine erweiterte zweite Auflage seines Hauptwerkes zu editieren. "Die Welt als Wille und Vorstellung", ein dickes Buch von 750 Seiten, hatte der Verleger F. A. Brockhaus schon 1819 in Leipzig herausgebracht. Inzwischen waren 17 Jahre vergangen, die Tage- beziehungsweise Manuskriptbücher des Philosophen zu acht dickleibigen Quartbänden angewachsen. Mithin war es an der Zeit, die Stellungnahme der empirischen Wis-

senschaften, welche Schopenhauers Philosophie erfahren hatte, in erweiterter Form einer interessierten Öffentlichkeit vorzustellen. Groß war die Enttäuschung, als der Verleger Brockhaus schrieb, daß niemand in den letzten Jahren nach dem Hauptwerk gefragt habe, so daß, bis auf 50 Exemplare, alle anderen zur Makulatur gemacht worden waren.

Schopenhauer hatte in schärfster Form gegen das "philosophische Gewerbe", wie er die beamteten Universitätsprofessoren zu benennen beliebte, polemisiert. Besonders seinen "Lieblingsgeg-ner", Friedrich Hegel, nahm der Danziger Denker aufs Korn. Er geißelte die Hegelsche "Afterlehre": Den "feilen Philosophastern, welche den Regierungen nach dem Maule philosophieren, wollte er den Markt verderben und den Kredit entziehen." Diese offene Kriegserklärung an die staatstragende Universitätsphilosophie war natürlich sehr unklug. Friedrich Hegel besaß starken Rückhalt beim preußischen Kulturminister, Freiherr vom Stein zum Altenstein, welcher der Hegelschen Staatsphilosophie den Boden bereitet hatte. Derselbe Professor Hegel, Nachfolger Fichtes auf dem Berliner Lehrstuhl der Philosophie, war es übrigens, der die Bewerbung Schopenhauers maßgebend beurteilt hatte, diesem die venia legendi erteilte, das Recht, an einer Universität Vorlesungen zu halten. Schopenhauer, eigensinnig wie er war, hatte sein Kolleg zum gleichen Zeitpunkt angekündigt wie der berühmte Hegel. Es kam, wie es kommen mußte. Die Kommilitonen gingen lieber zu Hegel, der die Prüfungen abnahm, als zu dem Privatdozenten Arthur Schopenhauer, dessen Zuhörerzahl immer kleiner wurde. Zwar kündete das Berliner Vorlesungsverzeichnis noch jahrelang an, daß Dr. Schopenhauer "Die Grundlagen der Philosophie oder die Theorie der gesamten Erkenntnis mit Einschluß der Logik priva-tim zu lesen gedenke", aber verbittert mußte der junge Privatdozent erkennen, daß niemand seine Philosophie hören mochte. Die sauber geschriebenen Vorlesungsmanuskripte sind bis heute vollständig erhalten geblieben.

Schopenhauer, finanziell abgesichert, resignierte. Vielleicht war es gut so, daß aus der angestrebten Professur nichts wurde. Er, der sich nur der Wahrheit verpflichtet fühlte, brauchte mit seinem tiefschürfenden Gedankengut auf niemand Rücksicht zu nehmen. Es ist bekannt, wie Immanuel Kant, der die revolutionäre Geistesfreiheit auch für sich beanspruchte, angedroht wurde, ihm würden "bei fortgesetzter Renitenz unangenehme Verfügungen treffen".

Friedrich Wilhelm II., ein Neffe Friedrichs des Großen, hatte durch ein Religions- und Zensuredikt die friderizianische Geistesfreiheit für beendet erklärt. Wohl fügte sich der Königsberger Philosophieprofessor der königlichen Bestimmung, aber zu einem Widerruf war er nicht bereit. In Kants Nachlaß fand sich ein Entwurf zu seiner Rechtfertigung, in dem es unter anderem heißt: "Wenn alles, was man sagt, wahr sein muß, so ist es darum auch nicht Pflicht, alle Wahrheit öffentlich zu sagen." Diesem Druck war Arthur Schopenhauer, dank seines väterlichen Erbes, nicht ausgesetzt. Er konnte in seinem vor 170 Jahren herausgegebenen Werk "Über den Willen in der Natur" jenes schreiben, was das Ergebnis eines jahrzehntelangen Denkens ausmachte.

Wenn die moderne Naturwissenschaft die Entstehung des Lebens oder die des Kosmos zu deuten versucht, dann gelangt sie aufgrund des Kausalitätsprinzips bald an eine Grenze, hinter der ein experimenteller Beweis nicht mehr möglich ist.

Da aber jedes Naturgesetz jederzeit beweiskräftig reproduzierbar sein muß, beginnt an dieser Grenze das Metaphysische oder mit anderen Worten: Wo die Natur-

wissenschaften enden, beginnt die Philosophie.

Das berühmte "Ding an sich" des Königsberger Philosophen ist bei dem Danziger der "Wille". Er allein ist das "wahrhaft Reale, allein Ursprüngliche und Metaphysische in einer Welt, wo alles übrige nur bloße Vorstellung ist".

Unter "Weltwille" versteht Schopenhauer den Urtrieb, der alles organische Leben beherrscht und in der Erhaltung der Gattung seine Erfüllung findet.

Schopenhauer meinte mit "Wille" nicht das vom Individuum bewußte Wollen, sondern er verstand darunter beispielsweise jenen Vorgang des Atmens oder des Wachsens, der unbewußt vom vegetativen Nervensystem gesteuert wird. In die moderne Sprache der Chemie übersetzt heißt dies: Es gibt keinen Gegenstand, sei er organischer oder anorganischer Natur, der in absoluter Ruhe verharrt.

Jede Materie - und außerhalb dieser gibt es nichts - ist aus Atomen zusammengesetzt. In jedem Atom ist eine dauernde Bewegung vorhanden, sowohl bei den Nucleonen innerhalb des Atomkerns wie auch der Elektronen in der Atomschale.

Aus einer Vielzahl von Atomen besteht die DNS (Desoxiribonukleinsäure). Daß in den Genen die Sequenz (Reihenfolge) der DNS die Erbanlage jedes Lebewesens bestimmt, gehört zu den wichtigsten Entdeckungen der Biochemie. Für den Beginn des Lebens auf unserer Erde war das Vorhandensein organischer Materie die Voraussetzung. Vor etwa vier Milliarden Jahren bildeten sich so günstige Bedingungen, daß einfache Aminosäuren entstanden, Grundbausteine der Proteine, die wiederum Voraussetzung für das Entstehen einer lebenden Zelle sind.

Dem Engländer Charles Darwin blieb es vorbehalten, für die Entstehung der Arten eine Begründung zu finden. Er erklärte die Evolution durch mechanistische Selbstorganisation der Materie. Die Mittel, deren sich die Natur hierbei bedient, sind die Mutation und die Selektion, wobei sich die Evolution in winzigsten Schritten vollzieht. Beide, Mutation und Selektion, sind aber nicht deterministisch von der Natur festgelegt, das heißt, es besteht keine notwendige Vorherbestimmtheit für den Evolutionsprozeß.

Dieser Darwinistisch-molekularen Evolutionstheorie steht die Meinung der Theisten gegenüber. Sie plädieren für einen Anfang, der nur durch einen Schöpfungsakt erklärbar ist. Ein Schöpfungsakt im Sinne der Theisten würde bedeuten: Ein außerhalb der Materie herrschender Wille hat die Weichen für eine bestimmte Entwicklung gestellt, was allerdings mit naturwissenschaftlichem Wissen unvereinbar ist. Einen Geist ohne Materie gibt es nicht, jeder Denkprozeß ist an Materie gebunden.

In der 1836 herausgegebenen Schrift "Über den Willen in der Natur" (Verlag S. Schmerber, Frankfurt am Main) nennt Schopenhauer im Untertitel die Absicht seines Buches, nämlich "eine Erörterung der Bestätigungen, welche die Philosophie des Verfassers, seit ihrem Auftreten durch die Naturwissenschaften, erhalten hat". In 500 Exemplaren, auf eigene Kosten gedruckt, nahm das Buch vieles vorweg, was die empirischen Wissenschaften bestätigten. Spät, aber nicht zu spät, erreichte den einsamen Denker der Ruhm.

Erkenne dich selbst - nach dieser Lebensmaxime hat Arthur Schopenhauer sich bemüht, das Zusammenleben mit anderen Menschen zu meistern und sich in der Welt zurechtzufinden. In autobiographischen Skizzen und Gedankensplittern hielt er alles das fest, was ihm wichtig war. Franco Volpi hat nun diese Texte, die als verschollen galten, rekonstruiert und in einem Buch zusammengefaßt (Verlag C. H. Beck, München 2006, 128 Seiten, brosch., 7,90 Euro). Dieses "Journal intime" wirft einen neuen Blick auf den Philosophen aus Danzig. o-n


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