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18.11.06 / Lichtgestalt vor dunklem Hintergrund / Sie war die Landesmutter Preußens in seinen wohl schwärzesten Stunden

© Preußische Allgemeine Zeitung / 18. November 2006

Lichtgestalt vor dunklem Hintergrund
Sie war die Landesmutter Preußens in seinen wohl schwärzesten Stunden

Königin Luises Tragik liegt vor allem darin, daß sie an der Seite des nicht unsympathischen und auch nicht dummen, aber in seinem Amt überforderten Königs Preußens vielleicht schwärzesten Stunden durchleben mußte, ohne daß es ihr im Gegensatz zu ihrem Ehemann und ihrem Volk vergönnt gewesen wäre, den auch mit ihrer Hilfe und ihrem Zutun bewirkten und ermöglichten Wiederaufstieg zu neuer, ungeahnter Größe zu erleben.

Wie ihr Land mußte sie den Schock der am 14. Oktober 1806 erlittenen Doppelniederlage von Jena und Auerstedt (siehe PAZ Nr. 41) verwinden, die um so schlimmer war, als sie im diametralen Gegensatz zur Selbsteinschätzung des preußischen Offizierskorps stand. Die Armee lebte bis dahin in der irrwitzigen Vorstellung, die tatsächliche Überlegenheit aus der Zeit Friedrichs des Großen ungeachtet der Französischen Revolution durch die Beibehaltung der Formen konserviert zu haben. Möglich wurde dieser Realitätsverlust nur dadurch, daß die Armee sich seit den Zeiten des Alten Fritz keiner ernsthaften Bewährungsprobe mehr hatte stellen müssen, was den zusätzlichen Nachteil fehlender Kampferfahrung mit sich brachte.

Dem übertriebenen Optimismus vor Jena und Auerstedt stand nach der Doppelschlacht ein übertriebener Pessimismus gegenüber, der verheerende Folgen für die Kampfmoral hatte und zu einer Kette militärisch unnötiger Festungsübergaben führte. Nur eines von vielen Beispielen ist die Festung Erfurt. Als Napoleons Marschall und Schwager Joachim Murat am 15. Oktober mit seiner Kavallerie vor ihr auftauchte, war er ohne Infanterie und Artillerie. Währenddessen standen in der Festung 10000 Preußen einschließlich entsprechender Vorräte an Munition und Lebensmitteln zur Verteidigung bereit, die allein in der Zitadelle auf dem Petersberg über 65 Kanonen verfügten. Und trotzdem ließ Prinz Wilhelm von Oranien noch in der darauffolgenden Nacht die Festung den Franzosen ausliefern, ohne auch nur einen Schuß abgefeuert zu haben.

In der Hauptstadt Berlin war die Lage nicht besser. Hier verhinderte der Gouverneur den Abtransport von 40000 nagelneuen Gewehren aus dem Zeughaus mit der bemerkenswerten Begründung, daß "dies die in einigen Tagen zu erwartenden Franzosen übelnehmen könnten". Angesichts dieses Geistes kann es nicht verwundern, daß Napoleon keine zwei Wochen nach Jena und Auerstedt bereits in Berlin einziehen konnte.

Der König konnte sich zwar mit Luise und den Kindern dem Zugriff des Korsen durch Flucht nach Memel entziehen, doch sieht er sich schließlich zum Friedensschluß genötigt. Der Tilsiter Frieden vom 7. Juli 1807 war ähnlich dem Versailler ein Siegfrieden. Er war geeignet, Preußen auf unabsehbare Zeit um Wohlstand, Großmachtstatus und Unabhängigkeit zu bringen. Nur dank der Intervention des Zaren, der zwischen sich und dem unersättlichen Empire einen Pufferstaat wünschte, blieb Preußen überhaupt als Staat existent.

König Friedrich Wilhelm III. dankte es Zar Alexander I. schlecht. So wie zuvor schon an Napoleons Kontinentalsperre gegen Großbritannien beteiligte er sich 1812 auch an dessen Rußlandfeldzug. Den Krieg ihres Landes an der Seite des napoleonischen Frankreich gegen das Reich des von ihr so sehr geschätzten Zaren mitzuerleben blieb Luise jedoch erspart. Zwei Jahre vor dem Bruch zwischen Berlin und Moskau verstarb sie plötzlich und unerwartet nach kurzer, schwerer Krankheit auf dem Sommersitz ihres Vaters bei Neustrelitz. M. Ruoff


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