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18.11.06 / Zurück zur Natur - und der Strom kommt aus der Steckdose

© Preußische Allgemeine Zeitung / 18. November 2006

"Moment mal!"
Zurück zur Natur - und der Strom kommt aus der Steckdose
von Klaus Rainer Röhl

Wir wollen Frieden auf lange Dauer. Nieder mit Strauß / Nieder mit Adenauer! Keine Raketen, keine Atome!" Angeblich sollen Hamburger Hafenarbeiter diesen Spruch auf Transparenten mitgeführt haben, und kein Geringerer als Hanns Eissler hatte die Melodie zu diesem Propaganda-Liedchen geschrieben, das die "Friedensfreunde" in der Bundesrepublik begeistert nachsangen. Damals ging es um Atomwaffen, 30 Jahre später ging es den Nachfolgern der Friedensbewegung um Atomkraft. Kernkraftwerke für die Stromversorgung. Auch die sollte die Bundesrepublik nicht bauen dürfen, verkündete die "Friedensbewegung", obwohl man in der DDR, von wo aus diese Bewegung unterstützt und gesteuert wurde, selber ein Atomkraftwerk unterhielt, in Greifswald, vom gleichen Typ wie Tschernobyl. Aber sowjetische Atombomben waren ja "Friedensbomben" und ein Atomkraftwerk im Kommunistenland mußte einfach sicherer sein als ein von den "Konzernen" und "Multis" aus Profitgier ohne Rücksicht auf die Sicherheit der Menschen gebautes Kernkraftwerk in der Bundesrepublik Deutschland. Hauptsache antikapitalistisch. Immer auch anti-amerikanisch.

Der Kampf gegen die Maschinen hatte eine lange Vorgeschichte. Nachdem die Engländer im 19. Jahrhundert mit der Dampfmaschine das industrielle Zeitalter eröffnet hatten und die deutschen Unternehmer sich beeilten, den Anschluß an die stürmische Entwicklung nicht zu verpassen, gab es schon früh auch eine idealistische anti-industrielle Bewegung. Sie fand insbesondere bei deutschen gebildeten Kleinbürgern Anhänger. Die deutschen Denker und Dichter und ihr Publikum, die Oberlehrer und Oberschüler, von "Des Knaben Wunderhorn" entzückt und stets auf Suche nach der blauen Blume, warfen sich mit voller Kraft in den Kampf gegen die Maschinen. Es war ja nicht ihr Problem. Zusammen mit den rückständigen bäuerlichen Schichten kämpften sie, wahrhaftige Vorläufer der heutigen grünen Bürgerinitiativen, gegen die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth. Gegen die "gefährliche" zehn Kilometer in der Stunde zurücklegenden, Dampf und Ruß spuckenden Lokomotiven und das die ganze Landschaft verschmutzende Teufelswerk. Da haben wir schon den Begriff "Umweltverschmutzung". Schmutzig ist der Teufel. Die Natur ist sauber. Die Deutschen wollten es auch sein, nachdem sie, mehr als ein Jahrhundert lang und in immer neuen Ausgaben übersetzt, Rousseaus "Emile oder Über die Erziehung" gelesen hatten, ein Hohelied auf die Verbundenheit mit der Natur. Dann kamen zwei mörderische Weltkriege, die die Industrialisierung, aber auch die industrialisierte Massentötung in ungeahnter Weise vorantrieben. Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Radar, Düsenjäger und Penicillin. Der Preis: zwei Millionen Tote, dann noch einmal 55 Millionen. Die Schüler Rousseaus und der Jugendbewegung aber überlebten und gaben ihre Ideale und Aversionen weiter. Besonders in Deutschland. Warum gerade Deutschland? Wahrscheinlich hat noch niemand ernsthaft untersucht, warum nur bei uns die Grünen aus einer Bewegung für saubere Umwelt zu einer politisch einflußreichen Macht aufsteigen konnten. Gewiß, die Funktionäre wie Trittin, Fischer, Antje Vollmer und viele andere kamen aus den radikal-kommunistischen, sogenannten K-Gruppen (KBW, KB, KPD/ML, Maoisten und "Revolutionärer Kampf"), die sich nach dem Zerfall der 68er gebildet hatten. Sie traten gezielt in die neugegründete Öko-Partei von Naturfreunden und Müsliessern ein, eroberten die Macht und beherrschen die Partei bis heute. Die Basis ist weiterhin grün - und blauäugig. Keine Raketen, keine Atome. In keinem europäischen oder außereuropäischen Land wäre der Aufstieg der Grünen möglich gewesen. In allen anderen Ländern sind sie erst nachträglich gegründet worden und spielen eine untergeordnete Rolle.

Bald nach 1976 waren die Grünen ein nicht mehr wegzudenkender Machtfaktor. Zu allem Überfluß kam, wenige Jahre nach der Etablierung der Grünen, Tschernobyl. Der GAU. Es war zwar keineswegs der "größte anzunehmende Unfall", aber es reichte auch so. Zehntausende Todesopfer. Eine mörderische Strahlendosis und erst nach Jahren auftretende tödliche Folgen für die Bewohner in der unmittelbaren Umgebung und für Tausende von Opfern unter den ohne ausreichende Schutzkleidung und ohne Rücksicht auf Verluste zur Zubetonierung des strahlenden Reaktors abkommandierten "Helden von Tschernobyl". Europaweit meßbare Strahlenschäden bei Tieren und Pflanzen, Schwangeren. Als deren Folge horteten Mütter noch monatelang Magermilchpulver und verzichteten, in Wahrheit ihre eigene Gesundheit und die ihrer Kinder schädigend, auf das Essen frei wachsenden Gemüses und aßen Äpfel und Fleisch und Gemüse nur noch, wenn sie aus Argentinien, Chile oder Australien stammten. Wild und Geflügel schon gar nicht. Argentinische Rindersteaks hatten Konjunktur. Pfifferlinge und Blaubeeren, sonst eine beliebte Importware aus deutschen Ostgebieten, mußten die Polen ein Jahr lang allein essen, bis sich die Panik gelegt hatte. Aber nicht einmal in der Ukraine und den schwer von den Folgen des Reaktorunglücks betroffenen Nachbarländern gab es eine solche von den Massenmedien entfachte und monatelang geschürte Panik in der Bevölkerung wie ausgerechnet in Deutschland, das kein einziges Opfer der Katastrophe zu beklagen hatte.

Waren Deutsche nun besonders besorgt um ihre Kinder und die anderen Völker in Europa leichtsinnig und fahrlässig? Oder waren nicht vielmehr unsere öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehanstalten, Zeitungen und Zeitschriften besonders leichtsinnig und fahrlässig im Verbreiten ungeprüfter Meldungen und Kommentare? Wer erinnert sich nicht an die Fernsehsendungen von Franz Alt, wo vor der Kamera Blümchen und Kräuter welk wurden, weil sie vor dem Kernkraftwerk Stade aufgewachsen waren? Vergebens wehrten sich die Kernkraftbetreiber gegen die offenkundige Panikmache. Wenn sie nach Jahren vor Gericht Recht bekamen, hatten sich die Vorurteile schon verfestigt. Etwas muß ja dran sein, sagten sich die Leute.

Jedenfalls gab Tschernobyl der grünen Anti-Kernkraftbewegung einen außergewöhnlichen Auftrieb, der schließlich dazu ausreichte, bei der Regierungsbildung von 1998 die Abschaltung sämtlicher Kernkraftwerke bei deren Koalitionspartner durchzusetzen. Einmalig in der Welt. Wie unsere ewig ratternden Windmühlen und unser in der Welt einmalig dastehendes Flaschenpfand auf Mineralwasser. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen? War es das?

Von CDU-Unterhändlern und besonnenen SPD-Politikern wurde mit viel Mühe ein zeitlich verzögerter Ausstieg ausgehandelt. Aber der Ausstieg aus der Kernenergie (auch bei den modernsten und sichersten AKWs in spätestens 20 Jahren) war beschlossen und mußte sogar bei der Bildung der Großen Koalition 2005 festgeschrieben werden. Warum ausschließlich in Deutschland? Während die großen Industrienationen und die asiatischen Aufsteigerländer massenhaft Atomkraftwerke bauen? Warum herrscht nur in Deutschland eine fast tägliche Panikmache, die von Horror-Filmen bis zum letzten "Spiegel"-Titelbild reicht? Des Rätsels Lösung: Über Verbreitung von Angst und Panik entsteht Macht. Gleich ob es sich um Angst vor dem Islam-Terrorismus handelt, den sich Bush ausgiebig zunutze machte, oder um Furcht vor der Kernkraft. Die noch verbliebene Macht der Grünen beruht auf der Verbreitung von Angst. Angst, vor dem Schmutz der Lokomotiven von Nürnberg und Fürth. Sauber wollten die Ahnen der heutigen Umweltschützer sein. Sauber sollen wir bis heute sein. Dabei verschmutzen wir täglich mehr die Atmosphäre mit Kohlendioxyd. Saubere Kernkraft ohne Kohlendioxyd-Ausstoß darf es in Deutschland nach dem Willen einer Minderheit nicht geben. Die riesigen Kohle- und Braunkohlekraftwerke von E-on oder RWE arbeiten im Grunde noch mit der gleichen Methode wie die Neandertaler: Kohlenstoff verbrennen und das Kohlendioxyd in die Luft schleudern. Diese Kraftwerke sind Dreckschleudern.

Nun haben aktuell veröffentlichte neue Untersuchungen der "Internationalen Energieagentur" (IEA), die zur OECD gehört, ergeben, daß der weltweit wachsende Kohlendioxyd-Ausstoß insbesondere durch die Wachstumsländer China und Indien und die dadurch verursachte Gefahr einer Klimaveränderung sich noch beschleunigen wird. Einziger Ausweg: Der Ausbau der Kernenergie durch den Bau neuer Atomkraftwerke.

Die Deutschen aber bleiben bei dem von Joschka Fischer versprochenen Ausstieg. Warum? Wegen Emile? Der unversehrten Natur? Wegen der Sauberkeit der Luft? Dann dürfte kein Kohlekraftwerk mehr in Betrieb sein. Wegen der Hoffnung auf "erneuerbare Energien" wie Wind, Sonne und Raps, die mit Ach und Krach und Milliarden-Zuschüssen gerade mal fünf Prozent der Energie liefern? Sie werden nie die Energielücke schließen. Also doch wegen der Abneigung gegen den Kapitalismus? Klar, die Stromkonzerne wollen schweinemäßig viel Geld verdienen. Und die Aufsichtsratsvorsitzenden denken nur an die Dividende für ihre Großaktionäre und nicht an die Erneuerung des Stromnetzes, die lange überfällig ist, was dauernd zu Pannen führt. Dazu machen sich die Manager lächerlich und unbeliebt, indem sie sich selber diese grotesk hohen Gehälter zuschanzen. Klar. Wie das aber mit einer gelenkten Wirtschaft geht, haben uns die Sowjetunion und China 60 Jahre lang gezeigt. Es war Murks, unter Berufung auf Marx. 60 Jahre, das war genug, fanden die Völker der ehemals kommunistischen Staaten. Aber nicht die von der Uni und den Schulen der 68er kommenden guten Deutschen, mit Rousseau unter der Bettdecke und Gandhi im Herzen. Keine Atome, keine Gene. Zurück zur Natur - und der Strom kommt aus der Steckdose. Der gute Deutsche ist industriefeindlich ohne Grund. Er braucht auch keinen. Deutschsein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen tun.


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