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25.11.06 / In die Seele hineinhören / Begegnung mit dem Schauspieler Horst Naumann, der nicht nur auf dem "Traumschiff" zu sehen ist

© Preußische Allgemeine Zeitung / 25. November 2006

In die Seele hineinhören
Begegnung mit dem Schauspieler Horst Naumann, der nicht nur auf dem "Traumschiff" zu sehen ist
von Susanne Deuter

München, Bayerischer Hof. Flotten Schrittes kommt er mir entgegen, ganz der junggebliebene, seit Mitte November 81jährige. Wer sich ein bißchen mit seinem Lebenslauf auskennt beziehungsweise seine Autobiographie gelesen hat, wird sicher nicht in die Lage kommen, in Horst Naumann nur den charmanten Doktor Schröder vom "Traumschiff" zu sehen. Denn so dankbar er für diese Rolle ist, allein darauf festgelegt sein möchte er nicht.

Das gilt für ihn auch als Theaterschauspieler. "Ich bin oft für Dinge, die ich gern gespielt hätte, nicht genommen worden, weil nach dem Äußeren beurteilt wurde. Dieses Urteil ist in unserer Branche so schnell vergeben. Und das ist da, wo ich, ich will nicht sagen Trauer empfinde, aber irgendwie eine arbeitsmäßige Lücke in mir selber spüre, die ich von mir aus allein nicht ausfüllen kann, denn wir sind immer nur Menschen, die genommen oder angefragt werden."

Bis zum 7. Oktober stand Horst Naumann in 53 Vorstellungen Abend für Abend in der Münchner Komödie im Bayerischen Hof auf der Bühne. "Das hab' ich mir als Spaß geleistet." Seine Partner in der kurzweiligen Komödie "Ein Seestern im Garten" waren Hans-Jürgen Bäumler, Christiane Rücker und die junge Tessa Höchtl. Diese sei zu Beginn der gemeinsamen Arbeit in seine Garderobe gehuscht, nur um zu sagen, wie froh sie sei, daß er bei ihnen sei. Eine solche Geste rührt den erfahrenen Schauspieler, hat er sich doch selber als junger Bursche ("Ich hab' Komparserie gemacht") bei älteren Kollegen wie Paul Hoffmann, Erich Ponto und Heinz Klingenberg viel abgeguckt. Das war in seiner Dresdner Zeit. Horst Naumann ist Kind dieser Stadt, aufgewachsen in der Lüttichaustraße 17.

Seine Jugend endete abrupt wie für viele seiner Altersgenossen. Noch als 17jähriger mußte er 1943 an die Ostfront. In seiner ausführlichen Autobiographie "Zwischen Leuchtfeuer und Traumschiff" (Militzke Verlag, Leipzig, 368 Seiten, zahlreiche Fotos, 19,90 Euro) erinnert er sich auch an schreckliche Kriegserlebnisse in Ostpreußen. In Königsberg erlebte und überlebte Horst Naumann den letzten großen Bombenangriff Ende August 1944. Er konnte, vom Inferno gezeichnet, auf dem Wasserweg entkommen. In einem Lazarett in Allenstein wurde ihm der Blinddarm entfernt. Nach einer Zeit fern der Gefahrenzone geriet er doch noch in Rußland in Gefangenschaft. Wieder in Freiheit, wurde der Dresdner mit der Zerstörung seiner Heimatstadt konfrontiert. Hinzu kam, daß seine Eltern, die in Meißen Zuflucht gefunden hatten, vor der Scheidung standen.

Die Mutter starb mit 52, der Vater mit 63 Jahren. Beide hatten Krebs. Er könne daran nicht immer denken. "Man kann über den Kopf 'ne Menge steuern, glaube ich. Ich bin dem lieben Gott sehr dankbar, daß ich sowohl von der emotionalen Seite als auch vom Denkvermögen her so gut ausgestattet bin, daß ich es auch zu kombinieren weiß", meint Horst Naumann. "Ich empfinde mich wirklich als einen mit Glück versehenen Menschen, trotz allem." Und er strahlt ihn aus, diesen inneren Reichtum, der mit jeder Aufgabe, beruflich wie privat, wächst und wächst. Schon seit der Schulzeit mit dem Virus Schauspiel infiziert, erlebte Horst Naumann den Anfang seiner beruflichen Laufbahn am Stadttheater Döbeln. Im August 1946 erhielt er sein erstes Engagement in den Sparten Schauspiel, Gesang und Tanz. Die zweite Station war Burgstädt bei Chemnitz, wo sich ihm das "Fach der guten Rollen" eröffnete. Hungrig nach neuen Aufgaben, führte ihn die Spielzeit 1948 / 49 an das Salzlandtheater in Staßfurt. Der Orest in Goethes "Iphigenie" fällt in diese Zeit und das für Horst Naumann wohl wichtigste private Ereignis. Er lernte seine große Liebe kennen, die Kollegin Christa von Arvedi. Am 5. Juni 1954 wurde geheiratet. Im Oktober 2003 verlor der Schauspieler seine Ehefrau nach langer Krankheit. Sie starb an seiner Seite, auf einer Autofahrt von Spanien, wo ihr Ferienhaus steht, zurück ins bayerische Ottobrunn bei München.

1985, als seine Frau erstmals erkrankte, begann Horst Naumann Tagebuch zu schreiben. Inzwischen hat er in Talkshows sehr offen über seine Trauer und die letzten Jahre mit seiner Frau gesprochen. "Ich glaube einfach daran, daß das eigene Verhalten vielleicht dem einen oder anderen Zuschauer eine Unterstützung sein kann oder eine Bestätigung. Daß ich darüber sprechen kann, macht mich froh. Weil ich weiß, ich habe mein Wort halten können, bis zum letzten Moment, was auch ein Glücksfall ist, eigentlich."

Das Ehepaar war sich einig, auch 1958 bei seinem Entschluß, in den Westen zu flüchten. Horst Naumann hatte fünf Jahre zuvor seinen ersten Film bei der DEFA gedreht ("Das geheimnisvolle Wrack"), weitere wie "Leuchtfeuer", der Zirkusfilm "Carola Lamberti" mit Henny Porten und "Alter Kahn und junge Liebe" folgten. Dem wachsenden Druck, in Propagandafilmen zu spielen, entzog er sich durch die Flucht nach West-Berlin. Die namhafte Agentin Elli Silman gab die nötige Starthilfe. So konnte er bald in Film und Fernsehen Fuß fassen.

Auch die Zeit, daß Angebote vorübergehend ausbleiben, ist ihm nicht fremd. Inzwischen in München lebend, verdiente er sein Geld mit Synchronisieren. Das war nicht so sein "Parkett". Er kam ins Schlittern. "Ich hab's natürlich gemacht. Wenn die mich nicht haben wollen, dann geh' ich in die Dunkelkammer und mache wenigstens Geld." Lex Barker und sogar Sean Connery hat er seine Stimme geliehen, was ihm damals gar nicht bewußt war, weil Connery damals noch nicht so berühmt war wie heute.

Horst Naumann entkam den Synchronstudios und der damit verbundenen Krise. Eine herausragende Fernsehrolle dürfte ohne Zweifel 1968 die des Hitler-Attentäters Claus Graf Schenk von Stauffenberg gewesen sein. Von seiner großen Kollegin Paula Wessely habe er gelernt, "in die Seele eines Menschen hineinzuhören". Regisseur Imo Moszkowicz zeigte sich mehr als zufrieden.

In den 80er Jahren kamen gleich zwei Arztrollen auf ihn zu. Als Dr. Römer gehörte er zum Team in der "Schwarzwaldklinik", als Dr. Schröder vom "Traumschiff" kennt ihn ein Millionenpublikum seit 24 Jahren. Jede Reise sei immer wieder ein Geschenk. Dieses Jahr waren Botswana und Shanghai die Zielorte. Am 5. Januar 2007 fliegt Horst Naumann für neue Dreharbeiten nach Havanna. Da liegt die "MS Deutschland" und wartet auf die Protagonisten. "Wir sind alle miteinander weiter gewachsen. Das ist wie ein Familientreffen jedes Jahr. Man respektiert sich. Auch unser Dampfer ist wunderbar, allein diese ganze Kunstgalerie, die sich auf dem Schiff befindet", gerät Naumann ins Schwärmen.

In seinem Beruf muß der Liebhaber klassischer Musik, der perfekte Hausmann und gut organisierte Privatmensch Horst Naumann wenn möglich immer wieder an die Wurzeln zurück. Die Planung geht schon ins Jahr 2008. Da darf sich das Hamburger Publikum auf ein mehrwöchiges Gastspiel mit Horst Naumann in der "Komödie Winterhuder Fährhaus" freuen. An der Seite von Brigitte Grothum und Achim Wolff wird er in "Eine Bank in der Sonne" als kauziger Alter einer Seniorenresidenz zu sehen sein. "Die Rückkehr auf die Bühne ist für einen Schauspieler, der vom Theater kommt, eigentlich ein eisernes Gebot", schreibt er in seinen Erinnerungen, die von einem guten Gedächtnis zeugen.

Foto: Begegnung in München: PAZ-Mitarbeiterin Susanne Deuter sprach mit Horst Naumann. (privat)


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