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03.02.07 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-07 vom 03. Februar 2007

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Familienfreunde,

es gibt Fragen, die können mit großer Wahrscheinlichkeit nur von den Leserinnen und Lesern unserer Ostpreußischen Familie geklärt werden, das haben die vielen Erfolge in unserer langen Familiengeschichte bewiesen. Das gilt auch heute und deshalb ist es kein Wunder, daß fast täglich neue Fragen und Wünsche eintreffen, deren Absender diese Hoffnung hegen. Wie unterschiedlich die Probleme sind, beweisen die Veröffentlichungen in unserer heutigen Kolumne.

Da geht es zuerst einmal um die E-Mail des Sohnes eines französischen Kriegsgefangenen, Robert Broisseau, der die Familie sucht, auf deren Gut in Ostpreußen sein Vater von 1941 bis 1945 gearbeitet hatte. Die Angaben sind etwas ungenau, aber immerhin konnte ich herausfinden, daß es sich um das Gut Kurschen im Kreis Tilsit-Ragnit handeln müßte, denn Monsieur Broisseau erwähnt den Namen Max Hahn. Im Landwirtschaftlichen Güter-Adreßbuch für Ostpreußen ist 1932 als Besitzerin Elise Hahn ausgewiesen, also dürfte es sich um ihren Sohn handeln. Der Suchende erwähnt aber auch eine Baronin Hölke. Auf dem Gut arbeiteten etwa 15 französische, belgische und polnische Gefangene. Zwei Söhne des Besitzers sollen bei den Kämpfen im Osten gefallen sein. Genannt wird noch ein "Erik" - ein weiterer Sohn? - und "der alte Fritz". Mr. Broisseau möchte nun gerne mit den Nachkommen des Besitzers in Verbindung treten, ist aber ebenso an Informationen über das Gut interessiert. Kurschen lag elf Kilometer von Tilsit entfernt und gehörte zur Gemeinde Tilsenau. Die Russen nennen Kurschen "Rakitino". Monsieur Broisseau, der etwas Deutsch spricht, wäre dankbar, wenn er Kontakt zu den Menschen aus dem damaligen Umkreis seines Vaters bekommen würde. Anschrift: Mr. Robert Broisseau, 84 Avenue du Palais des Expositions, F 66000 Perpignan, Telefon (33) 04 68 52 11 82, E-Mail: broisseau@yahoo.fr.

Die schönsten Geschichten schreibt wirklich unsere Ostpreußische Familie, oder sie werden für sie geschrieben. Wie es Frau Helene Keichel tat, die mir einen in jeder Hinsicht wunderschön geschriebenen Brief zusandte, in dem sie ein sehr lange zurückliegendes Erlebnis schildert, das sie nie vergessen konnte und wollte. Sie hofft, mir damit eine Freude zu machen. Nicht nur mir, liebe Frau Keichel, denn ich will es weiterreichen an unsere Leserinnen und Leser, von denen viele von dem Geschilderten ebenso berührt sein werden wie ich.

Die Geschichte geschah 1960 in Belgien, als in Brüssel der Internationale Kongreß für Krankenhausoberinnen stattfand. Eine der Teilnehmerinnen war Helene Keichel aus Köln, die ihre erkrankte Oberin vertrat. In Lüttich war eine Besichtigung der Kathedrale vorgesehen. Auf dem Weg dorthin begann die Kölnerin ohne Grund ihren Begleiterinnen aus Münster und München von ihrem ostpreußischen Vater zu erzählen, der aus Stolzhagen, Kreis Heilsberg stammte, schon früh in den Westen ging, aber immer Heimweh nach Ostpreußen hatte. Daraufhin wurde sie von einem schon länger hinter ihnen gehenden Mann angesprochen, einem Königsberger, der alle Angehörigen verloren hatte und mutterseelenallein war, als er aus sibirischer Gefangenschaft nach Deutschland kam. Er erinnerte sich, daß eine Schwester seiner Mutter als Nonne in einem klausierten Kloster in Lüttich lebte. Der Heimkehrer fand sie und blieb in Belgien, nahm Arbeit in einem Bergwerk an. Nun sei er zu der im Sterben liegenden Tante gerufen worden. Helene Keichel rührte der elend aussehende junge Mann, und sie sagte spontan: "Ich gehe mit Ihnen!" Im Kloster wollte die Pförtnerschwester sie nicht hineinlassen, weil die Klausur für Fremde verschlossen war. "Sind Sie eine Verwandte?" wurde sie gefragt, und Helene Keichel nickte. War das gelogen? "Wir Ostpreußen sind doch alle verwandt!" rechtfertigte sie sich vor sich selbst. So wurde sie zu der Nonne vorgelassen, die bereits die Krankensalbung erhalten hatte, und durfte sogar ihre Begleiterinnen mitnehmen. Frau Keichel sagte leise und behutsam "Liebe Schwester, ich bringe Ihnen viele liebe Grüße aus Königsberg". Die Kranke griff nach den Händen der unbekannten Besucherin und sprach mit erstaunlich fester Stimme: "O, Jesus hat Sie sehr lieb, er brachte Sie zu mir." "Liebe Schwester, das einzige Geschenk, das ich mitbringe, ist meine Stimme. Ich möchte Ihnen ein Lied singen. Wünschen Sie sich eins." Die Antwort kam sofort: "Gold'ne Abendsonne!" Schwester Helene begann zu singen, ihre Begleiterinnen fielen ein. Die Kranke lauschte und sagte dann: "Als ich am Morgen die Heiligen Sakramente empfing, sagte ich: ,Ach, lieber Jesus, vor meinem Hinscheiden möchte ich noch einmal ein deutsches Lied hören. Jetzt wissen Sie es: Jesus hat sie lieb. Vergessen Sie das nie.'" Der Klosterkommissar bestätigte später ihren letzten Wunsch, der vor dem unerwarteten Besuch unerfüllbar schien.

Nein, Helene Keichel hat die letzten Worte der Sterbenden nie vergessen. Sie schreibt: "Da geht eine preußische Kölnerin schwadronierend durch Lüttichs Straßen und ihre Füße bringen sie schnurstracks zu einer heimwehkranken Königsbergerin. Nein, das vergesse ich nie! Ich wurde gegangen, so ist es!" Helene Keichel hat mir dies übersandt "zu Ihrer Entspannung bei Ihrer enormen Arbeit". Aber ich glaube, es ist weitaus mehr, denn das Geschilderte zwingt zum Nachdenken. Hat man nicht selber, wenn man in einem langen Leben mit seinen Höhen und - wie in manchem Vertriebenenschicksal - kaum auslotbaren Tiefen gespürt, daß man "gegangen wurde?" Ich danke Helene Keichel für ihre Schilderung, die mir hilft zu beweisen, daß unsere "Ostpreußische Familie" mehr ist als ein Leserbriefkasten, eine Zeitungsrubrik mit Wünschen und Fragen, mehr auch als eine Fundgrube, obgleich das alles zusammen schon eine Menge bringt.

Bedanken möchte ich mich auch für die volle Unterstützung bei der Lösung einer Frage, die gar nicht so rätselhaft war: "Borussia orientalisch", richtiger "orientale". Da hatte es bei mir einen vollen "Black out" gegeben, wie man das heute nennt - auf gut ostpreußisch "Koppche wie Siebche". Vielleicht lag es an der Fülle der teils sehr schwierigen Wünsche, die ich an dem Tag bearbeitete, vielleicht hatte mich aber auch die Angabe irritiert, daß diese Herkunftsbezeichnung in einem Taufschein vermerkt war, noch nie hatte ich in alten Urkunden diese Bezeichnung gefunden - ich weiß es nicht, und hätte es doch wissen müssen, gerade ich. Wie oft hatte mein in Chile geborener Mann seinen lateinamerikanischen Besuchern meine Heimat so erklärt! Das taten unsere Leserinnen und Leser, denn sie meldeten sich bei dem Fragesteller, Herrn Karl-Heinz Leitzen, mit Anrufen und Zuschriften. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, und ein Blick in seinen Duden bestätigte es - meiner allerdings hatte diese Information verweigert, er bezeichnet lediglich die Borussen als "scherzhaft für die Preußen". (Das ist kein Witz!) Ich kann jedenfalls nur bestätigen, was Herr Leitzen in seinem Dankesbrief so formuliert: "Die Veröffentlichung meiner Anfrage zeigt doch, daß unser Ostpreußenblatt sehr aufmerksam gelesen wird und unsere Familie sehr intakt und informiert ist!" Das ist nun - wieder auf gut ostpreußisch - "Ölke op dat Seelke", jedenfalls auf meines.

Für Gerlinde Hensel ist unsere Familie der letzte Hoffnungsträger, denn sie hat bisher vergeblich versucht, etwas über das Schicksal ihrer Kusinen zu erfahren. Es handelt sich um Irmgard, * 11. Mai 1940, und Waltraud Spieh, 14. Januar 1942 aus Gr. Jägersdorf, Kreis Insterburg. Ihre Eltern, Fritz Spieh und Frieda geborene Lapsien, gingen Anfang 1945 mit ihren drei kleinen Töchtern auf die Flucht, der Treck wurde von den Russen beschossen, wobei die Eltern den Tod fanden. Die älteste Tochter Gertrud, * 1938, überlebte, konnte sich aber nie erinnern, was mit ihren beiden Schwestern geschah. Wurden sie auch getötet, nahmen andere Flüchtlinge sie mit, kamen sie in ein Waisenhaus? Niemand weiß es. "Ich gebe die Hoffnung nicht auf, etwas zu erfahren", schreibt Frau Hensel. Vielleicht haben andere Flüchtlinge aus Gr. Jägersdorf den Russenbeschuß überlebt und erinnern sich an die verlassenen Kinder der Familie Spieh. Oder es tauchen in den Unterlagen über Waisenhäuser oder Pflegefamilien die Namen der Mädchen auf? (Gerlinde Hensel, Tragweg 4 in 30163 Hannover.)

Wann wurde der Bahnhof Mertenheim, Kreis Lötzen eröffnet? Unser Leser Franz Fleischer, der diese Angabe benötigt, hat sich zwar bereits in Fachkreisen erkundigt, aber eine Antwort bekommen, die bei ihm auf Unverständnis stieß. Danach soll der Bahnhof bereits am 8. Dezember 1868 eröffnet worden sein. Nach seinen bisherigen Recherchen glaubt aber Herr Fleischer, daß er erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1933 eröffnet wurde. Was ist richtig? Meine - nur am Schreibtisch entstandene - Vermutung: Es könnte ein Irrtum vorliegen, weil der um Auskunft gebetene Fachverlag von einem Haltepunkt Mertenheim geschrieben hatte. Ist dieser bereits im 19. Jahrhundert entstanden und wurde erst später ein Bahnhofsgebäude errichtet? Aber ich bin sicher, daß Herr Fleischer eine authentische Auskunft aus unserm Leserkreis erhält. (Frank Fleischer, Hagener Allee 38 in 22926 Ahrensburg, Telefon 0 41 02 / 5 38 59.)

Nachfassen müssen wir im Fall der Suche von Frau Evelin Lehmann nach möglichen Verwandten aus ... ja, jetzt haben wir den richtigen Ortsnamen! Ich hatte ihn in dem handgeschriebenen Brief nicht enträtseln können, hatte dann mit Mühe und Phantasie "Sodinehlen" herausgelesen. Was sich als falsch erwies, jedenfalls was den ersten Teil des Ortsnamens betrifft, wie sich jetzt herausgestellt hat. Denn Frau Lehmann reagierte auf die Veröffentlichung prompt und hat mir nun den richtigen Namen des Ortes übermittelt - schön leserlich in Druckschrift, erneute Irrtümer ausgeschlossen! -, in dem ihre Großmutter Berta Wiese tätig gewesen war: Austinehlen, später Austinshof, Kreis Gumbinnen. Sie hat dort auf dem Gut gearbeitet - das 1932 dem Hauptmann a. D. Fritz Grommelt gehörte -, wie auch ihr späterer Mann, der Sattler Fritz Lange. Berta Wiese wurde am 29. August 1887 als jüngstes von sieben Kindern des Ehepaares Wiese in Austinehlen geboren, kam aber bald in Pflege, weil die Eltern früh verstarben. Frau Lehmann sucht nun nach Nachkommen der Geschwister ihrer Großmutter, die es wohl geben müßte, ist an allen Informationen über die Familien Wiese und Lange aus Austinehlen interessiert. Frau Lehmanns Mutter verstarb früh. Deshalb besitzt sie wenig Kenntnisse über die Heimat ihrer mütterlichen Vorfahren und wäre für jede Auskunft dankbar. (Evelin Lehmann, Herderstraße 10 in 40882 Ratingen, Telefon 0 21 02 / 5 05 65.)

Eure Ruth Geede

Foto: Fußballprofis von Borussia Dortmund: Viele, vor allem Jüngere, denken beim Wort "Borussen" als erstes, wenn nicht als einziges, an Fußball.


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