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03.02.07 / Die Beichte / Auch in der Kirche kann man komische Dinge erleben

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-07 vom 03. Februar 2007

Die Beichte
Auch in der Kirche kann man komische Dinge erleben
von Eva Pultke-Sradnick

Es gibt keine Zufälle, alles ist der Wille des Schöpfers. So predigte der Pfarrer mit sanfter Stimme von der Kanzel. "Ihr werdet Böses erleben, wenn ihr Zwietracht sät und Gutes wird euch widerfahren, wenn die Liebe euer Weggefährte ist."

Klothilde und Greta saßen in der dritten Bank in der Mitte der Kirche. Da saßen die Frauen und Kinder, während die Männer auf den kürzeren Bänken der Seitenflügel Platz genommen hatten.

Greta und Klothilde waren Freundinnen seit Kindesbeinen an. Jede lebte für sich, und doch gab es nichts, was die andere nicht wußte. Sicher war es Gottes Fügung, daß sie beide keinen Mann gefunden hatten. Jetzt beim Älterwerden verbrachten sie ihre Zeit mit Handarbeiten, ihrer Katze und Kulturellem. Dieses fand in der Form statt, daß sie zweimal in der Woche nach Blicklingshuske radelten, um ins Kino zu gehen. Das Erhabenste war jedoch die vierteljährliche Beichte beim Pfarrer Schnecklinger. Alles in allem war dies, auf das Jahr gesehen, eine ganze Menge.

Sie gingen gerne zur Beichte, wenn es auch im Alter nicht mehr so viel zu bereuen gab. Aber auch Gewesenes erwärmte noch und ließ sich zu Neuem verweben. Greta war darin eine Meisterin geworden. Wie oft schon hatte sie die Geschichte von dem jungen Soldaten und ihrem Fahrrad unter verhaltendem Schluchzen erzählt. Geküßt hatte er sie, inbrünstig an sich gerissen, und sie hatte es, vor Schreck erstarrt, zugelassen. Ein anderes Mal, als sie die Fahrradkette neu spannte, hatte ein Wanderer ihr seinen Arm um die Taille gelegt. Der Pfarrer würde ganz schön sauer sein, wenn er gewußt hätte, daß der Soldat, der Wanderer und der Förstergehilfe in der Person des alten Fedelmann zu suchen war, der mit zwei Milchkannen zur Molkerei fuhr und ihr in rein väterlicher Weise einen kleinen Klaps auf ihren bauschigen Rock gegeben hatte. Längst waren alle Personen ineinander verschmolzen, was blieb, das war die Erinnerung.

Wieder saß Greta wohlgerüstet im Beichtstuhl bereit. Durch das Gitter sah sie, wie der Pfarrer andächtig betete. Doch auf einmal fuchtelte er wild mit den Armen herum und sie hörte die beschwörenden Worte: "Hau ab, du alte Fijuchel, laß mich in Ruhe, verschwinde!" Greta beichtete noch ein wenig weiter und wieder vernahm sie die flüsternden Worte: "Hau ab, du bist des Teufels, hier gibt es nichts zu saugen." Greta faßte sich ein Herz und fragte, ob sie weiter sprechen sollte, darauf antwortete der Pfarrer mit gütiger Stimme: "Bete weiter meine liebe Tochter, bete weiter, zwei Ave Maria."

Klothilde erschrak, als Greta sich zur ihr auf die Bank plumpsen ließ. "Wie sittst du denn ut, man kunn ja bold meene, du hest dem Diewel gesehne, ös wat?" Greta japste nach Luft, und ihre Freundin nahm das Marjenblatt aus dem Gesangbuch und hielt es ihr unter die Nase. "Öck weet nich, öck weet nich," sagte Greta, "de Pfarr weär hiede os komisch, öck weet nich, ob er mi gemeent hätt?" Sie erzählte leise mit aufgerissenen Augen, was sie erlebt hatte. "Und zum Schluß sagte er wütend: Ich schlag' dich dot, fort, fort. Und dann schlug er mit der Hand auf sein Knie und wischte sie anschließend verschämt an der Soutane ab."

Klothilde zeichnete ihr mit Daumen und gemurmeltem Bibelspruch ein Kreuz auf die Stirn. Sie verstand sich einen Reim drauf zu machen. Es wird eine Stechmücke gewesen sein. Greta war manchmal ein bißchen einfältig in ihrer Frömmigkeit. Diese Weisheit behielt sie aber für sich und beschloß, heute nicht mehr zur Beichte zu gehen.

Aber auch Klothilde blieb nicht von Unbill verschont. Es war der Sonnabend vor Jubilate. Sie saß bescheiden in der hintersten Bank und bat die Mutter Maria um ihren Segen. Während sie noch andächtig im Gesangbuch las, polterte es wie die wilde Jagd den Mittelgang herunter. Zwei runde Kugeln, vier Arme und vier Beine hüpften, kullerten, zappelten an ihr vorbei und sie hörte den Pfarrer rufen, "Na, nun ist es aber genug, hört jetzt auf und geht zu eurer Mutter. Eure Sünden sind euch vergeben." Entsetzt über diese Teufelei ergriff Klothilde Handtasche und Gesangbuch und stürzte hinaus - direkt in Gretas Arme. "Böst hiede all fertig?" fragte diese ganz erstaunt. "Öck bönn doch schon e halwe Stund freher gekoame." Klothilde hatte ganz verwilderte Augen und stöhnte: "Oh Grete, wat mi hiede passiert ös, dat ös doch Gotteslästerung! Stell di bloß moal vär: Du mußt heute nicht mehr beten, bereuen und Buße tun, du mußt bloß noch Purzelbäume machen! Gerade habe ich es erlebt bei den beiden Mesnerbuben." "Klothilde, du meinst doch nicht Purzelbäume so wie Kiekelkops? On wat hesst denn nu gemoakt?" fragte Greta weiter. "Na, was wohl? Ich bin rausgerennt, siehts doch. Denn stell di vär, utgeräkent hiede hebb öck wegen der grote Hött keine Underböxe an."


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