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03.02.07 / Neuer Überblick zur Kriegsschuldfrage 1939 / Heinz Magenheimer faßt in einer Neuerscheinung die Erkenntnisse von Walter Post, Gerd Schultze-Rhonhof und Stefan Scheil zusammen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-07 vom 03. Februar 2007

Neuer Überblick zur Kriegsschuldfrage 1939
Heinz Magenheimer faßt in einer Neuerscheinung die Erkenntnisse von Walter Post, Gerd Schultze-Rhonhof und Stefan Scheil zusammen
von Hans-Joachim von Leesen

Die in den letzten Jahren erschienenen ernst zu nehmenden Darstellungen des Zweiten Weltkrieges kamen zu dem Schluß, daß von einer Alleinschuld Deutschlands am Kriegsausbruch nicht die Rede sein könne. Sie ernteten dafür in der Bundesrepublik entweder Nichtbeachtung oder Beschimpfungen. Eine fundierte Auseinandersetzung mit ihren Thesen fand nicht statt.

Nun gesellt sich zu den drei Büchern von Walter Post, "Die Ursachen des Zweiten Weltkrieges - Ein Grundriß der internationalen Diplomatie von Versailles bis Pearl Harbor", Gerd Schultze-Rhonhof, "1939 - Der Krieg, der viele Väter hatte", und Stefan Scheil, "Fünf plus Zwei - Die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die vereinte Entfesselung des Zweiten Weltkriegs" ein vierter Band des international renommierten österreichischen Historikers Dr. habil. Heinz Magenheimer, der sich die Untersuchung der "Kriegsziele und Strategien der großen Mächte 1939-1945", so der Titel des im Bielefelder Osning Verlag erschienenen Buches, vorgenommen hat und zu ganz ähnlichen Schlüssen wie die genannten Autoren gelangt. Magenheimer, Angehöriger des Instituts für Strategie und Sicherheitspolitik der österreichischen Verteidigungsakademie, hat im Laufe der letzten Jahrzehnte zahlreiche wissenschaftliche Bücher über den Zweiten Weltkrieg verfaßt, die auch in fremde Sprachen übersetzt worden sind; er ist nun wahrhaftig nicht abzutun als ein in der Geschichte dilettierender Amateur.

Im Vorwort geht er auf die Problematik ein, heute eine umfassende Darstellung des Zweiten Weltkrieges zu geben. Bedient sich der Autor der bekannten Thesen, hat er zwar keinen Ärger, bleibt aber auch unbeachtet, da alles bereits einmal gesagt ist. Wenn er allerdings versucht, "neue Erkenntnisse und bedeutsame Einzelheiten in eine umfassende Darstellung einzubetten, um so ein Gesamtbild zu schaffen, läuft er Gefahr, in die ,Revisionismusfalle' zu geraten". Zurückhaltend ausgedrückt, man setzt sich mit seinen neuen Thesen nicht auseinander, sondern verdächtigt ihn. Das Risiko nimmt Magenheimer auf sich. Er legt dar, was eigentlich immer selbstverständlich war, daß nicht, wie uns bisher die Althistoriker weismachen wollten, allein das Deutsche Reich eine aktive vorwärtsdrängende Strategie trieb, sondern die übrigen Großmächte nicht minder, ob Polen - und das an der Spitze -, ob Frankreich und Großbritannien, ob Italien oder die Sowjetunion und Japan.

Hitler wollte sich seinerzeit mit Polen arrangieren, indem er durchaus annehmbare Vorschläge etwa für die Verbindung des vom Reiche abgetrennten Ostpreußen mit dem Mutterland und die Rückkehr der von den Versailler Siegermächten von Deutschland abgetrennten Stadt Danzig anstrebte. Frankreich und Großbritannien wollten jedoch die Festigung der deutschen Position verhindern und führten daher seit Juni 1939 mit der Sowjetunion Verhandlungen über ein gegen Deutschland gerichtetes Bündnis. Wäre das zustande gekommen, hätte Adolf Hitler seine Forderungen gegenüber Polen zurücknehmen müssen und der Krieg wäre verhindert worden. Aber das Bündnis kam nicht zustande, weil Polen sich strikt weigerte, den von der UdSSR verlangten Durchmarsch seiner Truppen durch Polen zu genehmigen. Vielmehr träumte Polen schon seit 20 Jahren davon, Hand in Hand mit Frankreich und möglichst Großbritannien Deutschland mit Krieg zu überziehen, den Polen fest glaubte, gewinnen zu können. Sein Ziel: Mindestens Ostpreußen und ein Teil Schlesiens zu annektieren, möglichst aber seine Grenze bis zur Oder vorzuschieben. Das glaubte man, erreichen zu können, nachdem Großbritannien und Frankreich den Polen eine Garantie zusicherten, die sie aber tatsächlich nie eingelöst haben.

Hier sei nur angedeutet, was Magenheimer über die Auslösung des Krieges sorgfältig dokumentiert. Seine Darlegungen gehen aber sehr viel weiter. Wie entwik-

kelten sich die Strategien der am Krieg beteiligten Mächte im Laufe der Jahre? Daß es einen deutschen "Stufenplan" zur Eroberung Europas oder gar der Welt gegeben habe, kann Magenheimer nicht erkennen. Es gibt darüber keinerlei Belege außer den Spekulationen des ansonsten hoch verdienten Historikers Andreas Hillgruber. Die deutsche Staatsführung habe vielmehr häufig genug improvisiert, womit er mit ausländischen Historikern übereinstimmt.

Wirklicher Sieger des Zweiten Weltkrieges waren allein die USA, deren Führung von Anfang an nichts anderes im Sinne hatte, als Großbritannien als Führungsmacht abzulösen. Die UdSSR, die zunächst als zweite Siegermacht erschien, konnte bei dem Kampf um die Führungsrolle nicht mithalten und brach zusammen. Frankreich spielt in der großen Politik keine Rolle mehr. Die Vernichtung Deutschlands als starke europäische Mittelmacht hat niemandem auf Dauer einen Vorteil gebracht.

Heinz Magenheimer gelingt es, auf verhältnismäßig wenigen Seiten einen hervorragenden Überblick über die Gesamtsituation vorzulegen. Sein Werk ergänzt nicht nur die anderen verdienstvollen modernen Werke über den Zweiten Weltkrieg, sondern es faßt sie zusammen und ist aufs beste für einen ersten Überblick über das komplizierte Geschehen geeignet.

Aufschlußreich auch hier, wie die etablierten Historiker auf den neuen Schlag gegen ihre längst überholten Thesen reagieren: Entweder sie schweigen, oder einem emeritierten Professor - wie in der FAZ geschehen - fällt nichts anderes ein, als das Buch mit "moralischer Entrüstung" von sich zu weisen und weiterhin Adolf Hitler als Inkarnation alles Bösen zu beschwören, was keinen Schritt weiterbringt.


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