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28.04.07 / Wie Gneisenau Kolberg hielt / Vor 200 Jahren erreichte der spätere Militärreformer die befestigte Stadt, um ihre Verteidigung zu übernehmen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-07 vom 28. April 2007

Wie Gneisenau Kolberg hielt
Vor 200 Jahren erreichte der spätere Militärreformer die befestigte Stadt, um ihre Verteidigung zu übernehmen
von Manuel Ruoff

Da der Oberst Lucadou bei seinem Alter und der damit verbundenen Abnahme seiner Kräfte nicht imstande sein würde, auf die Dauer die ununterbrochene Anstrengung zu ertragen, welche die Verteidigung der Festung Kolberg unter den gegenwärtigen Umständen erfordert, so habe Ich beschlossen, denselben von den Kommandanten-Geschäften zu dispensieren, und sie dagegen einem Manne zu übertragen, der mit der nötigen Einsicht und Kenntnis zugleich die erforderliche Kraft und Tätigkeit besitzt, um die Festung mit Nachdruck zu verteidigen. Ich glaube, daß Ihr alle die Eigenschaften in Euch vereinigt, welche dazu nötig sind, und ernenne Euch daher hiermit zum Kommandanten der Festung Kolberg." Verfasser dieser Kabinettsorder ist der preußische König Friedrich Wilhelm III., sein Adressat August Neithardt von Gneisenau.

Befehlsgemäß verließ der damals 46jährige preußische Major das von napoleonischen Truppen belagerte Danzig, an dessen Verteidigung er sich bis dahin beteiligt hatte. "In einem elenden Boote, von unzähligen Schüssen begleitet", wie er es selber beschreibt, verließ er die umkämpfte Hansestadt, um vor 200 Jahren, am 29. April 1807, "ebenso glücklich in Kolberg" anzukommen. Die befestigte Stadt, deren Verteidigung er nun übernehmen sollte, hatte damals etwa 4300 Einwohner. Ihre Besatzung hatte noch wenige Monate zuvor, Ende 1806, gerade einmal gut 1000 Mann gezählt. Inzwischen war sie stark angewachsen, unter anderem um das Freikorps des ebenso legendären wie draufgängerischen Dragonerleutnants Ferdinand von Schill. Bis Mitte Mai standen Gneisenau 114 Offiziere und 5487 Unteroffiziere und Mannschaften für seine Aufgaben zur Verfügung.

Bereits kurz nach seiner Ankunft stellte Gneisenau von der defensiven Verteidigungsstrategie seines Vorgängers, die an den Festungsmauern erst anfing, auf eine bewegliche Strategie um. Dieses aus einer den Gegner verwirrenden Mischung aus kühnen Offensivstößen und taktischen Rückzügen im Vorfeld der Festung bestehende "gewagte System von extremer Verteidigung", wie Gneisenau selber es nannte, hatte er während seiner Teilnahme am US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1782/83 kennengelernt und nun wandte er es selber an. Bereits für die Nacht nach seiner Ankunft ordnete er einen Ausfall auf einige vom Gegner begonnene Belagerungswerke an. Der Überraschungsangriff war erfolgreich. Es wurden Gefangene gemacht und Kriegsbeute, Gewehre und Schanzzeug.

Am darauffolgenden Tag stellte er sich der Besatzung der geräumigen Bastion "Preußen" vor, am übernächsten den Zivilbehörden der Stadt und den Bürgerrepräsentanten. Im Umgang mit den Soldaten und Zivilisten zeigte sich eine große Stärke Gneisenaus, sein psychologisches Talent, das sich nicht zuletzt in der Fähigkeit zeigte, Menschen mitzureißen und zu motivieren, Außerordentliches zu leisten.

Fantastisch wußte er mit dem enthusiastischen Bürgerrepräsentanten Joachim Christian Nettelbeck zu kooperieren. Nettelbeck hatte mit seiner Kritik das Seine zur Abberufung von Lucadou getan, von dem er befürchtete, daß er wie so viele andere Festungskommandanten Preußens in jener Zeit die Festung kampflos den Franzosen überlassen würde. In Gneisenau fand er einen Soldaten nach seinem Geschmack, der ihm an Tatendurst und Kampfgeist gleichkam. Gneisenau wußte den fast 70jährigen für sich einzunehmen und zu nehmen. Er gab ihm mit der Leitung des Feuerlösch- und des für die Abwehr von Angreifern wichtigen Überschwemmungswesens eine ebenso wichtige wie klar umgrenzte Aufgabe, in welcher der Bürgerrepräsentant einerseits Großes leisten und andererseits dem Festungskommandanten nicht in die Quere kommen konnte. Auch die Männer von Schills Freikorps wußte er zu nehmen. Ihnen machte er klar, daß Tapferkeit Disziplin nicht ausschließen muß.

Gneisenau hatte die Zügel fest in der Hand. Dazu gehörte auch, daß Plünderer und Deserteure umgehend an die Wand gestellt wurden. Noch am letzten Tag der Schlacht um Kolberg rissen Grenadiere Kameraden, die zurückgehen wollten, die Grenadierlitzen herunter und verlangten ihre Erschießung. Als Gründe für den Erfolg der Führungspersönlichkeit Gneisenaus seien hier vier genannt. Da ist sein rhetorisches Talent. Da ist sein erkennbares Bemühen, zwar hart, aber gerecht zu sein. Da ist seine Bereitschaft, als Vorbild voranzugehen. Und da ist seine Fähigkeit, zu delegieren und Kompetenzen wie Aufgaben klar zu strukturieren und zu verteilen.

Zu dem psychologischen und administrativen kam bei Gneisenau ein strategisches Talent. Er erkannte, daß die an der Persante gelegene Hafenstadt im Norden durch die Ostsee sowie im Westen und Süden durch Sumpf und von Menschenhand hervorgerufene Überschwemmung durch Stauen der Persante relativ geschützt und deshalb ein gegnerischer Angriff aus dem Osten am wahrscheinlichsten war. Gneisenau kannte die Verwendung von verstreuten Forts und Blockhäusern für die Verteidigung aus seiner Zeit in Nordamerika, und auf diese Erfahrungen griff er nun zurück. Im Osten ließ er auf dem etwa eineinhalb Kilometer entfernten höchsten, das Vorgelände beherrschenden Punkt, dem Wolfsberg, auf die Schnelle ein größeres Außenwerk errichten, das er durch kleinere Verschanzungen mit dem eigentlichen Festungswerk verbinden ließ, so daß hier eine ganz neue vorgeschobene Verteidigungslinie entstand.

Diese "wahre Schweinerei in der Ausführung, selbst nicht einmal vorzüglich gedacht, in einigen Wochen mit den elendsten Materialien in leichtem Boden erbaut", wie Gneisenau nicht ohne Stolz sein Werk beschrieb, war noch längst nicht vollendet, da begannen die Franzosen am 7. Mai bereits das erste Mal sie anzugreifen. Weitere Eroberungsversuche folgten. Diese Bedrängnis hinderte Gneisenau jedoch nicht an kleineren Gegenoffensiven, Nadelstichen. Beispielhaft sei der 24. Mai genannt, an dem er einen Angriff gegen die gegnerische Kavallerie reiten ließ, die immerhin zu 52 Gefangenen und 48 erbeuteten Pferden führte.

Erdrückend wurde die gegnerische Übermacht, als am 27. Mai Danzig fiel und die dortigen französischen Belagerungstruppen frei wurden für die Beteiligung an der Belagerung Kolbergs. Deutlich wird die Bedrängnis in einem Schreiben Gneisenaus vom 12. Juni: "Nach dem Fall von Danzig schnürt man uns nun die Kehle zu. Ich arbeite wie ein Pferd, aber ich bin schlecht unterstützt. Mein Geschütz ist schlecht und oft passieren Unglücksfälle durch Springen der ausrangierten eisernen Kanonen. Mein Ingenieure de la place taugt den Teufel nicht. Er hat nicht einmal mein Vertrauen. Alles muß ich selbst erfinden und anordnen. Wir haben einige gute Dinge gemacht, aber viel hätte noch geschehen müssen. Durch den beschleunigten Fall von Danzig ist hier nun keine Zeit mehr. Es bleibt mir also nichts übrig, als zu fechten und zu sterben."

Unter dem Einsatz von 5000 bis 6000 Mann gelang es den Franzosen schließlich am 11. Juni Wolfsberg zu nehmen. Obwohl nur ein Vorposten, gaben die Preußen Gneisenaus Werk jedoch noch nicht auf. In der Nacht gelang ihnen eine Rückeroberung, nur für ein paar Stunden, aber lang genug, um mittlerweile erfolgte Schanzarbeiten der Franzosen zu zerstören. Am 19. Juni wurde abermals eine Rückeroberung versucht, diesmal aber der Versuch wegen zu hoher Verluste abgebrochen.

Wenn der Kampfgeist der Preußen in Kolberg entgegen jenem im übrigen Preußen auch außerordentlich war, so schloß sich der Ring um die Festung doch immer enger. Am frühen Morgen des 1. Juli um 2.30 Uhr begannen die Franzosen einen von dauerndem Artilleriefeuer unterstützten Großangriff. Fast 13000 Mann standen den Belagerern mittlerweile zur Verfügung. Der Beschuß hatte verheerende Wirkungen in der Stadt. Trotz Nettelbecks kompetenter und bis dahin erfolgreicher Leitung des Feuerlöschwesens brachen zahlreiche Brände aus. Eine ernstliche Gefährdung der für den preußischen Nachschub entscheidenden Seeverbindung trat schließlich ein, als es den Franzosen gelang, die nordwestlich der Stadt an der Mündung der Persante in die Ostsee gelegene sogenannte Maikuhle zu erobern.

Nun, es war mittlerweile 10 Uhr, hielt der Kommandeur der französischen Belagerungstruppen den Zeitpunkt für gekommen, Gneisenau zur Übergabe der Festung aufzufordern. Der Franzose baute dem Preußen eine goldene Brücke, in dem er diesen lobte: "Sie haben für Ihren Oberherrn, für den Ruhm seiner Waffen und für Ihren eigenen alles getan, was ein tapferer Mann an der Spitze tapferer Leute tun konnte!"

Gneisenau betrat die Brücke jedoch nicht, sondern antwortete trotzig: "Der König, mein Herr, hat mir den Befehl in Kolberg anvertraut. Ich habe versprochen, diese Festung zu verteidigen und werde Wort halten. Meine Wälle sind unversehrt und ich werde den Platz nicht übergeben, solange mir Mittel zur Verteidigung bleiben."

Auf diese negative Antwort hin setzten die Franzosen ihren Sturm fort. "Das gräßliche Schauspiel", schreibt Nettelbeck, "schien nicht ein Menschenwerk zu sein, sondern als ob alle Elemente gegeneinander in Aufruhr wären, um sich zu zerstören. Was aber drinnen in der Stadt unter dem armen, wehrlosen Haufen vorging, ist vollends so jammervoll, daß meine Feder nicht vermag, es zu beschreiben. Da gab es bald nirgends ein Plätzchen mehr, wo die zagende Menge sich vor dem drohenden Verderben hätte bergen können. Überall die Gassen wimmelnd von ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die unter dem Gezisch der feindlich umherkreisenden Feuerbälle sich verfolgt sahen von Tod und Verstümmelung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen in der allgemeinen Verwirrung verloren hatten, Geschrei von Menschen, die mit dem Löschen der Flammen beschäftigt waren. Lärm der Trommeln, Waffengeklirr, Rasseln der Fuhrwerke - nein, es ist nicht möglich, das furchtbare Bild in seiner ganzen Lebendigkeit auch nur annähernd zu schildern!"

Bis zum Nachmittag des folgenden Tages hatten die Preußen - abgesehen von dem geschilderten Leid der Zivilisten - knapp 3000 Mann verloren. Dem standen fast 10000 Mann auf der Seite der Belagerer gegenüber.

Am 2. Juli um 15 Uhr stellten die Franzosen jedoch urplötzlich das Feuer ein. Aus ihren Reihen löste sich ein Parlamentär mit einem preußischen Offizier. Der Kurier seines Königs brachte Gneisenau die Nachricht vom Abschluß des dem späteren Tilsiter Frieden vorausgehenden preußisch-französischen Waffenstillstands, zusammen mit der Ernennung zum Obersten. Der frisch Beförderte kommentierte die damit verbundene Einstellung der Verteidigung Kolbergs gegen die Franzosen mit den ebenso stolzen wie trotzigen Worten: "Meine Kanonen würden noch lange nicht geschwiegen haben!"

Gneisenau hat als Festungskommandant in Kolberg sein Meisterstück, das eine leuchtende, rühmliche Ausnahme angesichts des sonstigen Versagens des preußischen Militärs im Vierten Koalitionskrieg darstellte, vollbracht. Eine größere Aufgabe wartete nun auf ihn: die Reorganisation der Armee Preußens an der Seite der anderen preußischen Heeresreformer.

 

"... für diesen Zweck opfere ich Alles"

Wie August Neidhardt von Gneisenau die gemeinsame Sache über die eigene Person stellte, zeigt der folgende Briefauszug: "Seien Sie unbesorgt darum, daß die unserm Schill in Berlin und anderwärts bewiesenen Huldigungen meine Eifersucht rege machen könnten. Mag die Welt immerhin glauben, daß Er Kolberg verteidigt hat, für den Staat ist dies darum nur desto besser. Schill ist noch jung und kann der großen deutschen Sache noch wichtige Dienste leisten; mit mir geht es bergab. Durch Schill's Popularität und allverbreiteten Namen können noch schöne Dinge getan werden; wir müssen daher solchen verherrlichen, so viel wir können. Sie verstehen mich, ... wohinaus ich will. Mich plagt kein Ehrgeiz, vielmehr drücken mich Familiensorgen und Geldnot darnieder. Mein Blick in die Zukunft erheitert sich nur dann, wenn ich mir die Möglichkeit denke, dem fremden Joche zu entgehen, in einem solchen Kampfe will ich gern untergehen. Sollen wir ihn aber nicht kämpfen; oder ist er glücklich vollendet, so folge ich meiner Neigung, in der Einsamkeit zu leben, sofern mich nicht eine harte Notwendigkeit zwingt, unter einem fremden Himmel eine Zuflucht zu suchen. Sie sehen, mit solcher Gesinnung und Planen kann man nicht füglich Eifersucht gegen einen andern hochverdienten Mann haben, wenn ihm auch das große Publikum, etwas zuschriebe, was mir gebühret. ich habe nur Eins im Auge: Unabhängigkeit, und für diesen Zweck opfere ich Alles."

Zeitgenossen, die angesichts dieses Idealismus mit unserer Gesellschaft hadern, sei gesagt, daß Gneisenau seine Mitmenschen ähnlich kritisch sah: "Freund, wir haben mit einer elenden Generation zu tun, und es verlohnt sich wahrlich nicht, für solch ein Volk eine gute Regierungsform zu erfinden. Der rauheste Despotismus ist gut genug für sie ... Greifen Sie um sich mein Freund, blindlings, in ihrer Nähe, und sie werden immer zehn Egoisten oder Spitzbuben greifen, gegen einen ehrlichen, kraftvollen Mann. Ob denn das immer so gewesen ist?"

Foto: 1807 im belagerten Kolberg auf der höchsten Bastion der Festung "Preußen", dem "Cavalier": August Neithardt von Gneisenau (links) mit Ferdinand von Schill (Mitte) und Joachim Nettelbeck


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