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28.04.07 / Das Großherzogtum wird neutralisiert / Vor 140 Jahren begann die Londoner Konferenz, welche die Luxemburgische Krise beendete

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 17-07 vom 28. April 2007

Das Großherzogtum wird neutralisiert
Vor 140 Jahren begann die Londoner Konferenz, welche die Luxemburgische Krise beendete
von Manuel Ruoff

Wenn der deutsche Reichskanzler und preußische Ministerpräsident Otto Fürst von Bismarck seine Rolle auf dem Berliner Kongreß von 1878 (vergleiche PAZ Nr. 16) als die eines "ehrlichen Maklers" bezeichnete, setzte er sich damit von der Politik des Kaisers der Franzosen Napoleon III. ab, der es bis zu seinem Sturz 1870 geliebt hatte, sich überall einzumischen, in der Hoffnung, eine Provision zu erzielen. Diese Methode versuchte Napoleon auch im Deutschen Krieg von 1866. Bismarck versuchte zwar, durch milde Friedensbedingungen Österreich zu einem schnellen Frieden zu bewegen, doch gelang es Napoleon auch diesmal zu intervenieren. Er konnte zwar Preußens aus dessen Sieg über Österreich resultierenden Machtgewinn nicht verhindern, aber er forderte Kompensationen für diesen, und Preußens Position war nicht stark genug, daß Bismarck es gewagt hätte, diese Kompensationsforderungen offen abzulehnen.

In Frankreich wird traditionell zwischen den "alten" und den "natürlichen" Grenzen unterschieden. Die sogenannten alten Grenzen sind die heutigen, die auch zu Zeiten Napoleons III. galten. Die von den Franzosen als ihre natürlichen beanspruchten sind beziehungsweise waren hingegen Pyrenäen und Rhein. Aus diesem Grunde forderte der französische Kaiser Kompensationen im linksrheinischen Deutschland. Bismarck versuchte Napoleons Wünsche ins linksrheinische Ausland abzubiegen. Dabei war er im Gegensatz zu vielen Deutschen bereit, nicht nur Belgien, sondern auch Luxemburg dem Franzosen zu überlassen, da er im Gegensatz zur deutschen Nationalbewegung Luxemburg nicht für deutsch hielt. Napoleon wiederum war gerne bereit, seinen Hunger auf linksrheinisches Gebiet mit belgischem und auch luxemburgischen Territorium zu stillen. Dabei wollten die Franzosen mit dem Großherzogtum anfangen. Die Strategie der Franzosen formulierte deren damaliger Botschafter in Berlin, Vincent Graf Benedetti, wie folgt: "Einmal in Luxemburg, sind wir auf der Straße nach Brüssel."

In diesem Sinne wurden im Sommer 1866 intensive Verhandlungen geführt, die schließlich in einen Vertragsentwurf für eine französisch-preußische Defensiv- und Offensivallianz mündeten, den Benedetti Bismarck aushändigte. Dieser französische Entwurf sah neben einem Schutz- und Trutzbündnis vor, daß Preußen als Gegenleistung für das französische Einverständnis mit den Ergebnissen des Deutschen Krieges sich verpflichtete, "Frankreich die Erwerbung Luxemburgs zu erleichtern" und ihm Waffenhilfe in jenem Falle zu leisten, daß es sich veranlaßt sieht, seine Truppen in Belgien einrücken zu lassen.

Aus Rücksicht auf die deutsche Nationalbewegung, die er sich nicht zum Feinde machen wollte, indem er offenkundig Frankreichs Griff nach Luxemburg unterstützte, hielt Bismarck sich in der Luxemburg-Frage sehr bedeckt. Etwas Luft verschaffte ihm ein längerer Urlaub in Putbus auf Rügen, wo er die Verfassung des Norddeutschen Bundes ausarbeitete. Doch auch dieser Arbeitsurlaub endete einmal, und Ende des Jahres war der Ministerpräsident für den Botschafter in Berlin wieder greifbar. Schließlich beendete Bismarck das Katz-und-Maus-Spiel und machte die Franzosen mit seiner Taktik vertraut, nur insgeheim die Franzosen unterstützen zu wollen. Deshalb wolle auch nicht er mit dem luxemburgischen Großherzog in Verhandlungen über die Abtretung Luxemburgs an Frankreich eintreten, sondern das sollte doch Frankreich selber tun. Und diese französisch-luxemburgischen Verhandlungen sollten geheim geführt werden, damit Preußen nach deren erfolgreichem Abschluß scheinbar konsterniert feststellen könne, es sei Opfer eines Fait accompli geworden, an dem nun nichts mehr zu ändern sei.

Die Franzosen ließen sich darauf ein. Sie traten in Gespräche mit dem luxemburgischen Großherzog ein, und diese Verhandlungen verliefen anfänglich auch durchaus vielversprechend. Großherzog Wilhelm III., der in Personalunion König der Niederlande war, hatte finanzielle Probleme und war deshalb grundsätzlich bereit, sein Großherzogtum zu verkaufen. Auch die Minister des Königs in Den Haag standen dem Verkaufsprojekt und damit einer Aufgabe der Personalunion zwischen ihrem Land und dem Großherzogtum positiv gegenüber. Sie hatten vor Augen wie Dänemark durch die Personalunion mit Schleswig und Holstein in den Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 verwickelt worden war, und wollten ihren Niederlanden eine vergleichbare Niederlage ersparen.

In der Festung Luxemburg waren jedoch noch preußische Truppen aus der Zeit des Deutschen Bundes stationiert, der erst einige Monate zuvor als Folge des Deutschen Krieges aufgelöst worden war. Der ängstliche Wilhelm III. wollte deshalb unbedingt vor dem geplanten Verkauf das preußische Einverständnis einholen. Obwohl die Franzosen ihm aus gutem Grunde dringend davon abrieten, stellte er am 26. März 1867 Preußen die Gretchenfrage.

Damit war genau das passiert, was Bismarck hatte verhindern wollen. Acht Tage zuvor hatte bereits seine Bemerkung, daß Luxemburg nicht dem Norddeutschen Bund beitreten wolle, zu Protesten im Norddeutschen Reichstag geführt. Da war für ihn eine offene Zustimmung zur Einverleibung Luxemburgs durch Frankreich ausgeschlossen. Für seine negative Antwort wählte er das Parlament und damit die Öffentlichkeit. Er bestellte bei einem politisch nahestehenden Abgeordneten eine Anfrage und warnte in seiner Antwort vom 1. April 1867 die französische Regierung davor, "zweifellose Rechte deutscher Staaten und deutscher Bevölkerungen" zu beinträchtigen. Zwei Tage später telegrafierte er Wilhelm III. im gleichen Sinne mit dem unmißverständlichen Hinweis, daß "der Krieg nach der Aufregung der öffentlichen Meinung kaum zu verhüten sein würde, wenn die Sache vor sich ginge". Die Sache ging daraufhin nicht vor sich. Der König und Großherzog schrak vor einer Unterzeichung des Verkaufsvertrages zurück.

Anders als 1870 scheuten sowohl Bismarck als auch Napoleon 1867 noch, die Waffen sprechen zu lassen, und so eskalierte die Luxemburgische Krise nicht zum Krieg. Nach dem Vorbild der belgischen wurde auch die luxemburgische Frage nun internationalisiert. Von Bismarck animiert, schlug der österreichische Außenminister vor, Luxemburg entsprechend dem Vorbild Belgiens zu einem unabhängigen Fürstentum zu machen, dessen Neutralität durch die Großmächte garantiert wird. Rußlands Außenminister machte nun den Vorschlag, analog zur Londoner Konferenz von 1839 eine Konferenz der Großmächte einzuberufen, auf der nun nicht das Schicksal Belgiens, sondern jenes Luxemburgs geregelt werden sollte. Der Vorschlag wurde angenommen, und wieder war London Konferenzort.

In den fünf Tagen vom 7. bis zum 11. Mai 1867 wurde eine Lösung gefunden. Die bestehenden Herrschaftsverhältnisse in Luxemburg wurden bestätigt und der Staat nach dem Vorbild Belgiens neutralisiert. Frankreich verzichtete auf den Kauf des Großherzogtums und Preußen auf sein noch auf die Zeit des Deutschen Bundes zurückgehendes Besatzungsrecht. Die Festung wurde geschleift und noch im selben Jahr von der preußischen Garnison verlassen.

Luxemburgs auf der Konferenz beschlossene immerwährende Neutralität wurde zwar in den beiden Weltkriegen von den Deutschen verletzt, hatte aber formell immerhin bis 1948 Bestand. Der Krieg zwischen Frankreich und Preußen hingegen war nur (um drei Jahre) verschoben. Die Franzosen fühlten sich durch Bismarcks inoffizielles Ja und offizielles Nein zu einem französischen Luxemburg verraten. Das Vertrauensverhältnis zwischen Napoleon und Bismarck war irreparabel zerrüttet.


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