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26.05.07 / Was bedeutet "Heiliger Geist"? / Das Pfingstgeschehen ist sperrig, aber es zeigt die Grundwahrheiten des christlichen Glaubens auf

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-07 vom 26. Mai 2007

Was bedeutet "Heiliger Geist"?
Das Pfingstgeschehen ist sperrig, aber es zeigt die Grundwahrheiten des christlichen Glaubens auf
von Klaus Baschang

Mit Pfingsten beginnt die Geschichte der Kirche. Aber unter den großen Festen der Kirche dürfte kein Fest den Menschen so wenig zugänglich sein wie das Pfingstfest. Dabei zeigt gerade das Pfingstgeschehen Grunddimensionen des Glaubens auf, auf die er nicht verzichten kann, wenn er nicht aus der Balance geraten will.

Der Heilige Geist hat es der Kirche und ihren Theologen nie leicht gemacht. In unseren Gesängen und Gebeten ist er eine Person, wie eine Person ansprechbar, keineswegs nur eine anonyme Kraft. Er tröstet uns, wie Eltern ihre Kinder trösten. Aber wir können uns nicht vorstellen, daß er eine Hand hat wie Jesus, der seine Leute auf seinen Wegen führt. Was gilt: Person oder Kraft? Beide Aspekte sind nötig und ergänzen sich gegenseitig.

Der Heilige Geist als Person - wir wissen, zu wem wir beten dürfen, und glauben, daß unsere Gebete nicht ins Leere gehen. Der Heilige Geist hat Ohren, er ist eine göttliche Person.

Der Heilige Geist als unfaßbare Kraft - er durchdringt unser Leben in allen seinen Bezügen und nistet sich geradezu in uns ein, der Glaube ist keine abgesonderte Provinz auf der Landkarte unserer Tage, keine Person, von der wir uns abwenden könnten, ohne selbst Schaden zu nehmen. Was für den Verstand schwer zu begreifen ist, gehört zum Geheimnis des Heiligen Geistes.

Wer dieses Geheimnis achtet und ehrt und nicht intellektuell daran mäkelt, kommt allmählich der inneren Vernunft auf die Spur, die in diesem Geheimnis steckt. Darin haben die orthodoxen Kirchen uns evangelischen liturgisch eine ganze Menge voraus.

Das erste Pfingstfest war kein laues Frühlingslüftchen. Das Wunder war so gewaltig und hat die Beteiligten so aufgerüttelt, daß sie Mühe hatten, eine Sprache für das Erlebte zu finden. Nur eines ist seit Apostelgeschichte 2 ganz klar: Das Kommen des Geistes und die Predigt von Jesus Christus gehören zusammen. Das eine nicht ohne das andere. Seither glauben wir fest: Wo gepredigt wird, wirkt der Heilige Geist. Martin Luther bekennt in der Auslegung des dritten Glaubensartikels, "der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen ..."

Der Heidelberger Katechismus (das Bekenntnis der reformierten Christen) sagt in der Antwort zur Frage 21, der Glaube sei "ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durch das Evangelium in mir wirket".

Unsere Predigt ruft den Glauben nicht hervor. Das bewirkt der Heilige Geist. Das ist eine ganz große Entlastung. Wir sind für den Glauben der Menschen nicht verantwortlich. Aber wir sind verantwortlich dafür, daß das Wort zu ihnen kommt und daß sie zum Wort kommen. Denn nur so, nur mit Hilfe des Wortes, wirkt der Heilige Geist den Glauben.

Die geistliche Entlastung ist keine Erlaubnis zu praktischer Bequemlichkeit. Man kann sagen, Gott macht uns durch den Heiligen Geist für sich bereit, daß wir zum Glauben kommen. Die Kirche, in der gepredigt wird und die Sakramente gereicht werden, ist der Ort, an dem sich dieses Geheimnis ereignet. Kirche ist in diesem Sinne natürlich auch jede Gemeinschaft und jeder Hauskreis.

"Der Wind bläst, wo er will", sagt Jesus zu Nikodemus (Joh 3,8). Das ist die Chance für den Suchenden. Gottes Geist wird ihn erreichen. Die Kirchengeschichte ist voll von Beispielen dafür, wie sich der Geist selbst die Instrumente geschaffen hat, mit denen er unter uns wirkt.

Erweckungsbewegung einst, Kirchenmusikboom in der Gegenwart, Medieninteresse nicht nur am Papst, sondern auch am Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wie an evangelikalen Aktionen.

Der Geist Gottes läßt sich nicht in Kirchenmauern einsperren. Einen Hauch des Chaotischen hat er immer in sich. Also: "Den Geist dämpfet nicht" (I. Thes 5,19). Von Anfang an ist aber auch klar, wo das Charismatische seine Grenzen hat: Da nämlich, wo es um die Menschen geht, die dem Glauben noch fremd und abwartend gegenüber stehen. Mission als Kriterium. Diese Menschen sollen uns nicht als Spinner und Idioten verdächtigen können. I. Korinther 14 sagt alles Nötige! Das Charismatische ist Aufforderung zur Freiheit des Glaubens ebenso wie Mahnung zu gemeinschaftlicher Ordnung. Wenn der Weg in die Freiheit des Geistes mit der Abwendung von der Gemeinschaft der Geschwister beginnt, dann ist es ein Irrweg.

Was hat Gottes Geist mit unserem Menschengeist zu tun? In der Zeit der aufklärerischen Philosophie hat man im philosophischen Geist Gottes Geist am Werk sehen wollen. Längst wissen wir, daß das falsch war. Falsch ist es aber auch, Gottes Geist und des Menschen Geist einfach auseinanderzureißen und gegeneinander zu stellen. Wenn Gottes Geist in mich eindringt und von mir Besitz ergreift, dann wirkt sich das auch auf mein Denken aus.

Als Glaubender weiß ich, diese Welt und mein Leben sind mehr als das, was ich mit meinen Augen sehen kann, unendlich viel mehr als alles, was wir mit physikalischen Instrumenten und Methoden messen, wiegen, beschreiben können. Dieses "Mehr" über das weltlich Wahrnehmbare hinaus ist eine intellektuelle Herausforderung ganz besonderer Art.

Die Vernunft der Glaubenden ist die von Scheuklappen befreite Vernunft, die Vernunft mit dem weiten Horizont, eine neugierige Vernunft, die immer noch mehr erkennen und erfahren will.

"Hilf uns, Heiliger Geist, daß wir deinem Wirken nicht im Wege stehen."

Dieses pfingstliche Gebet hat ein etwas älterer Pfarrer in der Sakristei seiner Kirche mit mir gebetet, als ich dort gastweise zu predigen hatte. Es war kurze Zeit nach meiner Ordination. Dem Wirken des Heiligen Geistes nicht im Wege stehen - das könnte eine Aufgabenbeschreibung nicht nur für Gottesdienste sein, sondern für alle Aufgaben unserer Kirche.

Wann stehen wir dem Wirken des Heiligen Geistes im Wege? Sicher oft. Ganz sicher aber, wenn wir unseren Geist dem Heiligen Geist entgegensetzen. Der Heilige Geist will, daß das Evangelium zu den Leuten kommt und Glauben weckt.

Das ist das große Thema in der Apostelgeschichte. Die Theologie muß darum eine missionarische Grundausrichtung haben. Wenn sie auf diese verzichtet, steht sie dem Wirken des Heiligen Geistes im Wege.

Theologie ohne missionarische Ambitionen wird zur Wissenschaft religiöser Selbstbehauptung. Sie hilft dann nicht, den Geheimnissen Gottes auf die Spur zu kommen.

Der missionarische Auftrag richtet alle christlichen Gruppen und Initiativen auf das gemeinsame Ziel aus, den Glauben unter den Menschen groß zu machen. Nach wie vor wird zu viel Zeit dafür vergeudet, die Unterschiede untereinander zu beschreiben und zu befestigen, statt Kooperationen zu vereinbaren. Die Verantwortlichen der Evangelischen Allianz können davon ein Lied singen, ein garstiges Lied sogar. Mission unter der Wirkung des Heiligen Geistes denkt mit den Köpfen anderer Christen und glaubt mit den Herzen anderer Christen. Wo dieses fehlt, fehlt der Heilige Geist.

Wir stehen dem Heiligen Geist im Wege, wenn wir nicht sehen und respektieren wollen, wie unter seiner Leitung andere sich geändert haben. Die EKD-Äußerungen zur Segnung homophiler Partnerschaften 1996 waren nicht hilfreich.

Inzwischen ist in der EKD und durch die EKD in den allermeisten Landeskirchen ein missionarischer Aufbruch erfolgt, hat die EKD sehr eindeutig über unser Verhältnis zum Islam und zu den Menschen muslimischen Glaubens unter uns gesprochen, einen Prozeß gemeinsamer Zukunftsplanung eingeläutet, das Paul-Gerhardt-Jubiläum zu einem Fest der Frömmigkeit in Deutschland gemacht.

Wer jetzt noch in den alten Schützengräben herum hockt, hat nicht begriffen, daß der Heilige Geist seine Leute dort braucht, wo es um das aktuelle Bekennen geht. Idea

Foto: Der Heilige Geist: Wie ihn sich die Erbauer des Petersdoms vorgestellt haben


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