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26.05.07 / Die pünktliche Sonne / Emil Matejka war mit seinen "Einfällen" eine wirkliche Bereicherung des Dorfes

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-07 vom 26. Mai 2007

Die pünktliche Sonne
Emil Matejka war mit seinen "Einfällen" eine wirkliche Bereicherung des Dorfes
von Kurt Kays

Es ist - der eine oder andere wird sich erinnern - in diesem Blatt bereits einmal berichtet worden über das Treiben von Emil Matejka, seinerzeit Gemeindeschuster von Borutten, gelegen im tiefsten Masuren nahe der Grenze zum Polnischen. Der biedere Handwerker war bekannt als eine Art Dorfphilosoph, dessen hintersinnige Gedanken oft zu recht krausen Ergebnissen führten. So hatte er durch ein ausgetüfteltes Rechenkunststück der staunenden Bevölkerung des Ortes weisgemacht, daß ein Pferd sieben Beine habe.

Das war, wie jedermann erkannte, zwar höherer Blödsinn, aber recht unterhaltsam. Deshalb wurde dem Sinnierer auf dem Schusterschemel von seinen Mitbürgern dieser trügerische Spaß auch nachgesehen, hatte er ihnen doch ein vergnügliches Stundchen im Dorfkrug bereitet. Und das war nicht wenig in einer Zeit, in der es weder Radio noch Fernsehen gab. Und davon soll hier einiges erzählt werden, was in der ersten Geschichte auch versprochen worden war, wenn auch nicht ganz fest.

Zum Beispiel ereignete es sich, daß der Fortschritt bis nach Borutten vordrang und zwar mit einer Erfindung, die in diesem masurischen Dörfchen noch völlig unbekannt war. Dabei handelte es sich um nichts anderes als die Thermoskanne, welche damals sozusagen in Mode kam. Dieser nützliche Gebrauchsgegenstand tauchte eines Tages im einzigen Kramladen des Ortes auf und machte sogleich Furore. Denn dessen geschäftstüchtiger Besitzer namens Julius Morkoweit pries die technische Neuheit seinen Kunden eindringlich an.

Und das tat er auch gegenüber Emil Matejka, dem Schuster und Denker. "So was", erklärte er mit gewichtiger Stimme, "so was muß haben der moderne Mensch. Stell dir vor, Lieberchen, im Winter kannst heißen Kamillentee einfüllen oder auch Malzkaffee. Und alles bleibt schön warm, bis du trinken willst - auch wenn es dauert paar Stunden! Im Sommer aber kommt kalte Buttermilch rein oder vielleicht süßer Himbeersaft. Bleibt immerfort kühl, selbst wenn die Sonne brennt wie verrückt."

Emil Matejka zeigte sich der Sache keineswegs abgeneigt. Dennoch befühlte er die Thermoskanne von allen Seiten und wiegte bedenklich das Haupt. Ein kaltes Getränk, das wäre schon eine Wohltat bei der Roggenernte im August. Und im Winter, wenn er seinem Steckenpferd nachging, dem Eisangeln auf dem nahegelegenen Waldsee, täte etwas Warmes auch gut, wobei er allerdings eher an einen anständigen Grog dachte. Eine Frage ging ihm allerdings durch den Kopf und er stellte sie auch: "Nu sag' mir doch, Julius Mirkoweit, woher weiß diese Blechkanne immer, wann Sommer ist und wann Winter?"

Der Kramladenbesitzer konnte keine Auskunft geben, dessen ungeachtet erwarb der Schuster eine Thermoskanne und sie funktionierte zu seiner Zufriedenheit. Das war auch mit dem Denkapparat von Emil Matejka weiterhin der Fall und er konnte manche Frage beantworten, die an ihn gestellt wurde. So geschah es, daß im Dorfkrug von Borutten eine Wette abgeschlossen wurde und zwar zwischen dem Großbauern und Ortsbürgermeister Kundries sowie dem Gastwirt Pawellek. Und zwar ging es um die Frage, wer oder was schneller sei, eine Brieftaube oder ein Trakehnerpferdchen.

Natürlich wurde der philosophierende Schuster zum Schiedsrichter bestimmt. Er sollte also entscheiden, wer diese Wette gewonnen hatte, die um eine Flasche Meschkinnes ging. Emil Matejka bestellte sich auf Kosten des Bürgermeisters ein frisches Tulpchen Bier, der Gastwirt spendierte dazu einen doppelten Kornus. Von beidem nahm der Unparteiische einen tüchtigen Schluck und verkündete dann: "Ist nich' ganz einfach, die Sache - weil, man muß sie betrachten von beiden Seiten. Und da zeigt sich, daß jeder Recht hat. Denn: In der Luft ist die Taube schneller, auf der Erde aber sicherlich das Pferd!"

Wie viele seiner Landsleute las auch Emil Matejka den "Masurenkalender" alljährlich von der ersten bis zur letzten Zeile. Und er bezog aus dieser Lektüre so manche Anregung für seine Simuliererei. Dabei interessierte er sich besonders für naturwissenschaftliche Themen, soweit sie sich auf das ländliche Jahr bezogen. Aufmerksam verfolgte der Schuster etwa die für jeden Tag angegebenen Zeiten für den Aufgang wie Untergang der lieben Sonne.

Selbstverständlich kam er dann wieder ins Simulieren. Denn im "Masurenkalender" hatte er auch gelesen, daß die Sonne - über den Daumen gepeilt - rund 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt war. Das ist, so dachte Emil Matejka, ganz schön weit. Weiter jedenfalls als bis Königsberg oder gar Berlin. Gar nicht auszudenken, was das für eine gewaltige Strecke ist. Er hielt ein Momentchen inne und kam dann zu dem Schluß: Es ist wahrlich ein reines Wunder, daß diese Sonne trotz der riesigen Entfernung immer auf die Minute pünktlich hier ist in Borutten!

Sollte jemand annehmen, Emil Matejka habe sich lediglich auf sozusagen intellektueller Ebene ausgezeichnet, so irrt sich der ganz gewaltig. Nein, er war daneben auch ein geschickter, tüchtiger und zuverlässiger Handwerker, welcher sein Fach von Grund auf verstand und mit Fleiß betrieb. In seine Schusterwerkstatt kamen jedenfalls fast alle Einwohner von Borutten. Und auch in den umliegenden Dörfern hatte er nicht wenige Kunden.

So erschien eines Tages der Waldarbeiter Fritz Gellesch, der in dem nicht weit entfernten Kirchdorf Schönwiese zu Haus war. Er kam mit seinen Sonntagsausgehschuhen, die dringend neu besohlt werden mußten. Und es pressierte ihm mit der Reparatur, dieweil er beim bevorstehenden Erntefestball sein "Fräulein Braut" gehörig herumschwenken wollte. Der Schuster versprach: "In drei Tagen kannst sie abholen, deine Schuhe. Dann sind sie fertig und wie neu."

Nun passierte es jedoch, daß dieser Fritz Gellesch in der folgenden Nacht getroffen wurde von einem Förster, wie er mit einer Rehgeiß auf dem Buckel seinem Heim zustrebte. Er hatte das Tier mit der von Vatersseite ererbten Flinte im Staatswald erlegt und freute sich auf einen saftigen Braten. Statt dessen wurde er aber eingespunt als ertappter Wilddieb im Spritzenhaus von Schönwiese. Und anschließend verdonnert zu sechs Monaten, weil ihn der Herr Amtsrichter als "Wiederholungstäter" bezeichnete, was nicht unzutreffend war.

Auch ein halbes Jahr vergeht. Also stand der Waldarbeiter Fritz Gellesch schließlich wieder in der Werkstatt von Emil Matejka. "Hast", so fragte dieser Mensch, "hast meine Schuhe noch, die ich gebracht hab' unlängst zum Besohlen?" Der Schuster nickte mit mit Nachdruck: "Aber ja doch. Bei mir herrscht Ordnung, da kommt nuscht weg. Im Lager sind sie." Er deutete auf eine Tür, die zum Nebenraum führte. Dann fuhr er fort: "Übermorgen kannst sie kriegen. Dann sind sie wieder in Ordnung, deine Schuhe."


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