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26.05.07 / Vor 200 Jahren fiel Danzig / Die Stadt hielt der französischen Belagerung lange stand, doch anders als Kolberg kapitulierte sie schließlich

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 21-07 vom 26. Mai 2007

Vor 200 Jahren fiel Danzig
Die Stadt hielt der französischen Belagerung lange stand, doch anders als Kolberg kapitulierte sie schließlich
von Rüdiger Ruhnau

Das wechselvolle politische Schicksal der alten Hansestadt Danzig riß die Stadt mehrmals aus dem Verbande des deutschen Vaterlandes heraus. Dreimal erreichte Danzig den Status einer Freien Stadt. Zuerst in der Verbindung zur Krone Polens durch Personalunion, dann unter der Oberhoheit Frankreichs als Rheinbundrepublik, zuletzt nach dem Ersten Weltkrieg, unter dem Schutze des Völkerbundes. Schon immer waren sich die Danziger in ihrer Freiheitsliebe einig, ihre Vorfahren hatten für die Unabhängigkeit und für die Freiheit ihres Religionsbekenntnisses große Opfer bringen müssen. Wie lebendig der Freiheitswille war, zeigt das Beispiel des Handelsherrn Heinrich Floris Schopenhauer. Der Vater des Philosophen verließ 1793 mit Ehefrau Johanna und Sohn Arthur seine Vaterstadt, um nicht Untertan des preußischen Königs zu werden.

Nicht leichten Herzens hatte sich der Rat der Stadt Danzig dem König von Preußen unterworfen. Doch das war nicht mehr das Königreich Friedrichs des Großen, Schwächlinge waren dem "Alten Fritz" auf dem Thron gefolgt. So kam es, daß nach nur 14jähriger Zugehörigkeit Danzigs zu Preußen die Franzosen vor der Stadt standen. Napoleon hatte die preußische Armee bei Jena und Auerstedt vernichtend geschlagen, "zum Unglück gesellte sich die Schande", ohne Not kapitulierte eine Festung nach der anderen. Nur Kolberg, verteidigt von Gneisenau und Nettelbeck, sowie die Festungen Graudenz und Danzig hielten stand. Der Korse, auf dem Höhepunkt seiner Macht, hatte die Gründung des Rheinbundes durchgesetzt. Die süddeutschen Staaten traten förmlich aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation aus, sie mußten Napoleon im Kriegsfalle - und das war fast immer - Soldaten zur Verfügung stellen: Bayern 30000, Württemberg 15000 und Baden 8000 Mann. Das Reich hatte aufgehört zu bestehen.

Der Franzosenkaiser war in Berlin eingerückt, er ließ die Quadriga vom Brandenburger Tor herunternehmen und nach Paris schaffen. Als der Buchhändler Palm, bei dem die Schrift "Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung" erschienen war, den Verfasser nicht nannte, befahl Napoleon, Palm in Braunau am Inn zu erschießen. König Friedrich Wilhelm III. war mit seiner Familie schon vorher nach Ostpreußen geflohen, da erhielt Preußen von Rußland Hilfe. Der Krieg wurde im Weichselland fortgeführt. Anfang Mai 1807 besichtigte Kaiser Napoleon die vor Danzig aufmarschierte Belagerungsarmee. Bestehend aus Franzosen, Sachsen, Badensern und Polen, kämpften insgesamt 50000 Soldaten unter dem Kommando von Marschall Lefebvre. In Danzig traf man fieberhaft Vorbereitungen, um gegen alle Angriffe gerüstet zu sein. Die vernachlässigten Festungswerke wurden schleunigst wieder hergerichtet, was dank des tüchtigen Ingenieur-Leutnants Pullet auch vortrefflich gelang. Sowohl beim Angriff als auch bei der Verteidigung Danzigs kam es vor allem darauf an, Herr zur See und des Hafens zu sein. Solange die Garnison freie Schiffahrt hatte, war es kaum möglich, die Festung Danzig zu erobern. Darum war es ein kluger Schachzug Napoleons, die Eroberung des Holms zu befehlen, wodurch die Franzosen zwischen der Festung und der Hafeneinfahrt eine Sperre legen konnten. Den Belagerten entzogen sie damit den Vorteil eines freien Zugangs zur Stadt.

Der Verteidiger Danzigs, General Graf von Kalkreuth, traf am 12. März in Danzig ein. Bei seiner Abreise aus Memel hatte ihm der König eine Verstärkung der Garnison zugesichert. Insgesamt standen Kalkreuth 22000 Kombattanten zur Disposition, darunter 6000 Russen. Von den wenigen preußischen Truppen, welche der allgemeinen Niederlage entgangen waren, hatten sich Reste nach Danzig zurückgezogen. Ungünstig wirkte sich jedoch die geringe Zahl von Offizieren aus, und als noch problematischer erwiesen sich die von der Armee rekrutierten Polen aus Westpreußen. Diese "Mußpreußen" nutzten jede Gelegenheit zum Desertieren. Sie kämpften dann auf französischer Seite und verrieten ihre Kenntnisse bezüglich der Verteidigungsanlagen.

In der Stadt Danzig selbst herrschte ein patriotischer Geist. Der Rat stellte 4600 waffenfähige Bürger bereit, wie es die frühere freistädtische Verfassung vorschrieb. Angesehene Patrizier wurden zu Offizieren gewählt, die Bürgersoldaten mit den Waffen und Ausrüstungen der beiden Zeughäuser ausgestattet. Die Kaufmannschaft sammelte eine Summe von 13000 Talern zur Unterstützung der Hinterbliebenen gefallener Soldaten. Da es an Schanzarbeitern fehlte, erboten sich Jünglinge wohlhabender Familien, dort zu arbeiten, wo es am nötigsten erschien. Sehr willkommen war das Anerbieten des Grafen von Krockow, ein Freikorps aufzustellen. Es bestand laut einer "Allerhöchsten Kabinetts-Order" aus einem Jäger-Bataillon und einer Escadron Kavallerie, welche an der Verteidigung Danzigs mitwirkten. Für die zahlreichen zur Verteidigung angelegten Festungswerke war die Zahl von 349 vorhandenen Geschützen nicht ausreichend, mühsam genug hatte man gerade 2800 Zentner Schießpulver zusammengetragen. Die Artillerie stand unter dem Kommando des Kapitäns Alkier und des sehr tätigen Leutnants Schmidt.

Vergeblich hoffte General v. Kalkreuth auf Verstärkung von außen, denn die Franzosen hielten den Zugang zum Hafen besetzt

Seit dem 10. März 1807 zog Marschall Lefebvre den Belagerungsring um Danzig immer enger. Der Kriegsrat der Verteidiger hatte die Demolierung der Vorstädte beschlossen, die bis auf eine Entfernung von 800 Schritt vom Glacis der Festung abgebrannt wurden. General Kalkreuth erklärte, daß die Stadt für zwei Monate mit Lebensmitteln versorgt sei. Seit der Schlacht von Preußisch Eylau am 8. Februar 1807 war Napoleon in der Nähe Elbings stehengeblieben. Er drängte darauf, die Festung Danzig endlich einzunehmen, um erst dann seine Armee wieder in Bewegung zu setzen. Mit aus Warschau herbeigeholten Kanonen nebst Munition nahm die Heftigkeit der Beschießung von Tag zu Tag zu. Die Belagerten kamen mit der Ausbesserung nicht mehr nach, besonders die Besatzung des stark armierten Hagelsberges erlitt erhebliche Verluste. Nach erbitterten Kämpfen, bei denen der Feind auch unterirdische Stollen mit Schwarzpulver füllte, um sie dann in die Luft zu sprengen, ging General Kalkreuth auf das Kapitulationsangebot Lefebvres ein. 76 Tage lang hatte er sich gegen eine Übermacht behaupten können. Munitionsmangel, Lebensmittelknappheit, zu wenig ausgebildete Soldaten zwangen ihn, den Kampf einzustellen. Lefebvre sicherte den Verteidigern einen ehrenvollen Abgang zu, nachdem sie sich verpflichtet hatten, ein Jahr lang nicht mehr gegen die Franzosen zu kämpfen. Am 27. Mai 1807 rückte die Garnison unter klingendem Spiel, mit Waffen und Gepäck, aus der Stadt ab. 335 Offiziere und 12448 Mann, Preußen und Russen, hatten die Belagerung überstanden. Sie marschierten Richtung Pillau, um dort weitere Befehle zu erwarten.

Marschall Lefebvre erhielt zur Belohnung den Titel "Herzog von Danzig". Als Gouverneur setzte Napoleon seinen erfolgreichen General Rapp ein. Rapp, ein Deutscher aus Kolmar, im Elsaß gebürtig, gehörte zu den tapfersten Offizieren des Korsen und war auch eine Zeitlang dessen persönlicher Adjutant.

Danzig wurden nun die Rechnungen präsentiert: Zehn Millionen Franken waren an den Franzosenkaiser persönlich zu zahlen, eine Million Franken beanspruchte Gouverneur Rapp für sich. Den Bürgern wurden immer neue Steuern und Abgaben auferlegt, die für damalige Zeit riesige Summe von 14 Millionen Talern führte zur völligen Verarmung der Stadt. Die üppigen Feste der französischen Besatzungsmacht mußten von der Bevölkerung bezahlt werden. Liebedienerei, würdeloses Verhalten, Zerrüttung der Moral, das waren die Folgen des Falls der Stadt. Ein Bild Napoleons ließ sich General Rapp vom Rat der Stadt für 80000 Taler abkaufen, es hing früher im Rathaus, darunter das Mahnwort "Memimisse" (Gedenke daran).

Erst nach dem Fall des Korsen erfolgte die Wiedervereinigung Danzigs mit Preußen, die Ostseemetropole wurde 1814 Hauptstadt der Provinz Westpreußen.

Foto: "Der Fall der Festung Danzig im Jahre 1807": Aquatintablatt von Johann Lorenz Rugendas


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