27.01.2022

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08.09.07 / Sich einlassen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-07 vom 08. September 2007

Sich einlassen
von Harald Fourier

Lieber Genosse Ide, haben Sie nicht Lust, im Irak sozialistische Entwicklungshilfe zu leisten? Ihre Frau kann mitkommen, Ihre Tochter auch. Sie geht dann zum Unterricht in der sowjetischen Botschaft in Bagdad.“

Was für ein verlockendes Angebot, das der Familie Ide 1988 unterbreitet wurde. Eine mehrjährige Auslandsreise! Dazu Bezahlung in heißbegehrten Devisen! Aber die Ost-Berliner Familie entschied sich dagegen, und heute wissen wir, daß dies eine gute Entscheidung war. Nicht nur, weil die DDR und damit auch die sozialistische  Entwicklungshilfe bald am Ende war und der Irak wenig später ein sehr heißes Pflaster wurde. Vor allem auch deshalb, weil Sohn Robert als Faustpfand zurückbleiben sollte. So wie bei den alten Römern, die die Kinder der Anführer unterworfener Stämme als Geiseln nach Rom zu bringen pflegten. Was für ein menschenverachtender Staat!

Robert Ide, damals 14, ist heute Sportreporter beim „Tagesspiegel“. Für ihn selbst war die Einheit eine große Chance. Für seine Eltern auch. Aber für die damals 40jährigen war es eben auch eine kleine Katastrophe, weil die Veränderung sie oft überfordert hat. Ide hat jetzt ein Buch über „Meine Eltern, die Wende und ich“ geschrieben.

Seine Eltern haben einen Garten in unmittelbarer Nähe zur Sektorengrenze, zum West-Berliner Märkischen Viertel. Von dort konnten sie den Westen jahrelang sehen, aber nie hinreisen. So wurde der Mauerfall 1989 zur großen Befreiung und Herausforderung zugleich. Klar, jetzt gab es alles zu kaufen, und die Welt stand offen. Andererseits verlor die Mutter ihren Arbeitsplatz, weil die DDR-Fluglinie Interflug abgewickelt wurde.

Streckenweise ist Ides Buch ziemlich heulsusig. Ob sich der Autor davon bessere Absatzzahlen bei seiner vorwiegend in den Neuen Ländern lebenden Leserschaft verspricht?

Tatsache ist, daß die Mitteldeutschen ihren Weg gehen, gerade die jungen, und das      ständige Lamentieren genau so satt haben wie die SED-Willkürherrschaft. Nur in Berlin (und vielleicht noch im Umland) wird der miesepetrige Jammerton noch des öfteren aufgelegt, und der hat weniger mit der Ostalgie als mit dem speziellen Lebensgefühl mancher Berliner zu tun: Meckern gehört  dazu, im Westen wie im Osten der Stadt.

Statt zurückzukeifen ist es manchmal weiterführend, sich ruhig auf die irritierten Seelen von Leuten auf der „anderen Seite“ einzulassen. Da gibt gerade den Westdeutschen das Buch von Ide eine Reihe von Einblicken, die dem innerdeutschen Verständnis gewiß nicht abträglich sind.

Robert Ide: „Geteilte Träume – Meine Eltern, die Wende und ich“, Luchterhand, München 2007, 200 Seiten, zu bestellen beim Preußischen Mediendienst, Telefon (040) 41 40 08-27


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