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08.09.07 / Falsches Vorbild / Die türkische First Lady will das islamische Kopftuch gesellschaftsfähig machen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-07 vom 08. September 2007

Falsches Vorbild
Die türkische First Lady will das islamische Kopftuch gesellschaftsfähig machen
von Mariano Albrecht

Rita Hayworth trug es, Sophia Loren liebte es und selbst die englische Königin Elisabeth II. war sich für die Kopfbedeckung, die unsere Großmütter auf dem Feld und auch nach dem Krieg als Trümmerfrauen beim Steine klopfen trugen, nicht zu schade. Die Rede ist vom Kopftuch. Doch das Stückchen Tuch hat sich im Europa des 21. Jahrhunderts zum Politikum erhoben. Wer es trägt, riskiert mißtrauische Blicke bis hin zur offenen Ablehnung. Seit vor über 40 Jahren die ersten muslimischen Einwanderer hauptsächlich aus der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, prägte der Quadratmeter Stoff zunehmend das Straßenbild in Gegenden, die von Muslimen bewohnt werden. Das Kopftuch ist Bestandteil der islamischen Kleiderordnung für die Frau. Doch wird es auch als ein Symbol der Unterdrückung der Frau und als Ablehnung einer aufgeklärten säkularen Gesellschaft gewertet.

In der Türkei selbst ist das Kopftuch mehr als umstritten. Es wird als politisches Bekenntnis zum Islam gewertet und den wollte Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk aus dem öffentlichen Leben weitgehend verbannen. Seit der Gründung der Republik Türkei gilt im Land am Bosporus ein striktes Kopftuchverbot an öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Universitäten, Ämtern und im Parlament. Seit der Wahl des neuen Staatspräsidenten Abdullah Gül sorgt das verhüllte Haupt seiner Gattin Hayrünnisa Gül für Ärger zwischen der islamistischen Regierung und den Anhängern der Atatürk-Lehren. Frau Gül wurde zur Militärparade anläßlich des Jahrestages des Sieges der Türken über die Griechen im Jahr 1922 demonstrativ nicht eingeladen und auch auf dem anschließenden Empfang der Militärführung blieb Staatspräsident Abdullah Gül allein den giftigen Blicken der Generalität ausgesetzt. Der Konflikt schwelt, doch die First Lady geht in die Offensive. Die islamisch-konservative Hayrünnisa Gül tritt offen und bewußt für eine islamische Lebensweise ein, ihre Zielgruppe ist jung, modern und doch der Tradition verbunden.

Sah man Frau Gül noch vor Jahren mit dem klassisch gebundenen Tuch, so macht die Gattin des Staatspräsidenten aus einem Quadratmeter religiöser Tradition nun gesellschaftsfähige Mode und will besonders junge Frauen zum Tragen des Türban, so die türkische Bezeichnung für das geschlossen um Haupthaar und Dekolleté gebundene Tuch, bewegen. Modernes Outfit und islamische Bekleidungsvorschriften müßten sich nicht im Wege stehen, meint auch der türkische Unternehmer Mustafa Karaduman, ihm gehört die Modekette Tekbir, die sich auf internationale Mode für muslimische Frauen spezialisiert hat. Noch lange bevor Hayrünnisa Gül den Wunsch verspürte, die Schleiermode salonfähig zu machen, entdeckte Karaduman den Markt. 1992 sorgte er mit einer islamischen Modenschau in Istanbul für Aufsehen. Verhüllte Models auf dem Laufsteg, das gab es noch nie. Und daß Frau Gül sich der Revolutionierung des Kopftuches und der in der Türkei verpönten islamischen Kleiderordnung verschrieben hat, trägt Früchte. In den Nobeldiskotheken am Bosporus nehmen die Kopftuch oder Türban tragenden jungen Frauen zu, und man möchte meinen, hier zeichnet sich ein neuer Modetrend ab. Die „Bezaubernde Jeannie“ wird zur türkischen Version der Barbie, sie tanzt zur Technomusik und türkischem Pop, ein Glas Sekt darf es auch sein. Religiös sieht hier niemand aus. Die verpönten Kopftücher werden zu Accessoires aus feinsten Stoffen in attraktiven Formen und eleganten bis schrillen Farben, ob als Turban, Tuch oder hochgestecktes, hutähnliches Gebilde. Der Plan von Frau Gül geht auf. Schleichende Islamisierung nennen es politisch Aufgeklärte, die Jugend interessiert die Symbolwirkung nicht. „Früher habe ich ein Basecape getragen, und jetzt trage ich den Türban, allerdings nur zur Disko, das ist einfach eleganter, in Europa gehen Frauen ja auch mit schicken Hüten aus, erzählt eine 20jährige.

Die deutsche Susanne D. lebt seit mehr als zehn Jahren in Istanbul und weiß ein Lied zu singen von den Bemühungen, die Symbolwirkung islamischer Kleidung im Volk publik zu machen. „Schon zu Zeiten, als Recep Tayip Erdogan noch Bürgermeister in Istanbul war, haben die damaligen Leute von der Refah-Partei sogar bei mir geklingelt und mir kostenlose Lieferung von Heizöl oder Kohle versprochen, wenn ich als Ausländerin als ,gutes Beispiel‘ ein Kopftuch tragen würde. Das sind Seelenfänger.“ Hayrünnisa Gül hat allen Grund, den Säkularen den Kampf anzusagen, wurde ihr doch aufgrund ihres Kopftuches der Zugang zur Universität verwehrt. Nur aus Rücksicht auf die Karriere ihres Mannes sah sie von einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof ab. Hayrünnisa Gül trägt ihr Kopftuch aus Überzeugung, die aus Mittelanatolien stammende Frau genoß eine konservative Erziehung. Mit 14 Jahren brach sie die Schule ab, um den damals doppelt so alten Abdullah Gül zu heiraten. Die Eltern arrangierten das. Für viele Türkinnen, besonders auch im Ausland, verkörpert sie das Bild der modernen, aufgeklärten Muslimin. Während der Ehe machte sie das Abitur. Ihre Tochter Kübra studierte trotz Kopftuchverbot an einer Istanbuler Universität, ihr Haar verbarg sie unter einer Perücke. Ob First Lady Gül es tatsächlich schaffen wird, die klassische islamische Kopfbedeckung einer Modernisierung zu unterziehen, die dem religiösen Empfinden der türkischen Islamisten ebenso gerecht wird wie den säkularen Hardlinern in Opposition und Armeespitze, bleibt abzuwarten. Als Staatspräsident könnte ihr Mann das Kopftuchverbot im Lande sogar kippen. Bis dahin bleibt Hayrünnisa Gül wohl vom Leben in der politischen Gesellschaft Ankaras ausgeschlossen.

Foto: Kopftuch als Trend: Hayrünnisa Gül lebt die „Mode“ vor.

 

Zeitzeugen

Mustafa Kemal Atatürk – Der türkische Republikgründer (1881–1938) ließ 1925 das Kopftuchtragen für Lehrerinnen, Schülerinnen und Studentinnen an öffentlichen Institutionen verbieten, ebenso durften Männer keine Pluderhosen oder Turbane mehr tragen, da Atatürk sie ebenfalls als religiöse Symbole betrachtete. Und sogar der schlichte Fes, jener zuvor für das gesamte Osmanische Reich typische Hut ohne Krempe, fand vor Atatürk keine Gnade.

 

Soraya Esfandiary Baktiari – Als Tochter eines iranischen Diplomaten und einer Deutschen genoß Soraya (1932–2001) während ihrer Ehe mit Schah Reza Pahlevi von 1951 bis 1958 in Deutschland den Ruhm einer orientalischen Märchenkaiserin. Die iranische Prinzessin gab sich indes als Inbegriff der modernen, westlich orientierten Frau. Ihr Mann trennte sich von ihr, weil sie ihm keinen Thronfolger gebar.

 

Fereshta Ludin – Die 1972 geborene Afghanin stammt aus großbürgerlicher Familie, ihr Vater war Diplomat. 1998 wurde ihr vom Land Baden-Württemberg der Eintritt in den Schuldienst verweigert, weil sie im Unterricht das Kopftuch tragen wollte. Dagegen hat sie, bislang vergeblich, geklagt und unterrichtet seitdem an einer staatlich anerkannten islamischen Grundschule in Berlin.

 

Mina Ahadi – Als Schah Reza Pahlevi auf dem Thron saß, erblickte Mina Ahadi 1956 im Nordwestiran das Licht der Welt. Kommunistin Ahadi (Mitglied im Politbüro der iranischen KP) war im Widerstand gegen den Schah, geriet nach dessen Sturz 1979 aber sehr schnell auch in Gegensatz zu dessen islamistischen Nachfolgern. Nach Jahren im Untegrund ging sie ins Exil: 1990 nach Wien, 1996 nach Köln. Anfang 2007 gründete Ahadi den „Zentralrat der Ex-Muslime“, dessen Vorsitzende sie ist.

 

Die Frau ohne Gesicht – Sie gilt als radikalste Form der islamischen Verhüllung: die afghanische Burka, bei der nicht einmal die Augen der Frau zu sehen sind. Ursprünglich nur in der Stadt üblich, befahlen die Taliban das Burkatragen im ganzen Land. Trotz des Regimewechsels 2001 ist die Burka auch heute noch weitverbreitet.


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