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08.09.07 / Ein Leben ohne Buchstaben / Tabuthema Analphabetismus – Ein Problem, das nicht nur Entwicklungsländer betrifft

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-07 vom 08. September 2007

Ein Leben ohne Buchstaben
Tabuthema Analphabetismus – Ein Problem, das nicht nur Entwicklungsländer betrifft
von Corinna Weinert

Mühsam, einen Buchstaben nach dem anderen, schreibt Horst B. die drei Worte an die Tafel: „Das Alfa-beht hat sexunzwanzieg Buchstaben.“ „Gut gemacht, Horst“, lobt Kursleiterin Sabine L., die ihm – neben der Tafel an seiner Seite stehend – die einzelnen Silben immer wieder laut und deutlich vorgesagt hat. Die anderen Kursteilnehmer klatschen anerkennend Beifall. Fünf Fehler hat Horst B. gemacht, aber er ist trotzdem unendlich stolz. Stolz, daß er die Buchstaben in die richtige Reihenfolge gebracht hat, stolz, daß er seine Scham überwunden hat, und mit seinen 44 Jahren in der Volkshochschule endlich lesen und schreiben lernt.

Horst B. gehört zu den rund vier Millionen Menschen in Deutschland, die Analphabeten sind. Weltweit können rund 862 Millionen Erwachsene weder lesen noch schreiben, mehr als zwei Drittel davon sind Frauen. Über 100 Millionen Kinder wachsen derzeit ohne Schulbildung auf. Weitere 150 Millionen Kinder brechen ihre Schulausbildung vorzeitig ab, in den ärmsten Ländern der Welt davon ein Viertel noch vor Ende der Grundschulzeit.

Die Regionen mit der höchsten Analphabetenzahl sind Süd- und Westasien, die arabischen Staaten und die Länder Afrikas südlich der Sahara.

Doch auch in Europa ist Analphabetismus ein Thema. In Deutschland verlassen beispielsweise 80000 Jugendliche jedes Jahr die Schule ohne Abschluß. Die meisten von ihnen haben Probleme mit dem Lesen und Schreiben.

Menschen ohne Lese- und Schreibkenntnisse können nur unzureichend am sozialen, kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen – in allen Ländern der Welt.

Die Vereinten Nationen (UN) haben bereits 1965 den 8. September zum Weltalphabetisierungstag erklärt. Der Weltalphabetisierungstag soll jedes Jahr daran erinnern, daß es in vielen Ländern immer noch ein Privileg ist, lesen und schreiben zu können.

Die Gründe für die immer noch hohen Defizite in der Alphabetisierung und Grundbildung liegen oftmals in der fehlenden Bildungspolitik und in der Verweigerung der Bildungsrechte für Mädchen und Frauen. Gleichzeitig sind die Menschen eines ausschlaggebenden Instruments der Entwicklung beraubt, nämlich eines Mittels, das die Bevölkerung befähigt, ihren Weg aus der Armut zu finden.

In der Vergangenheit hat man  durch eine Vielzahl an Bildungsprogrammen schon einiges erreicht: 1970 lag die Analphabetenrate weltweit bei 37 Prozent, 2005 betrug sie noch 18 Prozent. Im Rahmen der 2003 vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan ausgerufenen UN-Weltdekade der Alphabetisierung (2003–2012) soll die Analphabetenrate um die Hälfte reduziert werden.

In Deutschland sind fast alle Analphabeten sogenannte funktionale Analphabeten. Das heißt, sie können aufgrund der Schulpflicht einzelne Buchstaben oder sogar Wörter lesen und schreiben, ihre Kenntnisse reichen jedoch nicht aus, um beispielsweise Fahrpläne, Straßenschilder oder Namen von U-Bahn-Stationen zu entziffern, geschweige denn um Bedienungsanleitungen oder Informationsmaterial zu verstehen.

Analphabetismus hat nichts mit Dummheit oder mangelnder Intelligenz zu tun. Die Ursache ist meist ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren: neben individuellen Besonderheiten spielen auch das Elternhaus und die Familiensituation eine wichtige Rolle. Erfahrungsberichte von Analphabeten zeigen, daß oft auch ihre Eltern nicht gut lesen und schreiben konnten. Viele erzählen, daß in ihrer Familie kein Wert auf Bücher und Geschichten gelegt wurde. Oder sie berichten, daß ihre Eltern selten zu Hause waren und nur wenig Zeit mit ihnen verbrachen. Oft gaben die Eltern nicht nur keine schulische Unterstützung, sondern sie hemmten das Lernen sogar durch massive Abwertung und Geringschätzung der Kinder und Vorwürfen wie „du bist sowieso zu blöd“.

Dazu kommen Probleme in der Schule. Lehrer können meist nicht berücksichtigen, daß viele Kinder individuelle Lernbedingungen brauchen. Stattdessen verlangt unser Schulsystem ein Lernen im Gleichschritt. Kinder, die mehr Zeit oder Betreuung brauchen, hinken deshalb im Unterricht meist schon in den ersten beiden Schuljahren hinterher. Versteckte Hilferufe und Bemerkungen wie „Ich kann das nicht!“ werden oft als Störungen aufgefaßt und bestraft. Auch erzählen sehr viele Analphabeten, daß ihre Unkenntnis in der Schule einfach ignoriert wurde. Nicht selten endet die Schulkarriere dann auf der Sonderschule oder ohne Schulabschluß. Schulpflicht ist längst kein Garant mehr für ausreichende Lese- und Schreibkompetenz.

Analphabetismus ist in Deutschland immer noch ein Tabuthema. Wer trotz Schule nicht lesen und schreiben kann, gilt in unserer Gesellschaft als „doof“. Deshalb legen Analphabeten oft großen Wert darauf, nicht als solche „entlarvt“ zu werden. So oft es nur geht, vermeiden Analphabeten Situationen, in denen sie lesen oder schreiben müssen. Trotz der mangelnden Lese- und Schreibkenntnisse schaffen es die Betroffenen, ihr Leben zu meistern – häufig sogar, ohne aufzufallen.

Sie verwenden viel Energie darauf, ihre Schwäche zu verbergen. Ausreden wie „die Brille vergessen“ oder „den Arm verstaucht“ gehören zum Alltag. Formulare werden mit nach Hause genommen, und im Restaurant heißt es: „Für mich bitte dasselbe.“ Analphabeten können Lesen und Schreiben auch nicht nutzen, um sich etwas Neues anzueignen. Am Arbeitsplatz gefährden schriftliche Anforderungen oftmals eine Weiterbeschäftigung, und ohne lesen und schreiben zu können, einen anderen Arbeitsplatz zu finden, ist schwierig. Dazu kommt, daß die meisten Analphabeten auch keinen Führerschein haben; die theoretische Fahrprüfung ist für Menschen, die nur unzureichend lesen und schreiben können, kaum zu schaffen.

In unserem Alltags- und Berufsleben ist es kaum möglich, auf Lesen und Schreiben zu verzichten. Deshalb sind Analphabeten ständig auf die Hilfe Dritter angewiesen. Fast immer bestimmen sie jemanden aus ihrem Freundeskreis zur Vertrauensperson. Diese Position schafft jedoch zwangsläufig ein Abhängigkeitsverhältnis. Für Außenstehende ist es unverständlich, warum Analphabeten nicht einfach Lesen und Schreiben lernen. Ihnen erscheint die Teilnahme an einem Alphabetisierungskurs viel einfacher als der Umgang mit den vielen Hindernissen im Alltag und das ständige Verbergen der Schwäche.

Analphabeten berichten jedoch, daß sie sich im Laufe der Zeit eine riesige Angst aufgebaut haben, die sich immer weiter verstärkt. Sie haben Angst davor, ausgelacht und für geistig minderbemittelt gehalten zu werden, und davor, daß sich die negativen Erfahrungen aus ihrer Kindheit und Schulzeit wiederholen. Sie haben Angst vor sich selbst und davor, zu versagen und einfach nicht lesen und schreiben lernen zu können. Der schwierigste Schritt beim Lernen von Lesen und Schreiben ist es deshalb, diese Angst zu überwinden. Meist sind es veränderte Lebenssituationen, die Analphabeten dazu bewegen, sich ihrem Problem zu stellen. Bei Horst B. war es die Trennung von seiner Partnerin, die viele Jahre alle Lese- und Schreibaufgaben übernommen hatte. Endlich selbst lesen und schreiben zu lernen ist für Analphabeten wie Horst B. der Schritt in die Eigenständigkeit, der ihnen Freiheit und Selbstsicherheit gibt.

Foto:  Wünschenswert: Schon im Kindesalter die Welt der Bücher erforschen


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