13.08.2022

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08.09.07 / Hochsaison für Sonderwege / Unbewältigte Geschichte holt Europa ein

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-07 vom 08. September 2007

Hochsaison für Sonderwege
Unbewältigte Geschichte holt Europa ein
von Lienhard Schmidt

Nicht nur das Verhalten der derzeitigen polnischen Regierung, auch die Ausnahmen vom „Konsens“, die Großbritannien durchgesetzt hat, stehen beispielhaft für eine mit dem Anwachsen der Zahl von EU-Mitgliedsländern einhergehende Praxis, nach (scheinbarer) Einigung über Vertragsänderungen im Schlußprotokoll Abweichungen, Ausnahmen oder einseitige Interpretation seitens einzelner Mitgliedsstatten aufzulisten. So geschehen 1992 beim Vertragsabschluß von Maastricht, 1997 in Amsterdam wie auch in Nizza und nun im Juni 2007 beim Gipfel in Brüssel.

Die Europäischen Gemeinschaften begannen mit sechs Mitgliedern, jetzt sind wir bei 27 und in wenigen Jahren werden es noch ein paar mehr sein. Es liegt auf der Hand, daß die Erzielung von bindenden Übereinkünften im Ministerrat, in der Kommission und im Europäischen Parlament immer schwieriger wird, je mehr Mitglieder die EU umfaßt.

Spricht aber nicht auch einiges dafür, daß die Schatten einer unrühmlichen, ja bösen Vergangenheit, an der die Mehrzahl der heutigen Mitgliedstaaten in der einen oder anderen Weise schuldhaft und / oder leidtragend beteiligt waren, dazu beitragen, Sand ins Getriebe des Europäischen Einigungsprozesses zu streuen? Das ein Aufeinanderzugehen nachhaltige Vergangenheitsbewältigung erbringen kann, zeigt das Beispiel der deutsch-französischen Verständigung und Freundschaft. Die ungeheuren Verbrechen des Hitler-Regimes stehen außer Frage. Aber eine Verengung oder Begrenzung einer gemeinsamen europäischen Sichtung und Bewertung der historischen Fakten, die zu den furchtbaren Kriegen führten, die im vergangenen Jahrhundert namenloses Elend und Leid über die betroffenen Völker brachten, auf die Rolle und Verantwortung Deutschlands wäre Gift für das zarte Pflänzchen eines europäischen Zusammengehörigkeitsgefühls und würde bilaterale Ansätze, wie etwa bei der deutsch-polnischen Verständigung, desavouieren und gefährden. Wer die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert sorgfältig und ohne Vorurteile betrachtet, dürfte an der Tatsache nicht vorbeikommen, daß zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen stattfanden, an denen Deutschland keinerlei Anteil hatte. Wird hier eine der Wahrhaftigkeit verpflichtete Aufarbeitung versäumt, wäre ein innereuropäischer Entfremdungsprozeß die logische Folge. Er würde zu einer Minderung der Qualität in der EU möglicher Kooperation führen, die im Kontext der globalen Entwicklung notwendiger denn je erscheint.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sagte ein Duma-Abgeordneter in einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Gesellschaft in Bonn etwa folgendes: Die Monarchien hätten 1815 im Wiener Kongreß staatsmännische Weisheit bewiesen, als sie das besiegte Frankreich nicht demütigten. Diese Weisheit hätte den demokratischen Siegern des Ersten Weltkrieges 1919 gefehlt. So wäre schon die Wurzel gelegt worden für den 20 Jahre später ausbrechenden, bisher schlimmsten Krieg der Menschheitsgeschichte. „The high cost of vengeance“ – „Kostspielige Rache“, so überschrieb eine Engländerin ihre Schilderung des Verhaltens der Sieger nach 1945, in der sie sich intensiv mit dem tragischen Kreislauf von Rache und Vergeltung auseinandersetzt, der Europa an den Rand des Abgrundes gebracht hat. Alle Nationen wüßten mehr über die Untaten, die andere Völker ihrem Vaterland zugefügt hätten, als über die Sünden und Unterlassungen, deren ihr eigenes Land schuldig ist. So schreibt die Autorin, die vor dem Krieg als begeisterte Kommunistin nach Moskau ging, nach entsetzlichen Erfahrungen im Rußland Stalins jeglichen Ideologien abschwor und nach England zurückkehrte. Die Menschen in Europa können sich glücklich schätzen, daß Konrad Adenauer, Robert Schuman, Alcide de Gasperi mit ihren Freunden in den Benelux-Ländern den Grundstein legten für sinnvolle Kooperation, die sich als Frieden sichernde und Wohlstand schaffende Alternative zu der Kette europäischer „Bürgerkriege“ erwies.

Das Erfolgsmodell der Europäischen Gemeinschaften hat einen Magnetismus entwickelt, der begrüßenswert ist, jedoch die Versuchung nicht ausschließt, mehr nehmen als geben zu wollen. Hier können nicht ausgeräumte Schatten der Vergangenheit verhängnisvolle Wirkung entfalten. Europa hat jede Chance, wenn bei aller Würdigung fundierter nationaler Interessen und der Vielfalt von Traditionen gelebte Solidarität für das Ganze den Vorrang hat und Selbstkritik bei allen Beteiligten zum Normalfall wird.


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