25.01.2022

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08.09.07 / Als der Krieg nach Medenau kam / Auf Spurensuche im Samland – Gegenüber vom Gut, wo das Haus der Großeltern stand

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 36-07 vom 08. September 2007


Als der Krieg nach Medenau kam
Auf Spurensuche im Samland – Gegenüber vom Gut, wo das Haus der Großeltern stand
von Klaus D. Voss

Sie sind am Ziel: Hier stand das Haus der Großeltern, ganz sicher. Auf diesem Stück im Garten wurden die Kartoffeln angebaut, da hinten standen die Bienenstöcke.

Brennesseln, Matsch und Mücken haben sie nicht aufhalten können, ins Unterholz zu steigen. Auch der verdrehte Fuß schmerzt nicht. Die Cousinen Elfriede Wunderlich und Brigitte Reich haben die Stelle gefunden, wo der Tierarzt Fritz Kubbich in Medenau lebte, ihr Großvater. Bis das Verhängnis über Ostpreußen kam.

Nach dem alten Foto aus dem Familienalbum stand hier ein schmuckes Haus. „Schreibt hinten drauf, was ihr auf den Bildern seht“, hatte die Mutter immer gemahnt. Aber die Mädchen hatten nie Zeit, als sie sich schon in Niedersachsen eingelebt hatten. Und die Mutter hatte schon schlechte Augen.

Von Königsberg nach Medenau ist es eine gute halbe Stunde mit dem Wagen; Medenau liegt ziemlich genau im Zentrum des Samlands, lehnt sich im Süden an den kleinen Höhenzug, der stolz Alkgebirge heißt.  Oben am Ortsrand, gegenüber der alten Molkerei Kinnigkeit, hatte das Taxi die Spurensucher aussteigen lassen. Die Straße von Kuhmenen her macht eine leichte Linkskurve, sie fällt gemütlich ab. Doch, es ist kein leichter Weg zurück nach Medenau.

Nicht für Ernst Fechner, nicht für Brigitte Reich und Elfriede Wunderlich. Nicht für Brigitte Walzer, die aus Schuditten nebenan stammt und auf der Fahrt dolmetscht. Medenau ist ihr alter Heimatort im samländischen Kreis Fischhausen. Und heute muß es sein.

Ernst Fechner ist 84 Jahre alt geworden, es ist seine siebente Fahrt zurück nach Medenau. Und seine letzte. Man will es ihm nicht glauben, aber er meint, die Jahre seien doch eine Last geworden. Deswegen sollen die Jüngeren alles erfahren, was er über seinen Heimatort an Wissen gesammelt hat. Die, die wie er aus diesem Ort stammen.

Die Handskizze von Medenau, die die Mutter Jahre nach der Flucht angefertigt hatte und die Elfriede Wunderlich mitgebracht hat, stimmt so in etwa mit dem Blick von heute überein – aber nur, wenn man ganz genau hinsieht. In 50, 60 Jahren hat die Natur die im Krieg zerstörten oder danach geschliffenen Häuser überdeckt: ein Wald mit dichtem Unterholz, dort wo die Gebäude standen. Von den 66 Gebäuden, die kartiert sind, stehen gerade 20 noch.

Ernst Fechner ist  sich seiner Sache sicher. Das Haus neben den Kubbichs, die Nr. 42, hat seinen Eltern gehört. Hier ist er aufgewachsen, bis er als Soldat eingezogen wurde. Das Elternhaus hat gelitten, keine Ecke am Gebäude, an die man nicht schnell Hand anlegen möchte – aber, es ist das richtige: Ernst Fechner hat im Haus den Ofen wiedererkannt, den sein Vater gesetzt hatte. Die alte Frau, die heute hier lebt und sich durchschlägt, läßt ihn gern ein. Man kennt sich schon seit Jahren. Ernst Fechner hatte immer eine Tasche mit dem dabei, was das Leben in Medenau leichter macht, ordentlicher Kaffee zum Beispiel. Heute nehmen auch die beiden Abschied voneinander.

In Jahren hatte er Information um Information über Medenau und die anderen Ortschaften des Kirchspiels zusammengetragen. Edgar  Schumacher, bekannt vom „Samlandbrief“ her,  hatte schließlich mit schöner Plakatschrift die Karte von Medenau gefertigt. Und da steht es: Haus Nummer 42 oben an der Straße, die nach Kuhmenen führt, hatten die Eltern von Ernst Fechner gebaut, daneben, ein Stück tiefer gelegen und fast genau gegenüber zur Auffahrt zum Gut Adlig Medenau, praktizierte der Tierarzt Kubbich im Haus Nummer 41.

Nur die Erinnerung hilft. Medenau heute ist ein staubiger Flecken, auf den Straßen sind mehr Hunde als Menschen unterwegs. Und die Menschen kommen nur aus den Häusern, wenn der Bus den alten Dorfplatz anfährt. Ein halbes Dutzend steigt ein und fährt weg, sicher nach Königsberg.

Weiter durch Medenau, mit der Karte in der Hand. Damals, und diese Zeit endete Januar 1945, hatte Medenau 1200 Einwohner, sagen die alten Kreisregister. Der Ort konnte leben. Die größeren Gutshöfe und die kleinen Bauern erwirtschafteten genug, um die Wassermühle und die Windmühle auszulasten. Ein Arzt, Dr. Giesing, versorgte das Dorf, der Tierarzt hatte sein Auskommen, der Apotheker auch. Drei Gasthöfe, zwei Bäcker, der Schlachter, sie konnten vom Dorf leben, natürlich auch die anderen Handwerker, die man braucht, wie Schmied und Schlosser, Tischler und Glaser. Von der „Adler-Apotheke“ ist wenigstens der Adler am Stirngiebel geblieben; Elfriede Wunderlichs Mutter hatte hier gelernt. Der Apotheker hatte die Mutter sogar heiraten wollen, sie wollte jedoch lieber ... aber diese Geschichte gibt’s ein anderes Mal.

Medenau war auf der Höhe der Zeit, mit Stromanschluß. Und die Bedienermannschaft wohnte gleich neben dem Transformatorenhaus; sicher ist sicher. Man ahnt auf dem Gang durch Medenau, wie der kleine Ort einst floriert hat, wo Geld verdient und wieder ausgegeben wurde. Damals, bis Januar 1945.

Die kleine Expedition auf den Spuren der Kindheit in Ostpreußen ist inzwischen zum Kirchplatz hinauf. Die „Concordia-Eiche“ links am Weg hält sich, bestimmt noch 100 Jahre. Von Kirche und Friedhof ist nichts mehr zu sehen – ein paar Steine noch, die dort aufgeschichtet sind, wo der Friedhof begann. Ernst Fechner prägt seinen Begleiterinnen ein, wo die Gräber liegen, verdeckt von mannshohem Kraut. Leider werden immer wieder Gräber von Halunken ausgehoben, die hinter nichts anderem her sind als dem bißchen Gold, das man den Toten mitgab. Tückische Erdlöcher auf dem überwachsenen Friedhof.

Es wird heute ein für alle mal weitergegeben: Heimatkunde in Medenau für die Jahrgänge 1940 plus. Den leichten Hang hinunter, unterhalb der Kirche lag Adlig Medenau, das große Gut. Seinerzeit ein gut geführter Betrieb, mit modernen Stall- und Melkanlagen, natürlich alles elektrisch. Das Guthaus, die Nebengebäude, die Diensthäuser – jetzt nur noch vermooste Mauerreste. Geblieben sind nur ein paar schäbige Ruinen von der Kolchose, die alles an sich genommen hatte. Aber seit der Wende in Rußland rührt sich auch hier keine Hand mehr für die Landwirtschaft. Die Felder werden seit Jahren nicht mehr bestellt, nirgends steht Vieh auf den Weiden.

Ein Haus steht noch auf dem Gutsgelände, erst war es Brauerei, dann Wohnhaus. In den Gewölbekellern der Braustätte hatten sich die Menschen vor den anrückenden Russen versteckt, 50 bis 100 Medenauer werden hier Platz gehabt haben, meint Ernst Fechner. Aber wer konnte dem Schicksal schon entgehen.

Damit auch diese Geschichte nicht vergessen wird, sie gehört zum Ort: Gewohnt hatte in diesem Haus bis zuletzt die Komtesse, eine Tochter der Keyserlingks. Die Familie war  aus Lettland vertrieben worden, von russischen Revolutionären. Hier auf Adlig Medenau waren die Keyserlingks 1917 aufgenommen worden. Im Januar 1945 hatte die Komtesse die verwaisten Kinder aus Medenau um sich gesammelt, um sie nach Neukuhren zu bringen. Niemand weiß, wo sie geblieben sind.

Jeder in der kleinen Gruppe dreht sich einmal zur Seite, will ein paar Minuten allein sein. Die Erinnerungen lassen sich nicht vertreiben, an die Mutter, die umkam. An die ältere Schwester, die verhungern mußte. An die Jahre in dem, was beschönigend Kinderheim hieß. Als der Krieg nach Medenau kaum, machte er durch jedes Leben einen Strich.

Wer kann, der wehrt sich gegen die Erinnerungen und erzählt. Wie der Vater im Sonntagsstaat auf dem Kutschbock saß und mit seinem Gespann im Teich am Weg nach Schuditten landete ... nur so viel für heute: Er war zu lange eingekehrt in den Gasthof mit dem guten Selbstgebrannten.

Acht Tage durch das Samland, damit die Erinnerung an das Leben in Ostpreußen nicht verlorengeht. Kennengelernt hatten sich die Medenauer in der Kreisgemeinschaft Fischhausen. Deren langjähriger Vorsitzender Louis-Ferdinand Schwarz hatte die Bustour durch die Heimat organisiert, mit guter Routine. Erfahrung ist wichtig auf dieser Route, damit man bei den zwei-, dreistündigen Grenzschikanen nicht die Geduld verliert. Beste Kontakte auch, die man über Jahre pflegen muß. Und die dann belohnt werden – wie mit einem Geburtstagskonzert für Louis-Ferdinand Schwarz, nur ein paar Tage voraus zum 70. – mit dem „Ostpreußenlied“ oder dem „Ännchen von Tharau“, gesungen im Dom vom Königsberger Domchor.

Acht lange Tage, welche die zwei Dutzend Reisenden durch das Samland führten, nach Königsberg, später über Gumbinnen und Insterburg weit in den Osten bis Trakehnen. Hinauf über die Nehrung, zur Vogelwarte Rossitten, dann bis Nidden. Und runter nach Süden, bis in den Hafen von Pillau. Dort berichtete tapfer ein Offizieller, welche Anstrengungen man noch unternehmen werde, um den Tourismus zu fördern. Aber noch immer liegt Pillau in der militärischen Sperrzone, Zutritt nur mit Sondererlaubnis gegen Gebühr. Pillau wird es nicht leicht haben gegen die aufstrebenden Ostseebäder in Rauschen und  Cranz. Oder Neukuhren: Wladimir Putin will sich dort nach seiner Amtszeit als russischer Präsident niederlassen; alle reden davon. Die Straße jedenfalls von Königsberg hinauf zur Ostseeküste ist ausgezeichnet. „Wir sagen dazu Putin-Straße“, grinst der Taxifahrer. Vor zwei Jahren hatte Putin seinem Vertrauten Gerhard Schröder schon einmal die neue Heimstatt gezeigt – natürlich ohne lästige Schlaglöcher.

Knapp zwölf Stunden dauert die Busfahrt vom Samland nach Berlin, und dieses Mal wollten es die russischen Grenzbeamten nicht auf die Spitze treiben. Eine Rückkehr mit tiefen Erinnerungen, und noch mehr. Elfriede Wunderlich hatte im Unterholz doch etwas gefunden vom Haus der Großeltern in Medenau – Bruchstücke von den Ofenkacheln, mit einer festen Glasur, der die Jahre nichts anhaben konnten. Das große Stück ist für die ältere Schwester, selbstverständlich: „Sie hätte ja das Haus erben sollen.“

Fotos: Man kennt sich: Ernst Fechner beim Besuch seines Elternhauses und dessen heutige Bewohnerin; Spurensuche: Überall finden sich stumme Zeugen der eigenen Familiengeschichte (Brigitte Reich, Elfriede Wunderlich und Ernst Fechner v. l.).


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