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13.10.07 / Anecken war seine Leidenschaft / Zum Tode des Autoren und Chronisten Walter Kempowski

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 41-07 vom 13. Oktober 2007

Anecken war seine Leidenschaft
Zum Tode des Autoren und Chronisten Walter Kempowski
von Rebecca Bellano

Vor 30 Jahren hätte er sich das nie träumen lassen, und auch in seinen letzten Lebensjahren hätte er nicht gewagt zu hoffen, daß die Nachrufe auf seine Person derartig positiv ausfallen würden. Doch wie das mit Nachrufen so ist: Walter Kempowski wird nie erfahren, daß beispielsweise die „Bild“-Zeitung titelte: „Er war größer als Grass“. Und dies nicht nur aus der Feder eines durchschnittlichen „Bild“-Redakteurs, sondern von Literaturkritiker Hellmuth Karasek höchst persönlich.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ erklärte den extremen Richtungswechsel in der literarischen Beurteilung des 1929 in Rostock geborenen Autoren wie folgt: „Die undurchschaubaren Auslesemechanismen der Literaturgeschichte folgen nur selten dem Prinzip der Gerechtigkeit. Manchmal freilich, wenn sich der Zeitgeistwind dreht und die ideologischen Fußfesseln abgelegt werden, geschieht es, daß der Rang von Autoren noch zu ihren Lebzeiten erkannt wird und diese nicht auf Ruhm im Dichterparadies hoffen müssen.“

Kempowski erfuhr also zu Lebzeiten noch die Würdigung seines Werkes: als Autor und als Chronist, denn der Künstler, der acht Jahre in dem berüchtigten DDR-Gefängnis Bautzen einsaß, archivierte fremde Lebensberichte. Er sei „beständig in seiner Wahrheitssuche“ gewesen, attestiert ihm Hellmuth Karasek. Ob nun fremde Erlebnisberichte in „Echolot“, eigene Tagebuchaufzeichungen collageartig gemischt mit offiziellen Nachrichten wie in „Hamit“ oder sein 1975 verfilmeter autobiographischer Roman „Tadellöser & Wolff“; der für seine spitze Zunge Bekannte überzeugte durch Vielseitigkeit und seinen kauzigen Außenseitercharme. Sein Herz lag auf seiner Zunge: und so sagte er oft genug politisch Unkorrektes und interessierte sich stets für alle Opfer der nahen Vergangenheit. Dazu gehörten auch Heimatvertriebene und DDR-Opfer.

Mit den Linken konnte der Konservativ-Liberale gar nicht. Häufig wurde in den vielen Nachrufen folgende Aussage von ihm zitiert: „Ich bin konservativ und liberal, und das darf man in Deutschland nicht sein … Man darf ja auch heute nicht seine Meinung sagen in Deutschland. Versuchen Sie das doch mal! Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt.“

Mit „Über eine Frau mit PDS-Fahne schreibt er: ,In Gedanken hab’ ich sie wollüstig in den Arsch getreten, mehrmals‘“, erinnert sich die „Süddeutsche“ der Bärbeißigkeit des lange Verkannten. Gerade diese Bärbeißigkeit, die zwar auch dem Literaturnobelpreisträger Günter Grass eigen ist, bei Kempowski aber ohne Rücksicht auf allgemeine Strömungen war, verleiht vielen seiner Publikationen den besonderen Reiz.

Daß auch der nun seinem Darmkrebsleiden Erlegene keineswegs immer nur literarische Würfe getätigt hat, ist selbstverständlich, nur wenige Autoren liefern nur beste Qualität.

Bedauerlich ist nur, daß gerade der Ostpreußenroman des mit 78 Jahren Verstorbenen „Alles umsonst“ nicht zu seinen besten Werken gehört.


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