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20.10.07 / Immer mehr Eltern mit Demonstrationsroutine / Lehrermangel, Unterrichtsausfall, hohe Ausländeranteile: Berlins Schulen in der Krise

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-07 vom 20. Oktober 2007

Immer mehr Eltern mit Demonstrationsroutine
Lehrermangel, Unterrichtsausfall, hohe Ausländeranteile: Berlins Schulen in der Krise
von Paul Holland

Es brennt im Berliner Schulsystem. Vor der Charlottenburger Grunewald-Grundschule und der Pankower Grundschule im Panketal gingen dieser Tage Eltern mit ihren Schulkindern auf die Straße: Sie protestierten gegen Unterrichtsausfall und Notstundenpläne, gegen die „katastrophale Personalausstattung“ ihrer Schulen und den permanenten personellen „Verschiebebahnhof“, der kontinuierliche Arbeit in den Grundschulklassen nahezu unmöglich macht.
Die Grunewald-Eltern sind demonstrationsgeübt; geholfen hat es ihnen nicht viel. Trotz vorhersehbarer Vakanzen habe die Schulverwaltung geschlafen: Zwei Lehrer dauerkrank, drei weitere Planstellen unbesetzt – das Lehrerkollegium habe nur noch 75 Prozent seiner Sollstärke, moniert ein Sprecher der Elterninitiative.

Luxusprobleme, mag da mancher Schulleiter in den innerstädtischen Problemkiezen mit ihrem hohen Anteil muslimischer Einwanderer türkisch-arabischer Herkunft denken. In Kreuzberg oder Neukölln, wo an manchen Schulen der Prozentsatz der restdeutschen Schüler im einstelligen Bereich liegt, scheitert geregelter Schulunterricht an anderen Problemen als Krankheitsvakanzen und unbesetzten Planstellen: an multikulturellen Sprach- und Verständigungsproblemen etwa, an totaler Verweigerungshaltung, Gewalttätigkeit und dem dominanten Auftreten jugendlicher Straßengangs. Statt mit dem drängenden Engagement der um die Bildungschancen ihrer Kinder besorgten Eltern im wohlbehüteten Charlottenburg-Wilmersdorf schlagen sich innerstädtische Lehrerkollegien mit Desinteresse, Integrationsverweigerung oder Aggressivität der in ihren Parallelgesellschaften verschanzten Migranten-Eltern herum.

Verwegene Lösungsvorschläge wie den Bustransport der Kinder quer durch die Hauptstadt, um die Ausländerquoten der einzelnen Schulen einander anzunähern, wurden schnell ad acta gelegt. Selbst der Regierende Bürgermeister Wowereit bekundete unlängst, lebte er in Kreuzberg, würde er seine Kinder (so er welche hätte) dort nicht zur Schule schicken.
Kein Wunder also, daß die elterliche „Abstimmung mit den Füßen“ gegen die Berliner Hauptschule in diesem Jahr einen neuen Rekord erreicht hat: Nur noch fünf Prozent der Eltern hätten diesmal ihre Kinder an einer Hauptschule angemeldet; im vergangenen Schuljahr waren es noch neun Prozent. Regelschüler haben die Berliner Hauptschulen kaum noch; statt dessen würden sie zum Sammelbecken von an anderen Schulformen Gescheiterten, von verhaltensauffälligen Jugendlichen und solchen, die wegen wiederholter Gewaltdelikte von einer Schule zur nächsten wandern müßten, klagen Berliner Hauptschulleiter.

Der rot-rote Senat setzt gegen die Misere vergeblich auf Rezepte von gestern. Die Wiederbelebung der Gesamtschule unter dem neuen Etikett „Gemeinschaftsschule“ konnte die vergammelte bildungspolitische Ware nicht frischer machen. Der Versuch, die Krise der Hauptschule durch Zusammenlegung mit anderen Schulformen zu lösen, stößt bislang weder bei Realschulen und Gymnasien noch bei den Eltern auf Gegenliebe. Die Opposition aus CDU und FDP sowie der Philologenverband Berlin / Brandenburg halten den rot-roten Modellversuch für gescheitert.
Das Problem, nörgeln sozialdemokratische Bildungspolitiker, seien die Eltern, die sich einfach weigern, ihre Kinder auf eine Gesamtschule zu schicken. Auch die „Genossen Eltern“ melden ihre Kinder lieber auf einem Gymnasium an. Bildungsgerechtigkeit, mahnen neueste Schulstudien, entsteht nicht durch Niveauabsenkung und Leistungsverzicht, sondern nur dadurch, daß Schüler gleichmäßig zu Leistung und Anstrengung angehalten würden.

Während linke Bildungsideologen sich mit dieser Erkenntnis nach wie vor schwertun, ziehen immer mehr Eltern daraus praktische Konsequenzen: Sie gründen Privatschulen, wo das nivellierte und ausgedünnte staatliche Bildungsangebot nicht mehr ihren Erwartungen entspricht. Lokalpolitiker in Sachsen und Brandenburg haben verstanden, sich das Engagement der privaten Schulgründer zunutze zu machen, um ihr Budget zu entlasten: Für mehr als zwei Drittel der Schulen, die in Mitteldeutschland aus Geld- oder Schülermangel geschlossen werden, entsteht eine private Einrichtung, häufig in kirchlicher Trägerschaft.

Das rot-rote Berlin scheint diesem Trend noch skeptisch gegenüberzustehen. Nur elf private Schulen wurden dieses Jahr in der Hauptstadt genehmigt, während mehr als dreimal so viele öffentliche geschlossen wurden. In Kreuzberg, berichtet der „Rheinische Merkur“, wurde eine Elterninitiative, die eine evangelische Grundschule aufmachen wollte, von der grünen Bildungsstadträtin abgeschmettert: Die „bildungsbewußten“ Eltern dürften sich nicht einfach aus den staatlichen Schulen rausziehen.

Die so Zurechtgewiesenen denken freilich nicht daran, ihre Kinder für die Fehler der Politik bezahlen zu lassen; lieber folgen sie dem indirekten Rat ihres Bürgermeisters und verlassen die kriselnden Stadtquartiere. Die Schulverwaltung wäre also gut beraten, dem völligen Absturz der Problemviertel durch Zulassung von Privatschulen einen Riegel vorzuschieben. Doch selbst wenn das gelänge: Die Zeiten, da das staatliche Schulwesen Bildung auf hohem Niveau für alle garantieren konnte, scheinen sich dem Ende zuzuneigen.


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