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20.10.07 / Ein stolzes Lebenswerk / Otto Boris wurde vor 120 Jahren in Lubjewen geboren und starb vor 50 Jahren in Hamburg

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-07 vom 20. Oktober 2007

Ein stolzes Lebenswerk
Otto Boris wurde vor 120 Jahren in Lubjewen geboren und starb vor 50 Jahren in Hamburg
von Ruth Geede

Er galt als einer der erfolgreichsten Tierschriftsteller, sein Name wurde in einem Atemzug mit Hermann Löns, Paul Eipper und dem wohl prägnantesten Naturschilderer seiner Zeit, Svend Fleuron, genannt. Über 60 Bücher hat er geschrieben, einige erreichten hohe Auflagen, wurden in andere Sprachen übersetzt, aber kaum eines seiner Werke ist heute noch in Bibliotheken zu finden, obgleich immer wieder danach gefragt wird: Otto Boris, ein Mensch, der die Natur liebte, ihre Gesetze und Geheimnisse zu ergründen versuchte, um sie in Wort und Bild wiederzugeben, gehört zu den fast Vergessenen. Sein 50. Todestag am 18. September ist ein guter Anlaß, ein Bild dieses Mannes zu zeichnen, dessen künstlerisches Schaffen eine erstaunliche Bandbreite aufweist, das sich aber immer in den von ihm gesetzten Rahmen einfügt, die Natur in ihrer Ursprünglichkeit und unverfälschten Schönheit dem Leser näher zu bringen.

Kein Wunder, denn der Autor Otto Boris war Ostpreuße und dort aufgewachsen, wo das Land am einsamsten ist, in Masuren, dicht an der damals polnisch-russischen Grenze. Er hat viel über seine in eine fast archaische Landschaft eingebettete Kindheit und Jugend geschrieben, aber aus der Erinnerung heraus, denn als 1927 sein erstes Buch erschien, hatte er die Heimat bereits verlassen. Erst als Enddreißiger entdeckte der Vielbegabte, der sich in erster Linie als Maler sah, seine Befähigung zum Schreiben – da lebte er schon in Berlin.

Otto Boris wurde am Heiligen Abend 1887 in Lubjewen bei Nikolaiken geboren und als Christkind unter den Weihnachtsbaum gelegt. Weil er so winzig war, hielt seine Schwester ihn für eine Puppe. Es war aber eine höchst lebendige, die das kleine Schulhaus mit kräftigem Krähen noch mehr belebte. Denn der Vater war der einzige Lehrer der einklassigen Dorfschule, er schrieb seinen Namen übrigens mit ß, das sein Sohn später in ein einfaches s umwandelte. Es wurde, als Otto Boris als Maler und Schriftsteller bekannt wurde, als Künstlername gedeutet, mit dem der vielseitig Begabte bewußt seine östliche Herkunft herausstellen wollte. Es geschah aber wohl wegen der unterschiedlichen Schreibweise – denn früher wurde das ß als hs geschrieben, mit Maschinenschrift mit zwei s –, da erschien ihm seine gewählte Form praktikabler. Jedenfalls sah er sich selber als Nachfahre eines alten Jäger- und Sammlervolkes, was seine feste Einbindung in eine unberührte Natur, in Wald und Wildnis, belegen könnte.

Wie bei vielen begabten Menschen setzt die Erinnerung früh ein, und sie beginnt bei Otto Boris in dem kleinen Schulhaus im letzten Zipfel der Johannisburger Heide, in Gehsen, dicht an der Grenze. Dorthin wurde der Vater versetzt, als der Sohn noch nicht einmal zwei Jahre alt war. Es war ein bescheidenes Leben, die acht Morgen Land, die zu diesem dicht am Walde gelegenen Haus gehörten, benötigte die Familie zum Lebensunterhalt. Otto wuchs mit Bruder und Schwestern in einer eigenen kleinen Welt auf, die weniger von Menschen als von Tieren und Pflanzen bestimmt war. Da war die große Kiefer, die am Waldrand stand, dicht am Zaun des Hauses, durch den der Junge kroch, kaum, daß er laufen konnte, um sich dort in den Sand zwischen den Baumwurzeln zu kuscheln wie in ein Wiegennest. Er liebte diesen Baum über alles, er war sein Freund, sein Beschützer, er sprach mit ihm, er wurde ein Teil von ihm. Wenn die Mutter ihren Jüngsten suchte, dann wußte sie, wo sie ihn zu finden hatte. Diesen Baum hat er nie vergessen, er wurde für ihn zum Lebensbaum, zum Symbol für sein späteres Schaffen, das immer mit der Natur verbunden blieb.

Aber er hat auch andere Erinnerungen an jene Zeit an der Grenze, an der damals viel geschmuggelt wurde. So verschwand die prächtige schwarzweiße Herdbuchkuh, die sich der Vater angeschafft hatte und die sein ganzer Stolz war, denn sie erbrachte eine für diese magere Gegend geradezu sagenhafte Milchleistung. Sie war nicht zu finden, bis sie eines Tages jenseits der Grenze entdeckt wurde. Der Vater konnte sie als die seine identifizieren und holte sie zurück. Boris hat diese Begebenheit in einer Geschichte aus seiner Kindheit und Jugend geschildert, die er erst als 60jähriger schrieb. Aber literarisch verarbeitet hat er diese Zeit bereits in seinem ersten Buch „Um die Grenze“, einem Masurenroman, der 1927 erschien. Da hatte Boris endlich zu seiner eigentlichen Bestimmung gefunden, dem schriftstellerischen Schaffen.

Bis dahin war es ein weiter Weg von der Geborgenheit der Kindheit bis zu einem unsteten Leben als freier Künstler in Berlin gewesen, ein Ruheloser, den weder seine erste berufliche Tätigkeit als Volksschullehrer im nördlichen Masuren noch – nach dem Studium an der Königsberger Kunstakademie – als Zeichenlehrer an einer Oberschule in Pillau befriedigen konnte. Da er im Ersten Weltkrieg einen Lungenschuß bekommen hatte, wurde er 1924 pensioniert und wurde freischaffender Maler in Berlin. Er schuf Tier- und Landschaftsbilder, Stilleben, Porträts, aber auch Karikaturen, illustrierte für einen großen Verlag Werke der Weltliteratur wie Defoes Robinson Crusoe und der deutschen Klassik, so Goethes Götz und den Egmont, Hebbels Agnes Bernauer und den „Prinz von Homburg“ von Kleist. Da Boris aber eine Familie zu ernähren hatte – nach einer gescheiterten frühen Ehe hatte er noch in Königsberg Gertrud Pasternaci geheiratet, in Berlin wurde Tochter Silke geboren –, verfaßte er Beiträge für Berliner Zeitungen, zuerst über die bildende Kunst, aber dann wurden es kleine Erzählungen, Kurzgeschichten, Tierschilderungen, die in seiner Kindheit in der Heimat wurzelten. Sie veranlaßten den Kritiker und Kunsthistoriker Paul Fechter, der als geborener Westpreuße die Begabung des Schreibers und sein durch Erleben erworbenes Wissen erkannte, Otto Boris anzuregen, einen Roman zu schreiben. So entstand sein Erstling „Um die Grenze“, dem bald eine Erzählung aus prussischer Vorzeit, „Der Schlangenpriester“, folgte.

Sein schriftstellerisches Schaffen aber brach sich erst in Hamburg Bahn, wohin Otto Boris 1934 nach einem Zwischenspiel in Hannover und erfolgter Scheidung von seiner zweiten Frau gezogen war. Der schwierige und unstete Künstler fand hier festen Boden, auch in realem Sinne, denn er erwarb, nachdem er endlich finanziell durch seine Bucherfolge gesichert war, ein Haus mit Garten im Hamburger Vorort Rahlstedt. Hier schuf er sich eine eigene, etwas verwunschene Welt, in der die Natur die Dominante spielte. Seine dritte Frau hielt ihm alles fern, was ihn stören konnte. In diesem Refugium entstanden die meisten seiner Tier- und Jagdgeschichten, Romane, Novellen, von denen viele ihre Wurzeln in Ostpreußen haben. Es war, als hätte Boris seine in der Heimat erlebten Naturbeobachtungen jahrzehntelang gespeichert, sie wurden dann zu einem nie versiegenden Kraftquell für seinen nunmehr endgültigen Beruf, den er wohl jetzt als Berufung empfand. Allein in seinem ersten Jahr im eigenen Rahlstedter Haus veröffentlichte er neun Bücher, darunter „Masurens Wälder rauschen“, seine Kindheits- und Jugenderinnerungen. So wurde er zu einem der erfolgsreichsten und auflagenstärksten deutschen Schriftsteller jener Jahre.

Einige Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt, erschienen auch in Blindenschrift und sogar in Stenographie! Den Weg dahin hatte vor allem „Aldi, die Geschichte eines Storches“ gebahnt. Eine breite Spur zog dann sein bekanntestes und beliebtestes Buch „Worpel“ – die Jugendgeschichte eines Elches. Es erschien 1936 und wurde auf Anhieb ein Bestseller. Im deutschen Elchland Ostpreußen, wo die Geschichte spielt, wurde das Buch auch mit besonders kritischen Augen gelesen, aber bald verschwand jeder Anflug von Skepsis. Man war einfach gefesselt von der Art, wie Boris diese Tiergeschichte erzählte und so Land und Tier neu entdeckte. Denn zwar sind Worpel und andere Elche die Hauptpersonen, aber sie sind ein Teil der einsamen Landschaft und ihrer Menschen, die der Autor mit großer Kenntnis schildert, zumal er auch das historische Zeitkolorit mit breiten Strichen zeichnet, das nach dem Ersten Weltkrieg politisch spannungsgeladene Land um Haff und Memel. Otto Boris hat, wie ihm manchmal vorgeworfen wurde, die Tiere nicht vermenschlicht, er gibt ihnen zwar die Sprache, aber sie dient zum Dialog mit dem Leser, bezieht ihn stärker ein in ihre Welt, macht sie ihm verständlich. Das zeigt sich auch in einem weiteren Tierbuch, das zu seinen besten gehört: „Mein Uhu Gunkel und seine Zeit“.

Damit war der weitere Weg des besessenen Schreibers als Tierschriftsteller vorgezeichnet. Von seinem Schreibtisch aus erforschte er für seine Leser die Wunder von Fauna und Flora, nicht nur die einheimischen, sondern auch die fremder Länder, die er selber nie bereiste, aber mit großer Sorgfalt erarbeitete. Die Palette seines Schaffens allein auf diesem Gebiet ist breit gefächert, seine Tiergeschichten reichen vom Gorilla „Mungi“ bis zum Eisbären „Nanuk“, von „Arbo“, dem Elefanten bis zum „Einzelgänger“, der Geschichte eines Jaguars, oft ins Abenteuerliche driftend wie in den Büchern „Lebensgefahr im indischen Dschungel“ und „Der Schlangengott am Amazonas“. Aber er läßt auch „Schlichte Seelen“ nicht aus – so betitelt er ein Buch über die Tierwelt aus Wald und Feld, schreibt über Raben und Füchse, Wölfe und Rehböcke und auch über Haustiere wie „Kater Murrner“ und „Dackel Murzel“. Derber ist da schon der Humor in den Romanen und Erzählungen, sie spielen meist in seiner Heimat, die er früh verließ und zu der er als später Erzähler in der Erinnerung wieder zurückfand. Gerade diese Tierbücher weisen eine hohe sprachliche Qualität auf. Das bestätigt auch der Rahlstedter Studienrat Jürgen Wittern, der in einer Kurzbigraphie das Wirken des Künstlers eingehend behandelt (Rahlstedter Jahrbuch für Geschichte & Kunst 2005), in dem er schreibt: „Otto Boris gelingt es, aus dem Verstehen ihrer Wesensart, quasi ihrer Seele, Tierpersönlichkeiten zu schildern und durch seine anschauliche, treffsichere Sprache ihr Leben in der ihr eigenen Umwelt und in Beziehung zu anderen Tieren romanhaft darzustellen. Der Leser fühlt sich mit einbezogen, erlebt mit Spannung das Geschehen und erfährt unaufdringlich, wie nebenbei, viele neue Einzelheiten aus dem ihm oftmals so fremden Reich der Natur. Mit der Schilderung der Landschaft und der Pflanzenwelt läßt Boris romantische Stimmungsgemälde entstehen, aus denen aber bisweilen die Unbarmherzigkeit der Überlebenskämpfe in der Natur hervorbricht.“

Auch in jedem seiner späteren Lebensjahre brachte Otto Boris mindestens ein Buch heraus, erst der Tod nahm ihm die Feder aus der Hand. Otto Boris verstarb im 70. Lebensjahr nach kurzer, schwerer Krankheit in seinem Rahlstedter Heim inmitten der Gartenwildnis, in der er vielen Tieren eine Heimstatt bot. Wie er in seinem Buch „Mein Garten“ schreibt: „Alle sind aufrichtige Wesen. Es ist keine Falschheit, keine Hinterlist, keine Politik bei ihnen zu finden. Sie leben, lieben, singen, zeugen, erziehen ihre Kinder, sie leben am Herzen Gottes, und mitunter will es mir scheinen, daß sie ihm näher sind als wir Menschen mit unserer vielgepriesenen Intelligenz. Jedenfalls steht fest, daß sie ihn nicht zu suchen brauchen, denn sie haben ihn nie verloren!“

Otto Boris war seiner Zeit weit voraus. Wie gut hätte er in die heutige gepaßt. Aber seine Bücher, die nach dem Krieg noch als Erstausgaben wie „Meine schönsten Tiergeschichten“ oder als Reprint erschienen, sind vergriffen – insgesamt 63 Titel. Ein stolzes Lebenswerk!

„Worpel“: Otto Boris’ bekanntestes und beliebtestes Buch. Foto: Archiv
 

Aus Otto Boris’ »Worpel«

Es war ein ereignisreicher Tag für Worpel. Mutter Elke zog leise, fast unhörbar gegen den Wind. Mit atemloser Spannung folgten ihr die anderen. Und nun spürte Worpel eine Witterung, die ihm sehr wenig zusagte. In den Läufen empfand er ein merkwürdiges Schwächegefühl. Die Rückenhaut zog sich schmerzlich zusammen, so daß sich die Haare wie eine Bürste aufstellten. Noch einmal nahm Elke Wind, dann ging sie in scharfem Troll ab. Ihr Volk brauste hinterher. In einem dichten Dschungel von Jungerlen standen sie unter. Worpel erlag der Neugier. Trotz Warnung wagte er sich hinaus. Und da stand er kaum 50 Schritt vor einem Wesen, das sich ungeschickt auf den beiden Hinterläufen fortbewegte. Jetzt hatte es ihn gesehen und heftete seinen Blick auf ihn. Es war Förster Timm, der Elchvater, wie ihn seine Kollegen nannten. Schmunzelnd strich er den graumelierten Knebelbart und sagte: „Der Bursche wird! Das ist ein Zukunftshirsch. Das hast du brav gemacht, Elke. Wenn er nur nicht den Wilddieben in die Hände fällt!“


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