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20.10.07 / Oma Trinchen / Mallorca sehen und dann sterben

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 42-07 vom 20. Oktober 2007

Oma Trinchen
Mallorca sehen und dann sterben
von Gabriele Lins

Mallorca sehen und dann sterben!“ entschied Oma Trinchen und packte ihre Koffer. Noch nie war sie im Süden gewesen, und nun, da ihr lieber Ehemann das Zeitliche gesegnet hatte, wollte sie sich endlich ihren großen Wunsch nach Freiheit und ewiger Sonne erfüllen, ehe sie ihrem Fritz in die Gefilde der Seligen folgte. Oma Trinchen hatte ein hohes Maß an Erlebnisfreudigkeit und Kontaktfähigkeit, und das alles gepaart mit jungmädchenhafter Neugier und altersgerechter Weisheit; sie würde, auch wenn sie allein reiste, ganz gewiß nicht untergehen. Unbedingt mußte sie vor dem sicher bald nahenden Ende „die Welt“ kennenlernen, das hatte sie sich und der heiligen Maria unter dem hehren Madonnenbild in ihrem Schlafzimmer versprochen. Gebetbuch und Rosenkranz würden sie beschützen. Es konnte losgehen!
„Mutter“, gab ihre jüngste Tochter Anni zu bedenken, „du kannst kein Spanisch, und die Hitze verträgst du auch schon lange nicht mehr. Fahr doch lieber in den Schwarzwald!“

„Paß du lieber auf deine eigene fliegende Hitze auf“, gab Oma barsch zur Antwort, „und was mein Spanisch angeht, so spreche ich schon seit sechs Wochen mit Nachbar Domenico einfache spanische Wörter und sogar Sätze. Domenico hat mir immer wieder eine gute Sprachbegabung bescheinigt. – Und tschüß!“ Oma Trinchen war weg. Auf Reisen. Jede Woche flatterte den armen Zurückgebliebenen eine bunte Postkarte ins Haus, darauf immer wieder das blaue Meer mit und ohne Sonnenuntergang. Dann, oh Wunder, folgten Karten mit einer strahlenden Oma Trinchen, an ihrer Seite ein breit lachender Domenico im farbenfrohen Urlaubs-Look, beide Pizza oder Spaghetti essend und Rotwein trinkend. Sieh an, der Nachbar! Nun war Oma Trinchen in guten Händen. Oder vielleicht nicht?

„Dieser Spanier ist nicht so ganz koscher“, nörgelte Onkel Paul. Seine Frau Emilia meinte augenverdrehend: „Der klaut eurer Oma im Handumdrehen die Scheckkarte, setzt sich nach Brasilien ab und macht sich dort einen lustigen Lenz. Und das Trinchen stirbt an gebrochenem Herzen!“ Omas Tochter Anni jammerte: „Warum wollte sie auch unbedingt noch nach Mallorca. Die schönen Städte Heidelberg oder Rothenburg ob der Tauber hätten es doch auch getan!“„Wir müssen eben hinterherfahren“, sagte Annis Mann Jonas, „in einer Woche sind ja Ferien.“ „Au ja“, brüllten Trinchens Enkel begeistert, „wir werden Oma retten und diesen Domenico bewachen und überführen!“ „Ihr habt zuviel Krimis gesehen!“ schimpfte Tante Emilia, aber die Reise nach Mallorca war beschlossen. Doch die Woche hatte gerade angefangen, da war Oma Trinchen schon wieder im Lande. Aber sie kam nicht allein, sondern hatte ihren frisch angetrauten Ehemann im Gefolge, Domenico Barcasso.

„Groooooße Liebe!“ rief dieser, streute seinen spanischen Charme in alle Richtungen und busselte Oma Trinchen mehrmals ab. Man konnte ihm einfach nicht böse sein, zumal das runde Gesicht der alten Dame wie ein eben geborener Stern leuchtete. Sie sah um Jahre jünger aus. Was Glück so alles zustande bringt! Da sage mir noch mal einer, daß es im Alter keine Liebe mehr gibt, sondern nur noch langweilige Gewohnheit. Dem werde ich was erzählen!


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