27.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
27.10.07 / Postfach 1330 / Der Militärstrafvollzug in der DDR war ein Tabuthema

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 43-07 vom 27. Oktober 2007

Postfach 1330
Der Militärstrafvollzug in der DDR war ein Tabuthema
von Mariano Albrecht

Wehrdienst in der DDR, ein Thema über das viele heute ungern sprechen, und wenn, dann kommen meist skurrile Geschichten zutage. Man verdrängt, erinnert sich nur an Positives oder schmückt Unangenehmes aus. Das Schlimmste jedoch war die Erfahrung Schwedt, Postfach 1330.

Das System, mit dem der kommunistische Arbeiter- und Bauernstaat die Verteidigung des Machtapparates organisierte, war von strenger militärischer Disziplin, ideologischer Indoktrination und harten Kommandostrukturen geprägt. Wer sich widersetzte, lief Gefahr, mit dem Härtesten bestraft zu werden, was die Dienstvorschriften der NVA vorsahen: Strafvollzug in der berüchtigten Disziplinareinheit 2 in Schwedt. Kein normales Gefängnis, im Soldatenjargon Bau, in dem Trunkenbolde landeten, die ihre Ausgangszeit überschritten hatten.

Um mit einer Disziplinierung in Schwedt bestraft zu werden, bedurfte es keines Gerichts. Kommandeure und Kompaniechefs durften Haftstrafen bis zu drei Monaten nach eigenem Ermessen anordnen. Die Drohung „Sie landen in Schwedt!“ schwebte wie ein Damoklesschwert über jedem Soldaten. Schwedt als Horrorszenario, wer einmal in Schwedt war, kam als anderer Mensch zurück. Schweigsam, gebrochen, gehorsam, wer dort war, sprach nicht mehr darüber. Ehemalige Insassen berichteten nur, daß sie zum Schweigen vergattert wurden.  Doch was passierte hinter den dicken Mauern und Stacheldrahtzäunen in der Oderstadt.

Ein Ex-Offizier erinnert sich, einen Soldaten in Schwedt abgeliefert zu haben. „Ich kam nur bis zum Kontrollpunkt, einer Art Schleuse, Papiere unterschreiben, der Soldat blieb stehen, dann mußte ich gehen. Mehr bekam man auch als Vorgesetzter nicht zu sehen.“

Im Bundesarchiv befinden sich nur 150 Seiten Akten über den militärischen Strafvollzug in der DDR. Daraus geht hervor, daß es auf dem Gelände in der Nähe des Petrolchemischen Kombinats genaugenommen zwei Vollzugseinrichtungen der NVA gab: die Disziplinareinheit 2, in der meist politische oder disziplinarische Verfehlungen mit Strafarrest geahndet wurden, und einen Strafvollzug für kriminell gewordenen NVA-Angehörige. Höhere Strafen wurden in zivilen Einrichtungen geahndet. Ein Tagesdienstablaufplan läßt das System erkennen: permanente Beschäftigung, verschärfte militärische Ausbildung, harte Arbeit und Freizeit- sowie Schlafentzug. Der Tag begann um 4 Uhr mit Wecken und Frühsport und endete um 22 Uhr. Auch heute noch ist es schwierig, mit ehemaligen Häftlingen zu sprechen. Nach 20 Jahren sind einige noch immer traumatisiert, verdrängen das Erlebte. Detlef F. aus Berlin verbrachte drei Monate in Schwedt, nach Schikanen in der Truppe gingen dem damals 19jährigen die Nerven durch, er lief einfach weg. Ehemalige Mithäftlinge hat er nie wiedergesehen. „Man durfte nicht darüber reden, wo man herkam, aus welcher Einheit, überhaupt sprach man kaum miteinander, obwohl man mit mindestens zehn Leuten in einer Zelle war. F. berichtet von einem Regime der Angst und der Erniedrigung und Schliff vom Empfang bis zur Entlassung aus der Armee: „Als mein Vorgesetzter, der mich nach Schwedt brachte, weg war, fand im Nebenraum eine medizinische Untersuchung statt, dann ein Gespräch mit einem Offizier, offensichtlich von der Stasi. Er machte mir klar, daß ich hier keine Rechte hätte, Post und Kontakt zu Angehörigen ausgeschlossen. In einem einzigen Brief mußte ich meinen Eltern mitteilen, daß ich für drei Monate nicht erreichbar sein würde. Warum, das durfte nicht erwähnt werden. Ich wurde aufgefordert, Mitinsassen auszuspionieren und über alle Äußerungen Meldung zu machen. Später merkte ich, daß alle Häftlinge regelmäßig zum Rapport mußten.“

Zögernd berichtet Detlef F., wie das System Schwedt funktionierte: „Es wurde meist nur gebrüllt, die Persönlichkeit war abgeschaltet, bei den Mahlzeiten durfte nicht gesprochen werden, sagte doch mal jemand etwas, wurde das Essen durch die Vorgesetzten abgebrochen, für alle.“ Es wurde von früh bis spät gearbeitet, jeder Gang im Laufschritt, dann ABC-Schutzausbildung, 3000-Meter-Lauf, Politschulung und wieder Ausbildung, das konnte bis in die Nacht gehen. Das schlimmste jedoch war die Isolation des Einzelnen.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren